Mittwoch, 08.04.2015
Die nur schleppend vorangehende Umsetzung der Energiewende in Deutschland nährt in der mittelständischen Wirtschaft die Angst vor einem Blackout - wie kann in Zukunft die Energiesicherheit gewährleistet werden?

hxdyl/ThinkstockPhotos/Getty Images

Die nur schleppend vorangehende Umsetzung der Energiewende in Deutschland nährt in der mittelständischen Wirtschaft die Angst vor einem Blackout.

Energiesicherheit: Mittelstand aufgepasst

Energie mit Sicherheit?

Plötzlich fällt der Strom aus – und bleibt für mehrere Stunden oder gar Tage weg, die Energiesicherheit ist nicht gewährleistet. Ein Szenario, das Unternehmen besonders fürchten. Doch die wenigsten sind darauf vorbereitet.

Die nur schleppend vorangehende Umsetzung der Energiewende in Deutschland nährt in der mittelständischen Wirtschaft die Angst vor einem Blackout. Das deutsche Stromnetz gilt als eines der sichersten der Welt; ein Stromausfall dauert hierzulande durchschnittlich gerade einmal eine Viertelstunde – im Vergleich zu Schwellenländern wie Indien oder Brasilien, aber auch zu den USA ein guter Wert.

Doch seitdem der Atomausstieg beschlossen ist, ist klar, dass die Ausbeute an erneuerbaren Energien schwankt. Sie hängt primär vom Wetter ab und richtet sich deswegen nicht nach dem aktuellen Strombedarf, der je nach Tages- und Jahreszeit stark variiert. Stromausfälle könnten daher in Zukunft zunehmen. „Abhängig von Dauer und Ausmaß des Blackouts wären die wirtschaftlichen Folgen eines Ausfalls der Stromversorgung dramatisch“, sagt Mark Bezner, geschäftsführender Gesellschafter des Hemdenherstellers Olymp.

Bei einer PwC-Umfrage vom Dezember 2013 gaben gut 40 Prozent der befragten Geschäftsführer an, dass sie bei einem eintägigen Stromausfall mit Verlusten von mindestens 50.000 Euro kalkulieren. In jedem neunten Unternehmen entstünde sogar ein Schaden von mehr als 500.000 Euro.

Vorsorge treffen

Am Beispiel des Kupferschmelzwerks Aurubis wird deutlich, welche Ausmaße ein Blackout annehmen könnte. Fällt dort auch nur für wenige Sekunden der Strom aus, steht in dem Konzern bereits alles still, da sich die Maschinen sofort abschalten. Als Folge dessen würde das Kupfer in den Öfen erkalten, und sämtliche Geräte würden kaputtgehen. Das erkaltete Kupfer müsste über Monate per Hand entfernt werden. Kurzum: Der Konzern müsste die gesamte Anlage neu aufbauen.

Mit ähnlichen Risiken setzen sich auch die mittelständischen Unternehmen des produzierenden Gewerbes auseinander. „Über die potentielle Bedrohung, die von einer zum Erliegen kommenden Energieversorgung ausgeht, sind wir uns durchaus im Klaren“, räumt Mark Bezner von Olymp ein. Sein Unternehmen möchte diesem Worst-Case-Szenario bestmöglich vorbeugen. Ein eigenes Blockheizkraftwerk mit einer Kraft-Wärme-Kopplung wurde erst im vergangenen Jahr zusammen mit einem neuen Logistikzentrum gebaut, das über ein besonders großes Speichermedium in Form eines Sprinklertanks verfügt. Photovoltaikanlagen lassen den Hemdenhersteller außerdem ein Stück weit unabhängig von externen Zukäufen werden. Der Einsatz von energieeffizienten Lager- und Fördersystemen macht es im Zusammenspiel mit dem Blockheizkraftwerk und den Photovoltaikanlagen möglich, fast den gesamten Strombedarf des neuen Logistikzentrums selbst zu erzeugen.

Aber nur wenn die Sonne scheint. „Sonnenenergie oder Windkraft betrachten wir daher als nur bedingt geeignete Alternativen, da hierbei eine gleichmäßige und zuverlässige Energieversorgung von unkalkulierbaren äußerlichen Einflussfaktoren abhängig ist“, erklärt Geschäftsführer Bezner. Dennoch könnten diese Technologien dem Unternehmen im Ernstfall wertvolle Überbrückungszeit gewähren. „Im Ernstfall wären wir durch eine unterbrechungsfreie Stromversorgung in der Lage, den Betrieb unserer kritischen IT-Systeme noch eine Zeit lang aufrechtzuerhalten“, sagt Bezner. Auf eine anhaltende Versorgungskrise wäre der Hemdenhersteller nach heutigem Stand trotzdem nicht hinreichend eingestellt.

