Dienstag, 27.12.2016
Bulle oder Bär: Geht es nach der Deutschen Börse, stellt sich diese Frage in Zukunft bei mehr und mehr Mittelständlern.

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Bulle oder Bär: Geht es nach der Deutschen Börse, stellt sich diese Frage in Zukunft bei mehr und mehr Mittelständlern.

Finanzierung
Neues Börsensegment ab 2017

Börsengang soll sich für mehr Mittelständler lohnen

Mit einem neuen Standard will die Deutsche Börse von März an mehr kleine und mittelständische Unternehmen zum Börsengang bewegen. Kapitalmarktrechtler Jörg Baumgartner erklärt, wann sich das neue Segment für Mittelständler lohnt.
Jörg Baumgartner ist Rechtsanwalt und Senior Associate bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Frankfurt.

Foto: CMS Hasche Sigle

Jörg Baumgartner ist Rechtsanwalt und Senior Associate bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Frankfurt.

Markt und Mittelstand: Zunächst einmal formal gesehen: Worin unterscheidet sich das neue Börsensegment vom bisherigen „Entry Standard“, der im März eingestellt wird?
Jörg Baumgartner: Für das neue Segment muss nicht wie bislang immer ein aufwändiger Wertpapierprospekt erstellt werden. Bei „Privatplatzierungen“ an ausgewählte institutionelle Investoren und in den Fällen, in denen das Unternehmen im neuen Segment nur gelistet sein möchte, ohne Aktien an Investoren zu verkaufen, genügt ein sogenanntes Einbeziehungsdokument. Darin muss das Unternehmen zwar auch sein Geschäft und seine Risiken darstellen, aber nicht so intensiv und detailliert wie bei einem Wertpapierprospekt. Außerdem muss das Dokument nicht von der Finanzaufsicht genehmigt werden.

MuM: Für welche Firmen könnte das neue Segment interessant sein?
Baumgartner: Das neue Mittelstandssegment der Deutschen Börse steht grundsätzlich Unternehmen aus allen Branchen offen, denen ein Börsengang interessant erscheint. Voraussetzung: Sie wollen, können und müssen die Vorgaben der Deutschen Börse erfüllen.

MuM: Welche Bedingungen sind das?

Baumgartner: Zunächst muss das Unternehmen mindestens drei von fünf Leistungskennzahlen erfüllen. Dazu zählen etwa ein Jahresumsatz von mindestens 10 Millionen Euro, positives Eigenkapital oder das Erzielen eines Jahresüberschusses. Außerdem muss die erwartete Marktkapitalisierung mindestens 30 Millionen Euro betragen. Hinzu kommt: Mindestens 20 Prozent der Aktien müssen sich im Streubesitz befinden, und das Unternehmen darf nicht jünger als zwei Jahre sein. Last but not least muss ein sogenannter Kapitalmarktpartner bestätigen, dass das Unternehmen für das neue Segment geeignet ist. Ob das der Fall ist, wird vor dem Börsengang im Rahmen einer Due Diligence, also einer vertieften Buchprüfung, geprüft.

MuM: Wer sind diese „Kapitalmarktpartner“ – und wie finde ich als Mittelständler den richtigen?
Baumgartner: Solche Capital Market Partners (CMPs) können Banken, Anwälte und Wirtschaftsprüfer sein. Sie sollen den künftigen Emittenten vor, während und nach dem Listing bewerten und beraten: Die CMPs unterstützen bei der Vorbereitung des IPO und der Erstellung der dafür nötigen Dokumente. Nach dem Börsengang achten sie darauf, dass die Transparenzfolgepflichten eingehalten werden – wie etwa die Insiderregeln und die Ad-hoc-Pflicht. Bei der Auswahl des CMPs sollte ein Mittelständler vor allem darauf achten, dass sein Kapitalmarktpartner über ausreichend Erfahrung bei Kapitalmarkttransaktionen verfügt. Das lässt sich am besten an dessen Track Record ablesen, also an den Referenzen über bislang begleitete Emissionen.

MuM: Welche Vorteile hat es, in dem neuen Börsensegment notiert zu sein?
Baumgartner: Generell erhöht eine Börsennotierung die Visibilität eines Unternehmens und macht es für in- und ausländische Investoren interessanter. Die strengeren Anforderungen im neuen KMU-Segment könnten zudem das Vertrauen in die gelisteten Unternehmen stärken. Aufgrund der Börsennotierung sind die Aktien des Unternehmens leichter handelbar. So lassen sie sich zur Incentivierung der eigenen Mitarbeiter einsetzen - oder als Akquisitionswährung bei späteren Firmenübernahmen nutzen.

MuM: Was passiert mit den Unternehmen, die derzeit im Entry Standard notiert sind, wenn dieses Segment aufgelöst wird?
Baumgartner: Für diese Unternehmen gelten Übergangsregelungen, sie müssen bis zum 24. März 2017 einen Antrag bei der Deutschen Börse stellen, um in das neue KMU-Segment aufgenommen zu werden. Dabei müssen sie drei von vier Voraussetzungen erfüllen: Das Unternehmen muss mindestens 20 Mitarbeiter haben, profitabel sein, über ein positives Eigenkapital verfügen oder jährlich mindestens 10 Millionen Euro umsetzen. Die Mindestmarktkapitalisierung muss nur 10 Millionen Euro betragen – anstatt der regulären 30 Millionen Euro. Außerdem berechnet die Börse den Unternehmen aus dem Entry Standard kein Entgelt für das Umlisting.

MuM: Wieviel kostet es, in dem neuen Segment vertreten zu sein?
Baumgartner: Fürs erstmalige Listing im neuen KMU-Segment wird ein sogenanntes Einbeziehungsentgelt von 20.000 Euro fällig. Zusätzlich muss eine variable Gebühr entrichtet werden, die von der Höhe der Marktkapitalisierung abhängt. Die laufende Notierung wird jährlich pauschal 20.000 Euro kosten. Für Anleihen bleibt es wie bisher dabei, dass sowohl Einbeziehung als auch Notierung jeweils 10.000 Euro kosten.