Dienstag, 03.04.2018
Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote.

Illustrationen: cveiv/Thinkstock/Getty Images

Inklusion bei der Arbeit: Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote.

Einkauf
Win-win-Situation

Wie Behindertenwerkstätten und Mittelständler kooperieren

Gesunde Umsätze: Mittelständische Unternehmen und Behindertenwerkstätten arbeiten oft seit Jahrzehnten zusammen. Und das zum gegenseitigen Vorteil.

Woher und von wem die Lieferung kommt, ist für Peter Stiegler nicht entscheidend. Hauptsache, sie erfüllt die Anforderungen seines Unternehmens. Der Leiter Strategischer Einkauf bei dem Sitzmöbelhersteller Dauphin vergibt pro Jahr Aufträge im Wert von mehr als 100.000 Euro an Werkstätten für behinderte Menschen. Bevorzugter Partner sind seit mehr als 20 Jahren Einrichtungen des katholischen Hilfswerks Caritas. „Dort gibt es Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen, wie psychisch erkrankte oder körperlich beeinträchtigte Menschen“, erläutert Stiegler. Sie stellen im Auftrag von Dauphin Bauteile wie Metallkomponenten und Armlehnen her oder übernehmen einfache Montagearbeiten.

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Bundesweit finden rund 310.000 Menschen mit Behinderung, die wegen einer schwerwiegenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, mit Hilfe der bundesweit rund 760 Werkstätten Arbeitsangebote. Unterstützt werden sie dabei von 70.000 Fachkräften, die eine sonderpädagogische Zusatzausbildung haben. Auch Menschen, die einen Unfall erlitten oder ein Burn-out überstanden haben, nutzen die Werkstätten als Chance zur Wiedereingliederung ins Berufsleben. Die in den Werkstätten entstehenden Produkte und Dienstleistungen gehen in den allgemeinen Wirtschaftskreislauf ein. Der von den Behindertenwerkstätten erwirtschaftete Gesamtumsatz ist beachtlich: rund 8 Milliarden Euro pro Jahr.

Für mittelständische Unternehmen kann die Zusammenarbeit mit dieser besonderen Unternehmensform durchaus rentabel sein. Denn so lässt sich ein Teil der Ausgleichsabgabe einsparen. Diese fällt für alle Arbeitgeber an, die nicht ihrer Beschäftigungspflicht für schwerbehinderte Menschen nachkommen. Eigentlich sind Unternehmen mit – im Jahresdurchschnitt – monatlich mehr als 20 Mitarbeitern gesetzlich verpflichtet, auf mindestens 5 Prozent dieser Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Das schreibt das Sozialgesetzbuch (SGB) in Paragraph 154 SGB IX vor. Wird diese Vorgabe nicht eingehalten, muss eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden (Paragraph 160 SGB IX). „Unternehmen, die Aufträge an Werkstätten für behinderte Menschen vergeben, können das auf ihre Ausgleichsabgabe anrechnen lassen“, erklärt Friederike Kilian vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

Thomas Heymel, Leiter Corporate Development bei dem Sozialunternehmen Stiftung Pfennigparade in München und zuständig für den Aufbau von Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen, beobachtet in den vergangenen Jahren allerdings eine Veränderung: „Es wird zunehmend schwerer, laufende Beauftragungen zu erhalten oder gar neue zu akquirieren. Dazu kommt, dass im Umfeld der Werkstätten ein immer größerer Wettbewerb um Kooperationspartner herrscht.“ So reiche allgemeiner, sozialer oder gesellschaftlicher Mehrwert nicht mehr aus, um sich als interessanter Partner im Mittelstand zu positionieren. „Die Werkstätten müssen ihr Angebot und ihre Botschaften verstärkt auf die konkrete Situation des möglichen Kunden anpassen. Dazu sind intensive Beziehungsarbeit und ein gutes Gespür für das Unternehmen erforderlich.“

 


Wie Werkstätten und Sozialunternehmen das schaffen und wie die Zusammenarbeit mit Mittelständlern genau funktioniert, lesen Sie in der Titelgeschichte der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe 4/2018, die am 6. April 2018 erscheint. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.