Montag, 26.02.2018
Auch in den USA gilt eine Insolvenz nicht als schick, glaubt Michael Bretz von Creditreform. Doch mit den einmal gescheiterten werde anders umgegangen, sagt er im Interview.

Foto: Ingram Publishing/Thinkstock/Getty Images

Auch in den USA gilt eine Insolvenz nicht als schick, glaubt Michael Bretz von Creditreform. Doch mit den einmal gescheiterten werde anders umgegangen, sagt er im Interview.

Finanzierung
Michael Bretz von Creditreform

„Auch in den USA ist Scheitern nicht schick“

Michael Bretz von Creditreform spricht im Interview über das Abebben der Pleitewelle, begrenzte Lebenszeiten und die vielschichtigen Gründe für Insolvenzen. Er schlägt für den Mittelstand ein „Insolvenzrecht light“ vor.

In Deutschland gehen immer weniger Unternehmen pleite. Woran liegt das?
Die Konjunktur ist gut, und die Finanzierungssituation für Unternehmen ist günstig. Beides zusammen hat für einen deutlichen weiteren Rückgang der Unternehmensinsolvenzen gesorgt – im vergangenen Jahr gingen „nur“ noch 20.200 Betriebe pleite. 

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Gleichwohl ist der volkswirtschaftliche Schaden gewaltig: Die Forderungsverluste addieren sich auf 26,6 Milliarden Euro, knapp 200.000 Arbeitsplätze wurden vernichtet. Also doch Grund zur Besorgnis?
Auch wenn die Zahlen gewaltig klingen – sie waren schon einmal deutlich höher. 2009 etwa ging eine halbe Million Arbeitsplätze verloren, und 2012 beliefen sich die offenen Forderungen auf 38,5 Milliarden Euro – ein Rekordwert. Dennoch gilt natürlich: Jeder Euro und jeder Arbeitsplatz, der durch die Insolvenz eines Arbeitgebers verlorengeht, ist einer zu viel.

„Jede Insolvenz ist eine zu viel“: Michael Bretz, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Foto: Verband der Vereine Creditreform

„Jede Insolvenz ist eine zu viel“: Michael Bretz, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Wie sieht die Lage im Mittelstand aus?
Wenn Sie die Umsatzspanne von 5 Millionen bis 250 Millionen Euro ansetzen, zeigt sich ein ganz heterogenes Bild: Bei den kleineren Betrieben ist der Rückgang der Insolvenzen geringer als bei den großen, die zwischen 25 Millionen und 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen. Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz haben bei den Insolvenzen wiederum gegen den Trend zugelegt – um 14 Prozent. In absoluten Zahlen sind es jedoch ziemlich wenige: 2016 gingen 70 Unternehmen dieser Größenklasse pleite. Im vergangenen Jahr waren es 80 Betriebe.

Liegt das Abebben der Pleitewelle am allgemeinen Konjunkturboom – oder werden die Unternehmer besser gemanagt?
Die gute Wirtschaftslage ist entscheidend für die höhere Stabilität der Betriebe. Zugleich haben die Unternehmer, vor allem die mittelständischen, aus der Krise gelernt. Sie haben erkannt, wie wichtig die Bildung von Eigenkapital ist. Und sie managen mittlerweile ihre Liquidität besser. Nach der großen Finanzkrise sind Stabilität und Solidität zu Schlüsseln für die Unternehmensführung geworden.

Zugespitzt gefragt: Ist ein ansatzweise solide geführter Mittelständler dank der robusten Großwetterlage quasi unkaputtbar?
Wie der Mensch, so hat auch jedes Unternehmen eine begrenzte Lebenszeit. Selbst wenn die Bedingungen für das Überleben, wie in der aktuellen Situation, gut sind, so bedeutet dies nicht, dass die Veränderungen, die die Zukunft mit sich bringt, ein Überleben ermöglichen. Schauen Sie sich nur an, welche großen und traditionsreichen Unternehmen in der Vergangenheit insolvent geworden sind.

Der Trigema-Chef Wolfgang Grupp hat im MuM-Interview gesagt: Wer pleitegeht, ist selber schuld. Sehen Sie das auch so?
Hinter jeder Insolvenz steht ein Konglomerat von Ursachen. Diese liegen im Persönlichen, in der Kompetenz und den Fähigkeiten der Unternehmensführung sowie in den veränderten Umständen. Digitalisierung und Globalisierung fordern jeden Unternehmer heraus. Einem kleinen Mittelständler einen Vorwurf daraus zu machen, dass er etwa gegen Billigimporte aus Asien nicht ankommt und sein Unternehmensmodell nicht umzustellen vermag, scheint mir im Hinblick auf eine „Schuld“ zu weit zu gehen.

