Welche Volkswirtschaft schnitt 2025 am besten ab?
| The Economist | Lesezeit: 3 Min.
Das jährliche Ranking von The Economist zeigt, welche Volkswirtschaften 2025 bei Wachstum, Inflation, Jobs und Börse überzeugen.
aus: The Economist
Es hätte deutlich schlimmer kommen können. Als Präsident Donald Trump im April seinen Handelskrieg begann, stellten sich Investoren und viele Ökonomen auf eine schwere globale Rezession ein. Am Ende dürfte das weltweite Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um rund 3 % wachsen – genauso viel wie im Vorjahr. Die Arbeitslosigkeit bleibt fast überall niedrig. Die Aktienmärkte verzeichnen erneut ein Jahr mit respektablen Gewinnen. Wirklich Sorgen bereitet nur die Inflation: In der gesamten OECD liegt sie weiterhin über den Zielmarken der Zentralbanken von 2 %.
Diese aggregierte Performance verdeckt jedoch erhebliche Unterschiede. Deshalb haben wir zum fünften Mal in Folge nach der „Volkswirtschaft des Jahres“ gesucht. Dafür haben wir Daten zu fünf Indikatoren ausgewertet – Inflation, „Inflationsbreite“, BIP, Beschäftigung und Aktienmarktentwicklung – für 36 überwiegend wohlhabende Länder. Jedes Land wurde danach bewertet, wie gut es bei den einzelnen Kennzahlen abschneidet. Daraus ergibt sich ein Gesamtindex für den wirtschaftlichen Erfolg im Jahr 2025. Die Rangliste findet sich in der folgenden Tabelle.
Erneut sind es gute Nachrichten für Südeuropa. Nach Spaniens Sieg im vergangenen Jahr ist diesmal Portugal die am besten abschneidende Volkswirtschaft. 2025 vereint das Land starkes BIP-Wachstum, niedrige Inflation und einen lebhaften Aktienmarkt. Auch andere Euroländer, die in den 2010er-Jahren große Schwierigkeiten hatten – darunter Griechenland (unser Sieger 2022 und 2023) und Spanien – finden sich weit oben im Ranking. Außerhalb Europas setzt Israel seine kräftige Erholung vom Chaos des Jahres 2023 fort, während Irland den Spitzenplatz nur knapp verfehlt. Kolumbien profitiert zugleich von starkem Wirtschaftswachstum und einem florierenden Aktienmarkt.
Die Schlusslichter kommen dagegen überwiegend aus Nordeuropa. Estland, Finnland und die Slowakei rangieren am Tabellenende. Deutschland schneidet zwar etwas besser ab als in den Vorjahren, bleibt aber unterdurchschnittlich – belastet von einem schwachen Arbeitsmarkt. Großbritannien erlebt ein ähnlich „mäßiges“ Jahr. (Frankreich hingegen erreicht trotz politischer Turbulenzen ein solides Ergebnis.) Jenseits des Atlantiks landet die USA nur im Mittelfeld – und sogar hinter Italien. Der Arbeitsmarkt ist robust, aber nicht herausragend. Relativ hohe Inflation drückt die Gesamtwertung.
Unser erster Indikator ist die Kerninflation, bei der Lebensmittel- und Energiepreise wegen ihrer starken Schwankungen herausgerechnet werden. Je näher die jährliche Rate eines Landes an der 2-Prozent-Marke liegt – dem üblichen Ziel der Zentralbanken –, desto besser fällt seine Bewertung aus. Die Türkei liegt mit großem Abstand am Ende des Feldes: Die Inflation ist dort aufgrund der erratischen Wirtschaftspolitik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan deutlich höher als überall sonst. Estland ist das zweitschlechteste Land, mit einer Kerninflation von fast 7 % im dritten Quartal 2025, während es sich weiter vom Energieschock des Jahres 2022 erholt. Auch andere Länder kämpfen mit eigenen Problemen. In Großbritannien ist die Kerninflation zwar niedriger als vor einem Jahr, liegt mit rund 4 % jedoch weiterhin deutlich über dem Ziel der Bank of England.
