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Finanzierung > IPO-Hürden

Standorte im Vergleich: „In Schweden braucht’s für den Börsengang 200 Seiten – und in Deutschland 700“

| Ansgar Graw

Börsengang in Deutschland ist teuer und überreguliert: Während Schweden 200 Seiten fordert, sind es hierzulande 700. Experten beim Finance Summit diskutieren über Kapitalmarkt, Start-ups und Wachstumschancen.

Fünf Experten diskutieren beim Finance Summit in Stuttgart über Kapitalmarkt und Börsengang.
Ist der Kapitalmarkt Treiber oder Hemmnis für Wachstum? Darüber diskutierten beim Finance Summit der Boerse Stuttgart Group Katharina Gehra, Dr. Markus Röhrig, Christian Sagerer und Frank Vogel unter der Moderation von Dietmar Deffner (v.l.). (Foto: Boerse Stuttgart Group)

22.09.2025 Markt und Mittelstand  – von Ansgar Graw / The European

Die Deutschen sparen ihr Geld gern, ob unterm Kopfkissen oder auf dem Girokonto – und fremdeln mit dem als riskant betrachteten Aktienmarkt. Das schwächt den Wirtschaftsstandort Deutschland: Geld, das nicht investiert wird, kann keinen Aufbruch finanzieren. Und junge Start-ups oder etablierte Unternehmer, die Kapital brauchen, haben das Nachsehen.

Beim Finance Summit der Boerse Stuttgart Group am Donnerstag war diese Analyse weitgehender Konsens. Darum fiel das Urteil im Panel „Börsen, Banken und Business“ zur Frage, ob der Kapitalmarkt ein „Treiber oder Hemmnis von Wachstum“ sei, recht einvernehmlich aus. Der private Kapitalmarkt wird gebraucht, das war die Botschaft. 

Fehlendes Kapital zur Finanzierung von Wachstum ist das eine, hinzu kommen weitere Probleme: Das Produzieren ist teurer hierzulande, die Firmengründung dauert länger – und dann die unzähligen Auflagen und Regulierungen auf europäischer und nationaler Ebene. Das seien „lähmende Umstände, von denen wir uns befreien müssen“, so Katharina Gehra, Aufsichtsrätin der Boerse Stuttgart Group. Sonst drohe das wirtschaftliche Scheitern. Denn in den USA sei die Profitabilität höher und die Demografie attraktiver für Investoren als am Standort Deutschland, warnte Gehra.

Der Unterschied zwischen USA und Deutschland

Frank Vogel, Deutschlandchef der französischen Bank BNP Paribas, sieht ebenfalls Nachholbedarf für Deutschland und Europa. Aber das Urteil des Bankers fiel etwas weniger düster aus. Es gebe „auch in den USA viele Regulierungen und Auflagen“, so Vogel. Doch dort sei der Kapitalmarkt „tiefer“: Amerikaner investieren in Aktien und stecken ihr Geld nicht in den Sparstrumpf.

Vogel zeigte sich optimistisch hinsichtlich des Standorts Deutschland: „Wir haben alles, wir haben Kapital, wir haben schlaue Köpfe, wir müssen unsere Kraft nur auf die Straße bringen“. Er erhoffe sich einen Stimmungsumschwung bis zum Jahresende, um Investitionen aus den USA stärker nach Deutschland zu ziehen. 
Zu einem Fußball-Vergleich griff Christian Sagerer, Mitglied im Management Board der französischen Bank Société Générale. „Deutschland ist bestenfalls Bundesliga, Schweden Europaliga, die USA Champions League“, sagte er mit Blick auf Kapitalmärkte und den Zugang zu Börsengängen.

500-Milliarden-Euro-Sondervermögen macht Appetit auf deutsche Assets

Doch immerhin: Das Bundesgesetz zum 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, zeitgleich zum Finance Summit vom Bundestag in Berlin beschlossen, „hat schon einiges in Bewegung gebracht, so dass der Appetit auf europäische und deutsche Assets gewachsen ist – in den USA, aber auch in Asien“, hat Sagerer beobachtet.

Gute Noten an Schweden im Vergleich zu Deutschland verteilte auch Dr. Markus Röhrig, als er auf die zahlreichen regulatorischen Hindernisse im Kapitalmarkt zu sprechen kam. In Schweden „braucht’s für einen Börsengang eine Dokumentation von 200 Seiten“, so der Chief Growth Officer der Boerse Stuttgart Group, „in Deutschland sind es rund 700 Seiten“. Das sei ein Grund, „dass IPOs leider anderswo stattfinden“.

Künstliche Intelligenz: Chance oder Gefahr

Diese Überregulierung muss von der Politik in Angriff genommen werden – allerdings war die Erwartung auf dem Panel nicht unbedingt, dass sich hier zeitnah etwas ändern wird. Und dennoch wurde Deutschland in der Runde nicht abgeschrieben. Wenn es an der Börse wachstumsstarke Unternehmen gebe mit zukunftsträchtigen Innovationen, dann werde es auch Investitionen in Deutschland geben, klang mehrfach an. Vor allem dann, wenn sich die Deutschen doch noch ein wenig vom Sparschwein verabschieden und ihr Geld stattdessen am Kapitalmarkt arbeiten lassen – für den Standort D und für sich selbst.

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