Warum gehen besonders viele Unternehmen in NRW, Schleswig-Holstein und in Berlin pleite?
Die unterschiedlichen Insolvenzquoten in den Bundesländern hängen direkt mit dem Besatz von Unternehmen zusammen, der sich dem jeweiligen Bundesland historisch entwickelt hat. So ist der „Umbau“ in Nordrhein-Westfalen vom Industrieland, das auf Stahl und Eisen basiert, zum Dienstleistungszentrum in vollem Gange. Das geht nicht ohne den Verlust alter Betriebe ab. Dienstleistungszentren wie Berlin sind wiederum von vielen Startups geprägt, die oft so schnell wieder verschwinden, wie sie gegründet wurden.

Die Digitalisierung krempelt fast alle Branchen um. Gerade dem Mittelstand wird oft vorgeworfen, er verschlafe die Entwicklung. Droht eine Pleitewelle?
Aktuell erleben wir einen Wandel in der Wirtschaft, den viele als zweite digitale Revolution bezeichnen. Unternehmen treffen mit ihren Produkten und Dienstleistungen auf ein völlig neues Umfeld. Manche schaffen es nicht, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen. Das betrifft eher alteingesessene Unternehmen, die weniger flexibel sind und sich kaum „neu erfinden“ können. Ich glaube aber, dass der Mittelstand mit den Anforderungen der Digitalisierung leichter zurechtkommt als große „Unternehmensschiffe“. Mittelständische Unternehmen sind klein und beweglich und insofern auch besser zu manövrieren. Schon in der Finanzkrise sind Mittelständler besser zurechtgekommen als die großen Konzerne.

Seit einiger Zeit können sich Unternehmen über eine „Insolvenz in Eigenverwaltung“ zu sanieren versuchen. Ist das ein Erfolgsmodell?
Ja, die Eigenverwaltung, wie sie die neue Insolvenzordnung bietet, ist zweifellos ein Erfolgsmodell. Die Möglichkeiten der Sanierung eines Unternehmnes unter dem Schutz des Insolvenzrechts und unter Einbeziehung des Know-hows der „alten“ Geschäftsführung helfen oft, den ökonomischen- Turnaround zu schaffen. Auch wenn die übertragende Sanierung, also der Verkauf des Unternehmens oder großer Teile davon, immer noch eine wichtige Rolle spielt, wächst der Einfluss der Eigenverwaltung auf das Insolvenzgeschehen insgesamt. Ein kleiner Wermutstropfen: Der Aufwand einer Eigenverwaltung eignet sich eher für große Unternehmen als für kleine Betriebe. Hier könnte ein „Insolvenzrecht light“ helfen.

Gerade in der US-amerikanisch geprägten Start-up- Szene gilt Scheitern fast schon als schick. Wird Pleitegehen gesellschaftsfähig?
Selbst in den USA gilt eine Insolvenz, also das Scheitern einer unternehmerischen Aktivität, nicht als „schick“. Was den Amerikanern gefällt, ist, dass ein Unternehmer nicht aufgibt, dass er ein „they never come back“ nicht gelten lässt. Dieser unbedingte Optimismus zeichnet die Amerikaner aus – und spielt übrigens auch im amerikanischen Insolvenzrecht eine wichtige Rolle. In Deutschland wird dagegen eine Insolvenz vielfach noch als persönliches Versagen, als Scheitern und Ruin verstanden. Entsprechend sind sowohl die Chancen für eine Sanierung – und überhaupt die Entscheidung für eine Sanierung – und schließlich einen Re-Start deutlich schlechter. Die Mentalitäten sind einfach andere.

Info

Michael Bretz ist Leiter der Wirtschaftsforschung, Pressesprecher und Mitglied der Geschäftsleitung des Verbandes der Vereine Creditreform in Neuss. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Untersuchungen zum Insolvenzgeschehen und zu den Neugründungen in Deutschland und Europa sowie mit Fragen der Finanzierung mittelständischer Unternehmen und der Konjunkturentwicklung.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 02/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.