Eigenen Strom erzeugen

Der Weg, den Olymp beschreitet, ist dennoch ein richtiger, meint Energierechtsprofessor Martin Maslaton. „Der Aspekt der Stromsicherheit ist ein sehr wichtiger. Unternehmen müssen erkennen, dass es von Vorteil ist, selbst zum Stromerzeuger zu werden“, sagt Maslaton. So erreiche ein Unternehmen eine fast hundertprozentige Energiesicherheit. Dies sei definitiv der beste und sicherste Weg, auch unter dem Umweltaspekt. „Heutzutage ist es wichtig, eine möglichst hohe Zahl von Eigenversorgern installiert zu haben, so zum Beispiel Photovoltaikanlagen, Windenergie oder Speichermöglichkeiten. Die Chance, von einem Blackout voll getroffen zu werden, ist dann deutlich geringer“, meint Jens Eckhoff, Präsident der deutschen Stiftung Offshore-Windenergie.

Auch Professor Maslaton empfiehlt beispielsweise Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, wie sie Olymp installiert hat. Solche Anlagen haben zudem noch den Vorteil, dass mit ihnen viel Geld gespart werden kann. Der Wissenschaftler hat dies für einen stromintensiven Automobilzulieferer durchgerechnet: „Mit den Investitionskosten kamen wir hier locker zu einer Halbierung der Stromkosten“, erklärt er.

Keine Panik

Trotz der viel beschriebenen Worst-Case-Szenarien warnen Experten vor zu großer Aufregung, wenn es um das Thema Blackout geht. „Fakt ist zwar, dass die Steuerung der Energie in Deutschland durch die erneuerbaren Energien schwieriger geworden ist“, ist sich Offshore-Experte Jens Eckhoff sicher. Aber: „Deutschland ist das Land, das am höchsten übersichert ist“, weiß er. Wenn über Energiesicherheit in Deutschland gesprochen werde, müsse immer zwischen Realität und möglichem Ernstfall differenziert werden. Die aktuelle Situation in Deutschland veranlasst dennoch die meisten Unternehmen, sich zumindest präventiv mit den Folgen eines längerfristigen Stromausfalls zu beschäftigen. Mit Fragen der Haftung etwa aufgrund verspäteter Lieferungen wegen eines Stromausfalls sollten sich Unternehmer zumindest einmal auseinandergesetzt haben.

Martin Maslaton erläutert die Rechtslage: „Typischerweise können Unternehmen wegen eines Ausbleibens der Lieferung oder Ähnlichem durch einen Stromausfall nicht in Haftung genommen werden. Das Ganze ist immer beschränkt auf grobe Fahrlässigkeit“, erklärt er. Gleiches gilt im umgekehrten Fall. Auch die Haftung der Stromlieferanten an Unternehmen beschränkt sich auf das Vorhandensein eines Vorsatzes – und dieser liegt bei einem Blackout in der Regel nicht vor. Unternehmen haben auch die Möglichkeit, sich gegen die finanziellen Folgen eines Stromausfalls zu versichern. „Bei einer solchen Versicherung sollten Unternehmer jedoch genau darauf achten, was tatsächlich versichert ist. Oft werden nur unmittelbare Ausfallschäden abgedeckt“, weiß Maslaton. Ein Ausfallschaden ist beispielsweise eine defekte Maschine, die durch die Folgen des Stromausfalls kaputtgegangen ist.

Die meist schwerwiegenderen Folgeschäden, wie beispielsweise jene eines längeren Ausfalls einer Kühlung, sind hingegen kaum zu versichern. Große Rechenzentren zum Beispiel brauchen das ganze Jahr über 24 Stunden am Tag Strom. Einen Ausfall der Anlagen kann sich niemand leisten. „Da das Haftungsrisiko in solchen Fällen noch nicht einmal kalkulierbar ist, lässt sich so etwas eigentlich nicht versichern“, sagt Rechtsexperte Maslaton und hält noch einen leicht umsetzbaren Tipp für Mittelständler bereit: „Unternehmen sollten unbedingt prüfen, ob sie bei ihrem Stromanbieter Sondertarifkunde sind. In diesem Fall können Schadensfälle nämlich einzeln verhandelt werden“, sagt Maslaton.