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Schulden statt Wohlstand: Wie Millionen Deutsche den Aufschwung auf Pump finanzieren

| Oliver Stock | Lesezeit: 4 Min.

Steigende Konsumentenkredite und Kreditausfälle in Deutschland: Was Bankbilanzen und 5,7 Millionen Überschuldete über das Wachstum 2026 zeigen

Ein Kontoauszug mit Kontostand im Minus foto: shutterstock
Konsum auf Kredit galt lange als Konjunkturstütze. Doch viele Verbraucher sind überschuldet, das Konto tief im Minus: Steigende Ausfälle bei Banken zeigen, wie schnell aus Wachstum ein finanzielles Risiko für Millionen Haushalte werden kann. Foto: Shutterstock

 24.02.2026 Oliver Stock

Steigende Kreditausfälle bei Banken, Millionen überschuldete Verbraucher und eine Konjunktur, die auf Konsum setzt: Neue Zahlen aus den Bankbilanzen zeigen, wie fragil die wirtschaftliche Erholung ist.

Die Warnlampen in den Bankbilanzen beginnen zu blinken. Noch nicht schrill, aber sie flackern unruhig. Der Grund: Die Deutschen verschulden sich mehr, als sie an Krediten stemmen können. Das „Kauf jetzt, bezahl später“-Prinzip rächt sich. Und wer genau hinsieht, erkennt: Es geht längst nicht mehr nur um ein einzelnes Institut. Es geht um den Zustand der deutschen Wirtschaft – und um eine unbequeme Wahrheit über das Wachstum, das Ökonomen für 2026 prognostizieren.

Wenn selbst Konsumkredite kippen, ist das kein gutes Zeichen

Die TeamBank aus Nürnberg, eine Tochter der genossenschaftlichen DZ Bank, hat jetzt ihre Bilanz vorgelegt, und das Zahlenwerk hat Symbolcharakter: Das Institut, spezialisiert auf Konsumentenkredite, ist wegen steigender Kreditausfälle in die roten Zahlen gerutscht. 29 Millionen Euro Vorsteuerverlust statt 23 Millionen Gewinn im Jahr davor. Das klingt zunächst wie ein Betriebsunfall. Tatsächlich ist es ein Seismograph. Denn genau dort, wo Kredite für Waschmaschinen, Urlaube oder Fernseher vergeben werden, zeigt sich am schnellsten, wie es den Menschen wirklich geht.

Die Bank spricht von einer „anhaltenden Belastung für Verbraucher“. Übersetzt heißt das: steigende Preise, stagnierende Einkommen, unsichere Jobs. Das Neugeschäft schrumpft, gleichzeitig steigen die Rückstellungen für drohende Ausfälle. 233 Millionen Euro Risikovorsorge, das entspricht einem Plus von 14 Prozent. Wer so viel Geld zur Seite legen muss, rechnet mit noch mehr Zahlungsausfällen. Die Konsumlaune ist schwach, die finanzielle Luft wird dünn. Und immer mehr Haushalte leben über ihre Verhältnisse.

Die Banken sehen, was viele noch verdrängen

Das ist kein Einzelfall. Auch andere Institute berichten von steigenden Risiken im Privatkundengeschäft. Die Commerzbank etwa hat zuletzt auf wachsende Belastungen bei privaten Krediten hingewiesen. Im dritten Quartal 2025 erhöhte sie ihre Risikovorsorge im Privatkundensegment deutlich. Die Deutsche Bank meldete ebenfalls steigende Kreditrisiken, wenn auch auf moderatem Niveau. Vor allem Sparkassen und Volksbanken beobachten laut Bundesbank eine Zunahme von so genannten „Zahlungsstörungen“ bei Konsumentenkrediten. Die Zahlen sind noch nicht dramatisch. Aber die Richtung ist eindeutig.

Die Finanzaufsicht BaFin schlägt Alarm. Präsident Mark Branson warnte zuletzt, immer mehr Menschen kauften Konsumgüter auf Kredit. „Buy now, pay later“ könne zur „Rutschbahn in die Überschuldung“ werden. Besonders gefährlich sei, dass Kredite direkt beim Kauf abgeschlossen werden. Ein Klick im Internet, ein Swipe im Elektromarkt – und schon entsteht ein weiteres finanzielles Versprechen. Viele kleine Kredite, verstreut, unübersichtlich. Die Schulden wachsen, ohne dass jemand sie wirklich sieht.

