Mittwoch, 12.01.2022
Diesel-Tankkappe

Der Dieselskandal belastet die Versicherungsbranche.

Finanzierung
Nicht nur Verbraucher, auch Manager streiten um Schadensersatz

Dieselskandal: Versicherer zahlen drauf

Nicht nur die Käufer von Schummeldieseln streiten mit Hilfe ihrer Rechtsschutz-Versicherung um Schadensersatz. Auch die Manager der Autohersteller greifen auf Versicherungen zurück, wenn sie wegen Fehlern im Dieselskandal persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Unterm Strich ist das für die Versicherungsbranche teuer geworden.

Die Versicherungsbranche hat zum Jahresende 2021 einen Kassensturz zum Thema Dieselskandal gemacht. Bis Ende Oktober 2021, rund sechs Jahre nachdem die Stickoxid-Manipulationen erster Hersteller bekannt wurden, riefen rund 380.000 Kunden ihre Rechtsschutzversicherung um Hilfe. Sie wollen ihre Interessen im Streit mit Autoherstellern durchsetzen. Der durchschnittliche Streitwert pro Diesel-Fall liegt inzwischen bei rund 26.000 Euro. Dazu kommt noch, was die sogenannte D&O-Versicherungen zahlen müssen, die Manager absichern, die privat wegen teurerer Fehlentscheidungen belangt werden.

Der Dieselskandal wird so nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Rechtsschutzversicherer zum Albtraum. Die Aufwendungen der Versicherer haben sich in diesem Zusammenhang auf 1,21 Milliarden Euro erhöht“, rechnet GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen vor. „Der Dieselskandal bleibt damit das teuerste Schadenereignis in der Rechtsschutzversicherung überhaupt.“ Allein der Streitwert aller über die Rechtsschutzversicherer abgewickelten Diesel-Rechtsschutzfälle liege bei 9,8 Milliarden Euro. Dazu kommen alle die Klagen, die ohne die Hilfe einer Versicherung durchgefochten werden wollen.

Auf Seiten der Autokäufer, die Schadensersatz verlangen, ist die klassische Rechtsschutzversicherung bei der Aufarbeitung des Dieselskandals gefordert. Auf Seiten des verantwortlichen Managements der Autohersteller, die Fehlentscheidungen getroffen haben, ist es die sogenannte D&O Versicherung für Directors & Officers. Sie muss als Manager-Haftpflicht für Schäden einstehen, die sich den Verantwortlichen juristisch nachweisen lassen.

Für diese Versicherungssparte heißt das ebenfalls: Sie machte 2021 heftige Verluste. Die Kosten, um alle von den Autoherstellern verursachten Schäden zu übernehmen, lagen zehn Prozent über den gesamten Beitragseinnahmen in der D&O-Versicherung. Und das, trotz ständig steigender Prämien und ohne dass die versicherungsinternen Kosten des Dieselskandals schon abgezogen wären.

Die Unternehmen lassen sich den Schutz ihrer Manager einiges kosten: Der Versicherungsverband schätzt, dass seine deutschen Mitgliedsunternehmen pro Jahr etwa 400 Millionen Euro Beiträge zur D&O-Versicherung kassieren. Hinzu kommen rund 160 Millionen Euro bei ausländischen Anbietern.

Der Volkswagen-Konzern hat sich bereits mit einem Konsortium von D&O-Versicherern auf einen Vergleich geeinigt. Die Versicherer übernehmen 270 Millionen Euro der Schadenssumme, für die das Management um den ehemaligen Volkswagen-CEO Martin Winterkorn verantwortlich ist.

Trotzdem droht weiterer Ärger: Noch liegt ein zusätzliches Verfahren beim Europäischen Gerichtshof, das sich mit den verwendeten temperaturgesteuerten Abschalteinrichtungen befasst. Folgt der EuGH der Auffassung der Staatsanwaltschaft, dass sie in Teilen illegal waren, kämen weitere Klagen auf den Volkswagenkonzern zu. Laut Staatsanwaltschaft hätte ein normal informierter, angemessen aufmerksamer und verständiger Durchschnittsverbraucher von Volkswagen die Einhaltung der Regeln erwarten dürfen.

Zudem entschied erst im vergangenen Dezember der deutsche Bundesgerichtshof, dass auch Diesel-Klägern, die ihr Auto per Ratenkauf finanziert haben, Schadenersatz zustehen kann. Nämlich dann, wenn sie ihr Rückgaberecht im Darlehensvertrag nicht genutzt haben und der Wert des Wagens beim Schlussverkauf durch die Manipulation gesunken ist.

Der nächste große Schaden für die Rechtsschutzversicherer steht derweil schon vor der Tür: der Aufstieg und Fall des DAX-Wertes Wirecard mit seinen geprellten Anlegern. Doch hier könnten die Rechtsschutzversicherer schneller als beim Dieselskandal aus dem Schneider sein. Die meisten Anbieter schließen Klagen zu Kapitalanlagen aus. Hier entscheiden die genauen Vertragsbedingungen jedes einzelnen Kunden über die Rückendeckung seiner Rechtsschutzversicherung. Bei der Managerhaftpflicht kann es dagegen sein, dass die Versicherer in erheblichem Maß einspringen müssen.​​​​​

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