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Finanzierung > Währungsanalyse

Wie stark ist der Dollar tatsächlich verwässert?

| The Economist | Lesezeit: 3 Min.

Der US-Dollar verliert an Wert, doch ist er wirklich so schwach, wie viele Anleger glauben? Eine Analyse zu Gold, Wechselkursen und dem wachsenden Misstrauen gegenüber Amerikas Währung.

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Eine Person zählt US-Dollar-Banknoten in den Händen. Der Dollar steht im Zentrum der Debatte über Wertverlust und Vertrauen in die amerikanische Währung. (Foto: Shutterstock)

29.01.2026 The Economist

Donald Trump liebt Machtdemonstrationen. Nur offenbar nicht, wenn es um den Dollar geht. Auf seine jüngste Schwäche angesprochen, erklärte der Präsident am 27. Januar, der Währung gehe es „großartig“. Nach dieser Einschätzung entwickelte sich der Dollar in eben diesem trumpischen Sinne weiter: Gegenüber einem Korb anderer Währungen fiel er auf den niedrigsten Stand seit fast vier Jahren. Seit seinem Höchststand kurz vor Trumps Vereidigung im vergangenen Jahr hat er rund 12 % an Wert verloren.

Trotz der Beteuerung von Finanzminister Scott Bessent, Amerika verfolge weiterhin eine „Strong-Dollar-Politik“, scheint Trump zu glauben, ein schwächerer Dollar werde die Exporte ankurbeln und die Importe dämpfen – und damit das Handelsdefizit reduzieren, eines seiner langjährigen Reizthemen. Viele Investoren befürchten jedoch, dass sich darin etwas Unheilvolleres spiegelt: seine Geringschätzung europäischer Verbündeter, seine Angriffe auf die Unabhängigkeit der Notenbank und die Erosion anderer institutioneller Normen. Auf den Handelsetagen ist zunehmend vom „Debasement Trade“ die Rede – ein Sammelbegriff für Wetten auf den Niedergang der amerikanischen finanziellen Sonderstellung. Sollten die Anhänger dieser These recht haben, hat der Ausverkauf des Greenbacks kaum begonnen.

Goldpreis als Indikator für den „Debasement Trade“

Als Beweisstück A für den Debasement Trade gilt der sprunghafte Anstieg des Goldpreises. Eine Unze kostet inzwischen 5.200 Dollar – 22 % mehr als zu Jahresbeginn, und dabei ist es noch nicht einmal Februar. Das uralte Wertaufbewahrungsmittel steigt heute nicht nur bei schlechten, sondern auch bei guten Nachrichten. Seit Trumps globaler Zollwall am 2. April vergangenen Jahres öffentlich wurde, verzeichnete der S&P-500-Index der großen US-Unternehmen an 27 Tagen Verluste von mehr als 1 %. An diesen Tagen legte der Goldpreis im Durchschnitt um 0,6 % pro Tag zu. An den 24 Tagen hingegen, an denen der S&P 500 um mehr als 1 % sprang, gewann Gold immerhin 0,2 %.

Historische und internationale Einordnung des Dollars

Doch während Gold diese Geschichte erzählt, berichten andere Vermögenswerte eine andere. Amerikanische Wertpapiere werden keineswegs massenhaft abgestoßen. Obwohl der Dollar in den vergangenen zwölf Monaten nachgab, ist der S&P 500 um 15 % gestiegen und erreichte am 27. Januar ein weiteres Allzeithoch. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die sich gegenläufig zu ihrem Preis bewegt, liegt niedriger als zu dem Zeitpunkt, als Trump vor gut einem Jahr sein Amt antrat.

Warum sind amerikanische Vermögenswerte trotz der vermeintlichen Dollarschwäche so robust? Eine Erklärung lautet, dass der Dollar in Wahrheit gar nicht besonders schwach ist. Trotz seines Rückgangs im vergangenen Jahr lag der reale Wechselkurs – der Inflationsunterschiede zwischen Ländern berücksichtigt – noch immer um 13 % über seinem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre. Gemessen am Big-Mac-Index von The Economist, der auf den Preisen der McDonald’s-Spezialität weltweit basiert, ist der Dollar gegenüber 49 von 70 Währungen überbewertet.

Währungsabsicherung ausländischer Investoren

Eine weitere Erklärung betrifft die Art und Weise, wie ausländische Investoren, die sich seit der globalen Finanzkrise von 2007–09 mit amerikanischen Wertpapieren eingedeckt haben, ihr Währungsrisiko absichern. Ein grundlegendes Instrument hierfür ist der Devisenswap, ein Derivat, mit dem sich das Risiko eines Kursverfalls in einer Fremdwährung absichern lässt.

Wird diese Absicherung beim Kauf des Wertpapiers abgeschlossen, hat sie keinen Einfluss auf den Wechselkurs. Aus finanzmathematischen Gründen gilt dies jedoch nicht, wenn ein Portfolio erst später abgesichert wird. Eine im Juni von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dem Zusammenschluss der Zentralbanken, veröffentlichte Studie legt nahe, dass nach Trumps Zolloffensive im April deutlich mehr Investoren hastig ihre Währungspositionen absicherten. Damals gerieten US-Vermögenswerte unter Druck – und zogen den Dollar mit nach unten. Die Schwäche des Dollars könnte daher weniger ein Ausdruck von „Sell America“ sein, wie manche überdrehten Beobachter behaupten, sondern eher von „Hedge America“.

Potenzielle Abwärtsbewegungen des Dollars

Sowohl der reale Wechselkurs als auch das Absicherungsverhalten deuten darauf hin, dass der Dollar noch erhebliches Abwärtspotenzial hat. Ist Amerikas Währung historisch gesehen nicht schwach, kann sie durchaus noch schwächer werden. Absicherungsstrategien könnten diesen Prozess verstärken – insbesondere dann, wenn Trump seinen Willen bekommt und die Notenbank die kurzfristigen Zinsen senkt. (Am 28. Januar hielt sie die Zinsen unverändert.) Denn die Preise für Devisenswaps bewegen sich im Einklang mit diesen Kurzfristzinsen. Sinkende Kosten für die Absicherung machen sie für mehr ausländische Investoren attraktiv – vor allem, wenn amerikanische Vermögenswerte weiter an Wert gewinnen. Doch je mehr Währungsswaps gekauft werden, desto größer wird der Abwärtsdruck auf den Dollar.

Sollte sich dieser sich selbst verstärkende Kreislauf lange genug fortsetzen, könnte aus „Hedge America“ irgendwann ein ausgewachsenes „Sell America“ werden. Wenn Trump die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Finanzsystems weiter untergräbt, könnte dieser Moment schneller kommen. Bis dahin sollten sich die Debasement-Trader besser anschnallen.

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Aus The Economist, übersetzt von The Economist, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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