Dienstag, 07.06.2022
Finanzierung
Gastbeitrag

Ausnahmezustand im Welthandel: Mit dem richtigen Finanzierungsmix gegen wirtschaftliche Risiken wappnen

Angesichts angespannter Lieferketten stocken viele Unternehmen ihre Lager auf. Kapitalbedarf entsteht, allerdings steigen die Kreditzinsen rasant. Eine Alternative bietet der sogenannte Forderungsverkauf. Betriebsmittel und Waren im Gegenwert von über 8 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts werden so finanziert.
Lieferketten, Auftragsstau, neue Lockdowns

Arbeiter kontrollieren die eingehende Ware: Lieferketten sind weltweit unter Druck.

Bildnachweis: Shutterstock

Gerade hatte sich die durch anziehende Energiepreise und gestörte Lieferketten gekennzeichnete Lage in deutschen Betrieben etwas stabilisiert. Nun droht durch den Teil-Lockdown in China erneut Ungemach. Allein aus dem Containerhafen der Handelsmetropole Shanghai liefen im Mai bis zu 30 Prozent weniger Waren aus, wie Zahlen des IfW Kiel nahelegen. Mehrere Hundert Schiffe warten auf eine Abfertigung.

In der Praxis registrieren wir vor diesem Hintergrund vornehmlich drei aktuelle Fragestellungen, die kleine und mittelständische deutsche Unternehmen (Jahresumsatz circa 5 bis 50 Millionen Euro) umtreiben:

  1. Lassen sich Risiken durch Verzögerungen bei Zulieferern und im Zahlungsverkehr begrenzen?
  2. Sollten Warenlager jetzt aufgestockt werden?
  3. Welche Gefahren drohen durch Inflation und steigende Zinsen?

Die wichtigsten Antworten und worauf KMU jetzt achten sollten, haben wir nachstehend kurz zusammengestellt.

Ausfallrisiken reduzieren

Mindestens ein Drittel der vom DIHK in der Frühsommer-Konjunkturumfrage befragten Unternehmen beschreibt die aktuelle Finanzierungssituation als schwierig. Neben steigenden Kosten für Rohstoffe und Vorprodukte stellen Lieferkettenunsicherheiten erhebliche finanzielle Belastungsfaktoren dar. Betroffen sind vor allem KMU, die in eng verflochtenen internationalen Wertschöpfungsstufen operieren.
Viele Unternehmenslenker sind dazu angehalten, Verzögerungen bei Zulieferteilen, Zahlungsverhalten ihrer Kunden sowie Rechnungsvereinbarungen und Außenstände intensiv zu monitoren. Ziel ist es, trotz dünner Kapitaldecke und zunehmender Ausfallrisiken, die den Zugang zu Finanzierungen gewöhnlich weiter erschweren, jederzeit handlungsfähig zu bleiben. Zur Absicherung gegen Forderungsverluste bietet sich an, Factoring als Baustein in die Finanzierungsstrategie einzubinden. Dabei verkauft das mittelständische Unternehmen seine Forderungen an einen Factoring-Dienstleister und erhält dafür (mit einem kleinen Abschlag) sofort die Rechnungssumme. Die Liquiditätsvorteile wirken sich positiv auf den Cashflow sowie auf die eigene Bonität und Eigenkapitalquote aus.

Lagerbestände trotz Preisschock hochfahren?

In vielen Betrieben findet derzeit eine Abwägung statt: Sollen, in Erwartung weiterer Teuerungen und Herausforderungen bei der Materialbeschaffung, die Warenlager aufgefüllt werden? Diejenigen, die es sich leisten können, kaufen derzeit in großen Stückzahlen ein. Solche Vorratsstrategien sind angesichts der aktuellen Preisniveaus kostspielig. Das Motiv ist klar: Man will lieferfähig bleiben und Kunden nicht verlieren. Denn: Im Moment zählt, ob man etwas bekommt, aber auch wann beziehungsweise wie schnell.

Inwieweit dabei neben Eigenmitteln auch Betriebskredite (Fremdkapital) oder sonstige Außenfinanzierungsmodelle zum Einsatz kommen, dies ist Teil der individuellen unternehmerischen Liquiditätsplanung. Wichtig ist, die unterschiedlichen Typen der Mittelstandsfinanzierung zu kennen, um sich im aktuellen Umfeld für eine bedarfsgerechte Lösung zu entscheiden. Oftmals dominieren in KMU noch Hausbankprinzip und klassische Darlehen. Unternehmer sollten ihren Verschuldungsgrad unbedingt mit ihren Finanzberatern besprechen. Als alternative Form der Umlauffinanzierung lohnt sich wiederum die Beschäftigung mit Factoring. Wer jetzt liquide ist, kann auch in angespannten Märkten zukaufen, etwaig höhere Preise akzeptieren und sich bei den Geschäftspartnern positionieren – zum Beispiel, indem man Vorauskasse vereinbart. So kann der Einkauf gezielt unterstützt werden.

Ausblick: Stagflation und Rezession überwinden

Die Verbraucherpreise sind in Deutschland im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat um 7,9 Prozent gestiegen, so vorläufige Daten des Statistischen Bundesamts. Lediglich Unternehmen mit robuster Preissetzungsmacht sehen sich in der Lage, gestiegene Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Um die Inflationsgefahren einzudämmen scheint nun Konsens, dass die EZB im Juli eine Anhebung der Einlagen- und Leitzinsen vornehmen wird. Die Kreditzinsen klettern in diesem Zuge deutlich schneller als die Sparzinsen. Konditionen für neue Darlehen (und Kontokorrentlinien) ohne Zinsbindung werden unattraktiver. Die Besonderheit der aktuellen Situation: Eine Kombination aus Preisauftrieb bei gleichzeitiger Stagnation (oder sogar Rezessionsgefahr) trifft auf volle Auftragsbücher in Rekordhöhe. Die Fragilität globaler Lieferketten dürfte, davon gehen die meisten Marktbeobachter aus, mindestens bis ins erste Quartal 2023 spürbar bleiben. KMU werden ihre Finanzierung vor dem Hintergrund dieser wirtschaftlichen Großwetterlage entsprechend kalkulieren und gestalten.


Autor
Andreas Dehlzeit ist Geschäftsführer Bibby Financial Services

Andreas Dehlzeit ist Geschäftsführer von Bibby Financial Services mit Sitz in Düsseldorf. Das Unternehmen berät weltweit über 7.000 kleine und mittelständische Unternehmen in Factoring- und Finanzierungsfragen. www.bibbyfinancialservices.de

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