Sonntag, 11.03.2012
Finanzierung
Bis zu 75 Prozent EU-Zuschuss für Forschung & Entwicklung

EU-Fördermittel für Mittelständler

EU-Fördermittel sind ein zähes Geschäft für einen Mittelständler. Doch wer nicht aufgibt, erschließt sich eine lukrative Option.

Mit Grausen wendet sich der Geschäftsführer eines mittelständischen Solarunternehmens ab, wenn man ihn fragt, ob er sich schon mal mit dem Thema EU-Mittelstandsförderung beschäftigt habe. „Nein, um Himmels willen. Das sind administrative Monster!“ Den EU-Anträgen bescheinigt er einen immensen Aufwand. Damit liegt er nicht ganz falsch. Ein Projektantrag aller Beteiligten kann schnell 100 Seiten umfassen. Und die Warteschleife zwischen Antrag und Startschuss dauert in der Regel ein Jahr. Natürlich wird nicht jeder Antrag bewilligt und kann damit viel Zeit kosten, die auf den ersten Blick ins Leere läuft. Sobald die Verträge jedoch ratifiziert worden sind, gibt es bereits eine Vorüberweisung der EU.

Bei dem mittelständischen Optik und Messtechnikunternehmen Precitec Optronik
beträgt die „Erfolgsquote“ rund 30 Prozent. Das heißt, 3 von 10 eingereichten EU-Anträgen werden dem Unternehmen mit Sitz im hessischen Rosbach bewilligt. Dieser hohe Wert ist kein Zufall. Denn bereits vor zehn Jahren hat das Unternehmen damit begonnen, sich intensiv mit der Förderlandschaft zu beschäftigen. Der Ingenieur Markus Kogel-Hollacher widmet sich diesem Thema seitdem in Vollzeit und akquiriert und koordiniert öffentliche Verbundprojekte für die Precitec Gruppe. Precitec Optronik ist Teil der Precitec Gruppe, eines Unternehmensverbunds, der in den Bereichen Laserschneiden, Laserschweißen und Optische Messsysteme aktiv ist.

F & E im Fokus

Die EU fördert den Mittelstand durch das Enterprise Europe Network, ein internationales Netzwerk mit über 500 Trägerorganisationen und 4.000 Experten. Sie sind in den 27 EU-Staaten sowie weiteren 23 Partnerländern angesiedelt. Damit ist es das größte Unterstützungsnetzwerk in Europa für Unternehmen. Es bietet Informationen über die EU, vermittelt grenzüberschreitend Geschäftspartner und berät zu EU-Förderprogrammen. Die jeweiligen Organisationen sind auch Anlaufstelle für mittelständische Unternehmen, die sich über die EU-Förderprogramme informieren wollen.

„Seit 2008 läuft diese Initiative der Europäischen Kommission“, erklärt Nina Gibbert vom Enterprise Europe Network Hessen, der EU-Beratungsstelle für mittelständische Unternehmen der HA Hessen Agentur in Wiesbaden. Jedes Bundesland hat dazu sein eigenes Beratungsangebot aufgebaut. Entsprechend arbeitet Gibbert auch nur Anfragen von hessischen Unternehmen ab. Ein Mittelständler aus München kann sich dagegen beispielsweise an die IHK München und Oberbayern wenden. In Bayern gibt es insgesamt zehn Anlaufstellen. Hessen ist dagegen mit seiner einzigen Anlaufstelle in Wiesbaden schlank ausgestattet.

Neue Ausschreibungsrunde

„Die EU konzentriert ihre Förderung vor allem auf Forschung & Entwicklung, und zwar mit Hilfe des 7. Forschungsrahmenprogramms“, erklärt Nina Gibbert. Mittelständische Unternehmen können hier zum Beispiel Zuschüsse für Auftragsforschung erhalten. Das weltweit größte Programm zur F&E-Förderung läuft von 2007 bis 2013 mit einem Budget in Höhe von über 53,3 Milliarden Euro. Im Sommer startet eine neue Ausschreibungsrunde über Fördermittel in Höhe von 15 Milliarden Euro. Davon sollen 7 Milliarden Euro in diesem Jahr und 8 Milliarden Euro 2013 zugeteilt werden. Deutsche Unternehmen zählen zu den Top 5 im Rennen um die Fördergelder.

Diese Leistungen können Unternehmen jeder Größe abrufen; produzierende Firmen genauso wie Dienstleister. Im Fokus stehen jedoch kleine und mittlere Unternehmen, darüber hinaus noch Forschungseinrichtungen, Universitäten, Technologiezentren und Agenturen für Unternehmensentwicklung und Innovation. Das Programm richtet sich zum einen an Mittelständler, die über keinen eigenen Forschungsapparat verfügen, aber einen Forschungsauftrag an spezialisierte Forschungsdienstleister vergeben möchten. Möglich ist darüber hinaus auch, dass sie zwar selber Forschung betreiben, aber die Forschung zu einem bestimmten Thema extern anstoßen möchten. Das geistige Eigentum an den Forschungsergebnissen erhalten ausnahmslos die Auftraggeber.

