Freitag, 02.11.2012
Versorgungssicherheit

Angst vor dem Blackout

Unternehmen rüsten sich mit Notstromaggregaten gegen winterliche Stromengpässe. Eine kluge Strategie, oder ist die Angst vor dem Blackout übertrieben?

Der Winter ist in Deutschland angekommen und viele Unternehmen bereiten sich auf Stromengpässe vor.  Die Angst vor dem Blackout ist größer denn je: Wirtschaftsverbände, Energieversorger und Netzbetreiber warnen vor kritischen Situationen. "Hysterie oder Realität?", haben wir Professor Dr. Andreas Löschel gefragt. Der Wissenschaftler leitet den Forschungsbereich "Umwelt- und Ressourcenökonomik" am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und ist seit 2011 Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft" der Bundesregierung. Im Gespräch mit Markt und Mittelstand verrät der Experte wie  der Spagat zwischen Netzbelastung und Energiewende gelingen kann und warum Notstromaggregate keine Lösung sind. Mehr zu der Angst vor dem Blackout lesen Sie in der neuen Markt und Mittelstand.

"Wollen wir das?"

MuM: Der erste Schnee ist gefallen, die Kälte treibt den Energieverbrauch in die Höhe. Wie sicher ist die Stromversorgung der Industrie?
Löschel: Aktuell sind wir in einer relativ komfortablen Situation. Deutschland verfügt über genügend Kapazitäten und die vertragliche Sicherung von Reservekapazitäten ist eine sinnvolle Art mit eventuellen witterungsbedingten Engpässen umzugehen. Kurzfristig ist das eine gute Lösung, die uns sicher durch den Winter bringen wird. Zumal die Reservekapazitäten ja noch einmal erhöht wurden.

MuM: Trotzdem machen Wirtschafts- und Branchenverbände mobil. Hysterie oder Realität: was steckt hinter der Angst vor weitreichenden Stromausfällen?
Löschel: Vergangenen Winter gab es einige kritische Situationen – wir haben es also mit einem realen Problem zu tun. Dabei war das Klima sogar relativ mild, dieser Winter droht deutlich kälter zu werden. Die Probleme werden folglich nicht weniger und kritische Situationen können sich durchaus wiederholen. Trotzdem ist Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt.

MuM: Aber wie lange noch? Studien warnen vor einer zunehmenden Zahl an Blackouts in den kommenden 10 bis 20 Jahren.
Löschel: Wir müssen aufpassen, dass die Versorger ihre Kaltreserven nicht strategisch auflösen. Die von der Regierung beschlossenen Neuregelungen, die ab dem Winter 2013/2014  gelten sollen, gehen ja auch in diese Richtung. Mittelfristig könnten Kapazitätsmärkte notwendig sein. Schlussendlich bedeutet das allerdings eine Subventionierung der konventionellen Kraftwerke und hier muss man sich schon fragen: „Wollen wir das“? Verschiedene Lösungen sollten zuerst betrachtet werden. So könnten auch Betreiber fluktuierender Erneuerbarer Energien verpflichtet werden gesicherte Leistung anzubieten. Viele Fragen sind hier noch offen, deshalb bitte keine Schnellschüsse. Bis 2015 muss aber eine umfassende Lösung her.

MuM: Viele Unternehmen klagen über eine Zunahme kürzerer Unterbrechungen, sogenannter Mini-Blackouts. Einige investieren in Notstromaggregate und eigene kleine Kraftwerke, um sich zu schützen. Wird dies bald zur Regel?
Löschel:  Das sind Momentaufnahmen, die man jedoch durchaus ernst nehmen sollte. Aktionismus ist aber fehl am Platz: Einerseits sind die kursierenden Zahlen nicht sonderlich belastbar, weil für Stromausfälle von weniger als drei Minuten überhaupt kein gesichertes Maß existiert. Zudem sind die angesprochenen Maßnahmen meist relativ teuer und ineffizient. In gewissen Branchen sind die einhergehenden Schäden allerdings so hoch, dass die Unternehmen das in Kauf nehmen.

"Es muss sich etwas tun!"

MuM: Mini-Blackouts sind sowieso kein reines Winter-Problem, sondern vielmehr eine Folge kurzfristiger Netzüberlastungen. Sind die Netze das Stiefkind der Energiewende?
Löschel: Es stimmt, dass der Netzausbau bislang vernachlässigt wurde. Dieses Jahr hat sich jedoch einiges getan: Mit dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) sollen Genehmigungsverfahren zum Bau der Leitungen einfacher, die Akzeptanz und Zustimmung in der Bevölkerung erhöht und Investitionen gefördert werden. Ergebnisse stehen noch aus, aber die Forderung an die Politik ist klar: Netzausbau und Ausbau Erneuerbarer Energien müssen sich angleichen.

MuM: Ein Fotovoltaik-Moratorium, wie von der FDP gefordert, könnte dazu beitragen. Ein richtiger Schritt?
Löschel: Ich halte das für überzogen, man sollte keine energiepolitische Hü-Hott-Strategie verfolgen. Richtig ist aber, dass der Ausbaukorridor gerade für die Fotovoltaik deutlich überschritten ist. Dieser massive Ausbau hat Konsequenzen für die nächsten 20 Jahre. Eine Anpassung ist dringend erforderlich, insbesondere muss man überlegen, wie Ausbau und Förderhöhe der Erneuerbaren Energien besser verknüpft werden können. Die fixe Obergrenze der Förderung setzt falsche Anreize und führt zu massiven Vorzieheffekten.

MuM: Wie sieht Ihre Lösung aus?
Löschel: Es muss eine raschere Rückkopplung zwischen Ausbau und Förderung geschaffen werden. Zum Beispiel über eine zeitnahe Anpassung bei den Einspeisesätzen. Nur so lassen sich Netzbelastung und Erneuerbare Energien koordinieren.

MuM: Wie zuversichtlich sind Sie, dass der Politik dieser Spagat gelingt?
Löschel: In der jetzigen Konstellation gibt es wenige Möglichkeiten zu reagieren. Gleichzeitig besteht aber ein hoher Druck, Lösungen zu finden und umzusetzen. Ich hoffe sehr, dass die Politik die Kraft dafür aufbringt, denn eines steht mit Blick auf die Zukunft fest: Es muss sich etwas tun!

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