Fünf Komma sieben Millionen Überschuldete – und es werden mehr

Die Bonitätsprüfer von Creditreform bestätigen diesen Trend. Die Zahl überschuldeter Verbraucher in Deutschland ist auf 5,7 Millionen gestiegen. Der Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch, nennt hohe Lebenshaltungskosten, steigende Arbeitslosigkeit und Stellenabbau als zentrale Ursachen. Was nach Statistik klingt, ist für viele Haushalte ein täglicher Balanceakt. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Der Dispo wird zur Dauerlösung. Und irgendwann bleibt nur noch der Kredit.

Der Blick auf die Konjunkturdaten zeigt, dass die Einzelfälle zum Massenphänomen werden, das das zarte Pflänzchen des Aufschwungs schnell welken lassen könnte. Deutschland kämpft seit zwei Jahren mit Stagnation. Für 2026 erwarten führende Institute wie das Münchner Ifo oder das Institut für Weltwirtschaft in Kiel ein kleines Wachstum – meist zwischen 0,5 und 1 Prozent. Das klingt nach Erholung. Doch der Motor dieses Wachstums ist schwach. Die Industrie lahmt, Investitionen bleiben verhalten, Exporte leiden unter der globalen Unsicherheit.

Bleibt der private Konsum. Viele Prognosen gehen davon aus, dass er einen Großteil des Wachstums tragen wird. Sinkende Inflation und steigende Tariflöhne sollen die Kaufkraft stabilisieren. Doch diese Hoffnung hat eine dunkle Seite. Wenn Konsum nicht aus realen Einkommen, sondern zunehmend aus Krediten finanziert wird, entsteht eine wacklige Dynamik, die statt auf Wachstum auf Pump basiert.

Die Bundesbank warnt seit Monaten vor genau diesem Szenario. Zwar seien deutsche Haushalte im internationalen Vergleich noch moderat verschuldet. Doch die Belastung einzelner Gruppen nehme deutlich zu. Besonders junge Menschen und Haushalte mit niedrigem Einkommen greifen häufiger zu kurzfristigen Finanzierungen. Gleichzeitig steigen Zinsen für Konsumentenkredite. Das erhöht das Risiko, in eine Schuldenspirale zu geraten.

Der Aufschwung kommt – aber die Rechnung später

Das strukturelle Problem ist größer als eine Bankbilanz. Deutschland lebt von der Vorstellung stabiler, vorsichtiger Haushalte. Sparen statt Schulden, Sicherheit statt Risiko. Doch diese Kultur verändert sich, der expansive Staat macht es vor, und seine Bürger folgen ihm. Digitale Kaufangebote, flexible Zahlungsmodelle und aggressive Werbung haben das Konsumverhalten verschoben. Heute wird gekauft – und später bezahlt. Morgen vielleicht.

Wenn Ökonomen nun für 2026 Wachstum prognostizieren, lohnt sich der Blick hinter die Kulissen. Ein Teil dieses Wachstums könnte schlicht vorgezogener Konsum sein. Einkäufe, finanziert durch Kredite, die erst später zurückgezahlt werden müssen. Kurzfristig belebt das die Wirtschaft. Langfristig erhöht es die Risiken im Finanzsystem.

Die Bilanz der TeamBank zeigt, wohin das führen kann. Steigende Ausfälle sind kein Zufall. Sie sind ein Frühindikator. Und sie werfen eine unbequeme Frage auf: Ist die deutsche Konjunktur tatsächlich auf dem Weg der Erholung – oder lebt sie zunehmend von der Verschuldung privater Haushalte? Wenn die Antwort die zweite ist, dann wird das Wachstum der kommenden Jahre teuer bezahlt. Nicht von Staaten, nicht von Unternehmen. Sondern von Millionen Menschen, die ihre Zukunft auf Kredit finanzieren. Und von Banken, deren Bilanzen immer deutlicher zeigen, dass dieses Modell seine Grenzen erreicht hat.

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