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Finanzierung > Kommentar

Zwischen Wert und Wehr - Mittelständler im Rüstungsdilemma

| Thorsten Giersch

Zahlreiche Mittelständler hadern mit sich: Wollen sie vom Rüstungsboom profitieren und dafür sogar ihre Werte-Charta ändern?

Dilemma Rüstung (Foto: ki-generiert by chatgpt)

von Thorsten Giersch

 

Das börsennotierte Fußballunternehmen Borussia Dortmund hat schon erfahren, was derzeit in vielen mittelständischen Betrieben diskutiert wird. Die Frage lautet: Dürfen wir mit Rüstung Geld verdienen? Beim BVB sponsert Panzerbauer Rheinmetall, die Bandenwerbung ist in jeder Sportschau zu sehen und die Fans im Stadion kommen am Schriftzug ohnehin nicht vorbei. Die Diskussionen waren intensiv und sind bis heute nicht gänzlich beendet. 

Spätestens seitdem der Bundestag den Weg für höhere Rüstungsausgaben frei gemacht hat, stellt sich die Gewissensfrage für viele Mittelständler, die davon profitieren könnten. Das mit den Werten ist eben nicht so einfach: Unterstützt man den Wert der Freiheit, indem das Unternehmen hilft, die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen? Oder ist das eher ein Feigenblatt nach dem Motto: Wer Rüstungsgüter produziert, tötet ­indirekt Menschen? 

Der Podcast

Markt und Mittelstand ist Deutschlands größtes Magazin für Familienunternehmen und unser Podcast berichtet aus nächster Nähe für und über den Mittelstand.

Unser Ziel ist, (potenzielle) Führungskräfte in mittelständischen Unternehmen auf Ideen zu bringen, wie sie ihr Unternehmen zukunftsfester machen können.

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Das Verhalten der Unternehmen ist widersprüchlich, dazu zwei Beispiele: The Coatinc Company, das älteste Unternehmen Deutschlands, hat 2011 entschieden, keine Bauteile für die direkte Verwendung im Kampf mehr zu veredeln. Das Geschäft passte nicht mehr zu den Werten. Anders EKC. Der Rohstoffspezialist liefert rund die Hälfte der russischen Gesamtimporte für Chrom, das Putins Schergen für ihre Waffenproduktion brauchen. Als Großbritannien EKC auf die Sanktionsliste setzte, ging das Unternehmen juristisch dagegen vor. 

Bei rund zehn bis 15 Prozent der deutschen Firmen schließt die Unternehmenscharta die Produktion von Rüstungsgütern aus. Unter den Firmen, die vor dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren, ist die Quote allerdings doppelt so hoch. Miele ist so ein Beispiel: Während des Zweiten Weltkrieges waren 95 Prozent der Produktion für die Rüstung. „Nie wieder“ wurde zwar nicht schriftlich fixiert, ist unter den Gesellschaftern nach eigener Aussage aber Konsens. 

Nun ist der Weg von der Waschmaschine zum Kriegsgerät ohnehin recht weit. Naheliegender ist die Überlegung bei Trumpf: Das Unternehmen gab im Februar bekannt, erstmals in der Firmengeschichte den Einstieg ins Rüstungsgeschäft zu prüfen. Allerdings gehe es dabei auf keinen Fall um Waffen, die Menschen verletzen können, sondern um Laser für die Abwehr von Drohnen. Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller sagte: „Das ist keine Zeitenwende der Werte, sondern die Evolution unserer gesellschaftlichen Verantwortung.“ 

Der Verweis auf den Umstand, dass die eigenen Produkte Passivwaffen sind, greift für sich allein allerdings zu kurz: In den Händen von Aggressoren tun auch Geräte, die der Abwehr dienen, Böses. Die Geschichte lehrt zudem, dass man die Kontrolle über seine Produkte verliert, wenn die Waffen ins Ausland gehen. Als der Westen die Afghanen in den 1980er-Jahren im Kampf gegen die Russen unterstützte, taten die Waffen Gutes. Als die Taliban dieselben Gerätschaften Jahre später einsetzten, sicherlich nicht mehr. Und bei Dual-Use-Produkten, die sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar sind, fällt das moralische Urteil besonders schwer. China unterstützt Russland im Krieg gegen die Ukraine nicht direkt mit klassischen Rüstungsgütern, aber die Lieferungen aus dem Reich der Mitte helfen Putin auf dem Schlachtfeld erheblich, womöglich entscheidend. 

Wenn sich deutsche Firmen entscheiden, Produkte herzustellen, die im Krieg verwendet werden können, sollten sie dafür nicht an den Pranger gestellt werden. Die Frage ist, an wen sie was verkaufen und ob ihnen egal ist, wofür die eigenen Produkte militärisch im Laufe der Jahre eingesetzt werden. Wer das regelt und dafür auch auf Geschäft verzichtet, geht im Dilemma der Werte einen guten Mittelweg. Wir wollen in Europa ja auch eigene Produktion haben, um eben nicht von den USA oder anderen Ländern abhängig zu sein. 

Gerade Familienunternehmen dürfen ihre Kernwerte nicht leichtfertig ändern. Aber viele definierten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Welt ist heute eine andere. Übrigens: Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben nur rund ein Fünftel der in Russland aktiven Unternehmen ihr Engagement dort eingestellt. Im Sinne der eigenen Werte auf das Geschäft mit Putin zu verzichten, fällt vielen wohl doch nicht so leicht. 

Wer Produkte herstellt, die im Krieg verwendet werden können, sollte nicht an den Pranger gestellt werden. 

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