Donnerstag, 20.02.2014
Die neuen Vorschriften der EU-Kommission bringen zahlreiche Veränderungen für den Umgang mit Derivaten.

Amio Cajander

Die neuen Vorschriften der EU-Kommission bringen zahlreiche Veränderungen für den Umgang mit Derivaten.

Finanzierung
Neue Richtlinien für den Umgang mit Derivaten

Derivate: EMIR bringt Kosten für den Mittelstand

Die neue EU-Richtlinie zum Umgang mit Derivaten (EMIR) bringt zahlreiche neue Vorschriften mit sich. Der Mittelstand muss mehrere Vorgaben und Pflichten beachten, ansonsten drohen Bußgelder.

Seit dem 12. Februar gelten in ganz Europa neue Vorschriften für den Umgang mit Derivaten. Auf diese Weise will die EU den Handel mit Derivaten künftig besser kontrollieren und so systemische Risiken im Derivatemarkt eindämmen. Im Rahmen der EU-Verordnung mit dem Namen European Market Infrastructure Regulation (EMIR) wurde zu diesem Zweck unter anderem festgelegt, dass Unternehmen den Einsatz von Derivaten künftig an ein zentrales Transaktionsregister melden müssen. Darüber hinaus besteht ab einer bestimmten Grenze eine Clearingpflicht für die Unternehmen und sie müssen für den außerbörslichen Handel mit Derivaten ein eigenes Risikomanagement einrichten.

EMIR betrifft auch Mittelständler

Aktuelle Zahlen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers zeigen, wie stark auch der deutsche Mittelstand von der neuen Regelung betroffen ist. Demnach setzen 80 Prozent aller Unternehmen in Deutschland Derivate ein, bei Großunternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro sind es sogar 95 Prozent. Derivate dienen ihnen als wichtiges Mittel zur Absicherung gegen Schwankungen bei Rohstoffpreisen, sowie Währungs- oder Währungsschwankungen.

Künftig müssen alle abgeschlossenen Derivatekontrakte unverzüglich an das zentrale Transaktionsregister gemeldet werden, was entsprechende Strukturen und Routinen in den Finanzabteilungen erfordert: „Unternehmen müssen Prozesse einführen und Verantwortlichkeiten neu regeln, IT Systeme anpassen und Steuerungsansätze im Umgang mit Kredit-, Zins-, Währungs- und Rohstoffpreisrisiken hinterfragen", erklärt PWC-Partner und EMIR-Experte Thomas Schräder die neue Situation. Ein Group Treasurer eines deutschen Mittelständlers bestätigt die neuen Anforderungen: „Die Prozesse haben sich geändert, wir müssen sicherstellen, dass wir der Meldepflicht ordnungsgemäß nachkommen, und außerdem haben wir ein zusätzliches Reporting aufgesetzt, das dafür sorgen soll, dass wir die Clearing-Schwellen und andere Grenzwerte der Richtlinie nicht reißen.“

In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, wenn man bereits über ein gutes Treasury-Management-System verfügt, das sich möglichst unkompliziert um die nun notwendig gewordenen Funktionen erweitern lässt: „Das zusätzliche Reporting ist für unser System im Grunde nur ein Add-on, das im bestehenden System gut abbildbar ist. Die Erweiterung um die notwendigen Komponenten, stellt aber dennoch einen gewissen administrativen Aufwand dar und ist natürlich mit Kosten verbunden“, erklärt ein Trasurer gegeüber Markt und Mittelstand.

EMIR-Umstellung als zentrale Herausforderung

Deutschland hat auf die neuen EU-Vorschriften mit einem eigenen EMIR-Ausführungsgesetz reagiert, das die Umsetzung der Richtlinie vorantreiben soll. Demnach unterliegen Unternehmen, die im jeweiligen Geschäftsjahr mindestens 100 außerbörsliche gehandelte OTC-Derivatekontrakte („Over the Counter“) abgeschlossen haben oder bei denen das Nominalvolumen dieser Derivate die Grenze von 100 Millionen Euro überschritten hat, zusätzlich zu den Vorschriften der EU-Richtlinie auch einer Prüfungspflicht. Diese schreibt vor, dass sie sich jährlich von einem Wirtschaftsprüfer den korrekten Umgang mit Derivaten bescheinigen lassen müssen. Im Fall von Mängeln muss die BaFin unterrichtet werden und außerdem drohen hohe Bußgelder.

Generell gilt, dass vor allem die Übergangsphase die größte Herausforderung für den deutschen Mittelstand darstellt: Verträge mit den Bankpartnern müssen überarbeitet werden, die Prozesse intern umgestellt werden und die reibungslose und schnelle Übermittlung der Informationen an das neue Melderegister sichergestellt werden. Gerade diese besonders zeitkritische Aufgabe kann allerdings in der Regel auch an die beteiligte Bank delegiert werden. „Wenn man die Kontrakte nicht selber meldet, gibt man zwar einen Teil der Kontrolle ab, aber gerade für Unternehmen, die nur selten mit Derivaten zu tun haben, ist das sicher eine gute Option“, bestätigt ein Treasurer aus dem deutschen Mittelstand. Spannend wird es hingegen für größere Unternehmen, die innerhalb ihrer Unternehmensgruppe Derivate zwischen Konzernmutter und Tochterunternehmen nutzen. Hier muss die Meldung zwangsläufig selbst geleistet werden. Generell gilt aber, dass der Aufwand, der mit der EMIR-Umsetzung einhergeht, deutlich überschaubarer wird, sobald die Umstellungsphase einmal bewältigt ist und die nötigen Prozesse reibungslos funktionieren.

Durch EMIR Veränderungen im Derivatehandel

Die EMIR-Regulierung könnte allerdings den Derivatemarkt selbst beeinflussen, das fürchten zumindest die Experten von PWC. Durch die strengen Auflagen rechnen sie mit steigenden Kosten für die Risikoabsicherung mit OTC-Derivaten. Als Folge daraus rechnen sie mit einer sinkenden Liquidität im Derivatehandel: „Wenn Unternehmen also in Zukunft mit maßgeschneiderten OTC-Derivaten ihre unternehmerischen Risiken reduzieren wollen, müssen sie dafür mit höheren Kosten rechnen“, befürchtet Thomas Schräder. Er geht deshalb davon aus, das künftig vermehrt standardisierte, börsengehandelte Derivate zum Einsatz kommen.