Dienstag, 21.12.2021

Steffan Sturm

Rolf-Dieter Mönning ist Anwalt und Professor an der Fachhochschule Aachen. Er hat in den vergangenen 40 Jahren mehr als 3500 Konkurse und Insolvenzen betreut.

Finanzierung
Interview

"Das Insolvenzrecht ist überperfektioniert"

Insolvenz-Papst Rolf-Dieter Mönning über die Tücken des Rechts und das Warten auf die Welle.

Herr Professor Mönning, haben Sie die Welle schon gesehen?
Sie meinen die Insolvenzwelle? Wir hatten neulich eine Tagung von Insolvenzverwaltern am Tegernsee. Es war recht stürmisch. Da haben wir ab und zu aus dem Fenster geguckt und uns immer
zugerufen: Siehst du die Welle? Dann haben alle gelacht. Ich kenne Insolvenzkanzleien, die fahren derzeit Kurzarbeit.

Woran liegt es, dass die Zahl der Insolvenzen trotz der Pandemie niedrig geblieben ist?

Die Regierung hat geholfen. Finanzhilfen, Aussetzung der Insolvenzantragspflicht und Kurzarbeitergeld sind die Stichworte. Zudem hat sicherlich der Trend, förmliche Insolvenzverfahren zu vermeiden, mit dazu beigetragen, die Welle bislang zu verhindern. Ich beobachte aber noch etwas anderes: Im Gegensatz zu den klassischen Patriarchen denkt eine junge Generation von Firmenchefs häufig weiter nach vorn. Wir Insolvenzverwalter werden von solchen Managern schon frühzeitig beratend hinzugezogen. Ich habe dann nach Prüfung schon oft gesagt: Ihr seid noch meilenweit von der Insolvenz entfernt.

Gerade bei Start-ups geht es oft nicht ums Geldverdienen, sondern um Wachstum. Die feiern sich, verbrennen aber Milliarden.
Wir sind eine Event-Gesellschaft. Wir müssen alles feiern. Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite lehre ich an der Fachhochschule in Aachen und unser Ziel ist es, Unternehmertum zu fördern und Gründer zu motivieren. Auf der anderen Seite weiß ich spätestens nach fünf Jahren, ob eine Idee marktfähig ist. Ich wundere mich inzwischen, wie langlebig und zäh manche kritischen Geschäftsmodelle dann sind. Es ist einfach sehr viel Geld unterwegs, um auch kaputte Geschäftsmodelle über Wasser zu halten.

Wenn es dann doch passiert, sind Sie als Insolvenzverwalter am Zug. Was halten Sie von unserem Insolvenzrecht?
Wir haben den detailliertesten Instrumentenkasten aller Industriestaaten. Er ist überperfektioniert. Ich erlebe es immer wieder, dass selbst studierte Leute nach einer halben Stunde aussteigen, wenn ich ihnen die Möglichkeiten des Insolvenzrechtes erläutere. Mit Blick auf die neue Regierung würde ich mir wünschen, dass da vom Gesetzgeber etwas Detailverliebtheit herausgenommen wird.

Haben Sie ein Beispiel für Überperfektion?
Nehmen Sie den StaRUG, den Stabilisierungsund Restrukturierungsrahmen, der nach den Vorstellungen der EU möglichst einfach und gerichtsfrei konzipiert werden sollte. Darin wird unter anderem geregelt, wie man vorgehen kann, wenn man einen Gläubiger bändigt, der einer Restrukturierung nicht zustimmt und sich querstellt. Hinter der sogenannten Stabilisierung stecken elf Vorschriften, manche davon breiten sich über Seiten aus. Früher hätten wir beim Gläubiger einfach mal angerufen. Heute haben die jungen Kollegen völlig zu Recht Angst davor, weil sie fürchten in irgendwelche Haftungsrisiken reinzuschlittern. Wir stecken alle in Regelwerken, die die Prozesse störungsanfällig machen und extrem verlangsamen.

Und jetzt haben Sie auch noch ein Buch geschrieben: "Krisenfälle – Insolvenzen hautnah". Warum?
Entstanden ist die Idee beim Kaffee nach einer Beerdigung. Das Gespräch kam auf so etwas Trauriges wie Insolvenzen und ich sagte, dass das in den wenigsten Fällen das Ende bedeuten muss. Ein Verleger war dabei und war überrascht. Wir haben per Handschlag ein Buchprojekt vereinbart. Das ist zehn Jahre her. Und dann saß ich wegen Corona letzten Sommer ein halbes Jahr in Neuseeland fest. Da ist das Buch entstanden. Als Faction Prosa, die meine Arbeit als Verwalter in 13 aus Fakten und Fiktion mosaikartig zusammengesetzten Episoden darstellt.

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