Ziel des Mammut-Programms ist es, die EU-Industrie wissenschaftlich und technologisch zu fördern. Die Förderung erstreckt sich auf verschiedene Politikbereiche wie Gesundheit, Umwelt oder internationale Zusammenarbeit. Ein Beispiel ist das Projekt „Energieeffiziente Kühlung – SSEC“. Es hat zum Ziel, hocheffiziente Wärmepumpen und Klimaanlagen basierend auf einem magnetischen Kühlungskreislauf zu entwickeln. Hierbei arbeiten acht Partner aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien zusammen; darunter ein Industrieunternehmen aus Hanau. Das Projektbudget umfasst 3,27 Millionen Euro, die EU-Förderung beläuft sich auf 1,88 Millionen Euro – immerhin knapp 58 Prozent, die als Zuschuss nicht zurückgezahlt werden müssen.

Grundgedanke der Forschungsförderung ist auch die internationale Zusammenarbeit. Das soll die Unternehmen aber nicht abschrecken. „Wir helfen jedem Unternehmen dabei, die richtigen Partner zu finden“, sagt Gibbert. Die Projektverbünde umfassen in der Regel mehrere europäische Partner. Aber auch die internationale Zusammenarbeit zwischen der EU und Drittländern soll gestärkt werden. Das Programm umfasst zehn eigenständige Teilprogramme, darunter Gesundheit, Lebensmittel, Landwirtschaft und Biotechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologien oder Energie.

Beispiel Lasertechnik

Beispielhaft für ein europäisches Verbundprojekt, an dem die Firma Precitec Optronik mitgewirkt hat, ist ein umfangreiches Unterfangen, ist das Projekt Manudirekt. Beteiligt waren vier größere Industrieunternehmen, sieben Mittelständler sowie sieben Forschungsorganisationen und akademische Partner. Forschungsgegenstand war das Laser-Auftragsschweißen zum Generieren von Bauteilen nach Kundenanforderung. Unter Einsatz eines Laserstrahls wurden aus Metallpulver Metallteile generiert. In diesem Projektverbund war Precitec Optronik verantwortlich für die Entwicklung einer Sensortechnik, die die generierte Kontur unmittelbar vermisst. Dieser Messvorgang dient der Qualitätskontrolle.

Zum Einsatz kommt diese Technologie unter anderem in der Automobilindustrie. Die Fördersumme für Precitec Optronik belief sich in diesem Projekt auf rund 250.000 Euro; das gesamte Projektvolumen umfasst etwa 8 Millionen Euro. „Wie hoch der Zuschuss ist, liegt an der Größe der Firma“, erklärt Ingenieur Markus Kogel-Hollacher.

Kompliziert ist bei den EU-Verbundprojekten vor allem die Antragstellung, nicht das Finden von Partnern oder Projektideen. „Wir sind europaweit in vielen Netzwerken eingebunden und werden oft von Konsortien angefragt“, erklärt Kogel-Hollacher. Einen ungewünschten Abfluss von speziellen Kenntnissen in solchen Projekten fürchtet er nicht. „Unter anderem aus dem Grund, dass es bindende Vereinbarungen zwischen den Projektpartnern gibt. Wir müssen uns öffnen und ohne Vertrauen geht das nicht“, beschreibt er seinen Standpunkt.
Kogel-Hollacher bezeichnet alle Projekte als erfolgreich. „Wir haben dadurch neue Kunden gewonnen und man lernt sich als Industriepartner richtig kennen.“ Gut findet er auch, dass Precitec-Geräte durch die internationalen Forschungsprojekte in Instituten und Universitäten zum Einsatz kommen. Damit würde der wissenschaftliche Nachwuchs auf das Unternehmen aufmerksam werden.

Horizont

Das 7. Forschungsrahmenprogramm hat ab 1. Januar 2014 einen Nachfolger: „Horizon –Framework Programme for Research and Innovation“. Das neue Programm soll alle aktuell dutrch das 7.Forschungsrahmenprogramm, das Programm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) sowie das Europäische Institut für Innovation und Technologie abgedeckten Fördermaßnahmen bündeln. Bisher ist das Programm noch in der Entwurfsphase. Budgetiert sind 80 Milliarden Euro. Gute Vorsätze begleiten das neue Programm: Die Zeitspanne zwischen Antragstellung bis zum Eingang der Fördermittel soll um 100 Tage sinken.



Info

EU-Förderung erweitert Horizont

Marktchancen
Durchführung von Forschungsvorhaben im europäischen Projektverbund; bei der Projektsuche helfen die Organisationen des Enterprise Europe Network. Erkunden neuer Marktchancen, Aufbau neuer Kundennetzwerke, werbewirksamer Effekt für eigene Produkte

Wissenstransfer
Europaweites Wissen fließt in die eigene Produktentwicklung ein. Überwindung eigener Scheuklappen, Zusammenarbeit hochqualifizierter und spezialisierter Forschergruppen, Aufbau von Netzwerken, geistiges Eigentum bleibt bei den Auftraggebern, also im Unternehmen.

Finanzieller Anreiz
Hoher Zuschussanteil (bis zu 75% des Projektvolumens), Abfedern des eigenen finanziellen Risikos bei der Entwicklung neuer Produkte. Nach Abschluss der Verträge gibt es eine EU-Vorüberweisung.

Aufwendige Antragstellung
Die Antragstellung ist ein langwieriger und personalintensiver Prozess, der Kapazitäten im Unternehmen bindet. Zwischen Antragstellung und Projektbeginn kann ein Jahr liegen.