In einigen Ländern ist die Kerninflation hingegen zu niedrig. Dazu gehört Schweden, wo sie nahezu nicht mehr messbar ist. Für viele Verbraucher, die nach vier Jahren stark steigender Preise erschöpft sind, mag das verlockend klingen. Ökonomen fürchten in einem solchen Szenario jedoch Deflation, die Konsum hemmt und die reale Schuldenlast erhöht. Ein wenig Inflation ist besser als gar keine. Eine Reihe weiterer Länder – darunter Finnland und die Schweiz – weist ähnlich schwache Werte auf. Auch in Japan liegt die Inflation zwar höher als in den 2010er-Jahren, bleibt jedoch weit entfernt von der Überhitzung in anderen Volkswirtschaften.
Ein ähnliches Bild zeigt die „Inflationsbreite“. Diese Kennzahl misst den Anteil der Güter im Warenkorb, deren Preise um mehr als 2 % pro Jahr steigen. In einigen Ländern ist dieser Wert stark gestiegen – darunter in den USA, möglicherweise als Folge einer sehr expansiven Fiskalpolitik. Selbst heute steigen in Australien bei mehr als 85 % der Konsumgüter die Preise um mehr als 2 % jährlich.
Wie steht es um Wachstum und Beschäftigung – jene Indikatoren, die für Wähler besonders wichtig sind? Hier ragt Portugal hervor. Der Tourismus boomt, zugleich ziehen zahlreiche wohlhabende Ausländer wegen niedriger Steuern ins Land. Das BIP-Wachstum liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Auch Tschechien verzeichnet solide Zuwächse bei Produktion und Beschäftigung und rückt damit in das obere Drittel unseres Rankings vor. Südkorea hingegen hat Arbeitsplätze verloren. Norwegen, stark abhängig von Rohstoffen und Schifffahrt, leidet unter der Abschwächung des Welthandels.
Irland meldete im dritten Quartal dieses Jahres ein Wirtschaftswachstum von mehr als 12 % gegenüber dem Vorjahr – spektakulär, aber auch irreführend. Die zahlreichen multinationalen Konzerne, die ihre Gewinne im Land verbuchen, verzerren die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erheblich. Irische Ökonomen greifen daher lieber auf die Kennzahl der „modifizierten inländischen Gesamtnachfrage“ zurück, die viele dieser Verzerrungen herausrechnet. Wir haben es ihnen gleichgetan.
Abgerundet wird unsere Bewertung durch die Entwicklung der Aktienmärkte. Man könnte erwarten, dass die USA hier klar dominieren. Doch die Kursgewinne sind lediglich respektabel. Die hohen Bewertungen spiegeln vor allem Erfolge aus früheren Jahren wider. Auch Frankreich zeigt eine eher durchwachsene Performance; die Aktie des wertvollsten Unternehmens, LVMH, tritt auf der Stelle. Am schlechtesten schneidet in dieser Kategorie Dänemark ab. Im vergangenen Jahr ist der Aktienkurs von Novo Nordisk, dem Hersteller von Ozempic, um rund 60 % gefallen, nachdem das Unternehmen seine Führungsposition im Markt für Abnehmmedikamente eingebüßt hat.
Wer nach heiß laufenden Aktienmärkten sucht, muss anderswo fündig werden. Zwar haben tschechische und südkoreanische Unternehmen in diesem Jahr gut abgeschnitten, doch nirgends waren die Kursgewinne (in Landeswährung gerechnet) höher als in Israel. Der Aktienkurs der größten börsennotierten Gesellschaft des Landes, der Bank Leumi, ist im vergangenen Jahr um rund 70 % gestiegen. Auch portugiesische Anleger konnten profitieren: Der Aktienmarkt des Landes legte 2025 um mehr als 20 % zu. Und das könnte noch nicht das Ende sein. Nach unseren Berechnungen steigt der Aktienmarkt des Landes, das wir zur „Volkswirtschaft des Jahres“ küren, im Folgejahr im Durchschnitt um weitere 20 %. Wir geben keine Anlageempfehlungen, aber …
© 2025 The Economist Newspaper Limited. All rights reserved.
Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com