Dienstag, 10.12.2019
Überlebt: Die DDR gibt es nicht mehr. Einige wenige VEB haben die Transformation zur Marktwirtschaft aber geschafft.

Foto: Animaflora/iStock/Getty Images

Überlebt: Die DDR gibt es nicht mehr. Einige wenige VEB haben die Transformation zur Marktwirtschaft aber geschafft.

Finanzierung
Der Treuhandanstalt abgekauft

Management Buy-out bei VEB: von der Plan- zur Marktwirtschaft

Das Serumwerk Bernburg stand bereits zu DDR-Zeiten einmal vor einer Pleite. Nach dem Management Buy-out 1992 durch den damaligen Produktionsleiter wurde aus dem VEB ein erfolgreicher Mittelständler. Wie hat das geklappt?

Als die DDR-Betriebe 1989 von der Plan- in die Marktwirtschaft überführt werden sollen, wird deutlich, dass 40 Jahre Planwirtschaft tiefe Spuren hinterlassen haben: Der Maschinenpark in den allermeisten Betrieben ist hoffnungslos veraltet, die Profitabilität der Unternehmen unterirdisch, und weder die Qualität der Produkte noch die Innovationskraft entspricht internationalem Niveau. Als die DDR untergeht, zeigt sich die Misere der sozialistischen Planwirtschaft in ihrer ganzen Dramatik. Die gesamte ostdeutsche Volkswirtschaft landet bereits kurz vor dem formalen Ende der DDR beim Konkursverwalter: Die Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, die im Volksmund nur Treuhand genannt wird, soll die riesigen Industrie-Konglomerate der DDR entflechten, die Volkseigenen Betriebe privatisieren oder, wenn das nicht möglich ist, abwickeln.

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Insgesamt finden zwei Drittel der ehemaligen volkseigenen Betriebe einen Käufer. In vier von fünf Fällen kommt der neue Eigentümer aus Westdeutschland. Lediglich 5 Prozent der Unternehmen gehen an ostdeutsche Käufer. Eines davon ist das Serumwerk Bernburg, das der damalige Betriebsleiter Helge Fänger 1992 gemeinsam mit weiteren Führungskräften und mit Investoren aus Bremen im Rahmen eines Management-Buy-outs übernimmt. Er ist bereits krisenerprobt und hat das Serumwerk schon einmal vor einer Pleite gerettet. 

Mehrfach angewendete Überlebenstaktik

Helge Fänger vom Serumwerk Bernburg

Foto: Serumwerk Bernburg

Helge Fänger vom Serumwerk Bernburg

Denn das Unternehmen, das medizinische Produkte für die Anwendung bei Mensch und Tier herstellt, steht schon zwei Jahre vor dem Mauerfall das erste Mal vor dem Aus. Damals bricht ein Großkunde aus der Sowjetunion weg, wodurch der Betrieb mehr als 90 Prozent seines Gesamtumsatzes verliert. Fänger, damals als Betriebsleiter noch neu im Amt, saniert das Unternehmen, indem er sich auf andere Produkte konzentriert, die das Serumwerk im Portfolio hat. Eine Überlebenstaktik, die er später immer wieder anwenden wird.

Auch nach der Wende scheint es nicht gut zu stehen um das Serumwerk. Denn die Privatisierung erweist sich als schwieriger als gedacht. „Dadurch, dass wir fast als einziger Betrieb sowohl Human- als auch Veterinärpharmaprodukte hergestellt haben, gab es wenig Interesse von Käufern“, sagt Fänger. Experten vom Pharmariesen Fresenius gaben den Bernburgern seinerzeit zwei bis drei Jahre zur Insolvenz. Und sie hätten laut Fänger Recht behalten, wenn das Geschäft, wie zwischenzeitlich geplant, aufgeteilt worden wäre. „Das wäre allein schon deshalb schwierig gewesen, weil die Produktionsanlagen ja dann auch aufgeteilt worden wären“, sagt er.

Zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen

Frank Kilian vom Serumwerk Bernburg

Foto: Serumwerk Bernburg

Frank Kilian vom Serumwerk Bernburg

So wird Fänger selbst zum Unternehmer – und rettet das Serumwerk ein zweites Mal. Dabei hilft auch ein bisschen das Glück, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen zu haben – zum Beispiel Frank Kilian, heute Fängers Nachfolger als Vorstandsvorsitzender des Serumwerks. Der Westdeutsche arbeitet in den achtziger Jahren im väterlichen Pharmaunternehmen in Bayern. Einer seiner Kunden ist ein geschäftstüchtiger und äußerst sparsamer Krankenhausapotheker in Hof an der Saale im damaligen Zonenrandgebiet, dem er jeden Herbst zwei Lkw voll Infusionslösungen liefert. Ein Jahr vor der Wende findet Kilian bei dem Apotheker plötzlich ein schon volles Lager vor. Über Umwege, so berichtet ihm dieser, sei er an Infusionen aus der DDR gekommen. „Als die Grenzen offen waren und ich von meinem Vater den Auftrag erhielt, Kontakte im Osten zu knüpfen, erfuhr ich, woher die Infusionspackungen gekommen waren: vom Serumwerk in Bernburg“, erinnert sich Kilian. „So habe ich dann Herrn Fänger persönlich kennengelernt.“

Die ersten Verträge zwischen den beiden Unternehmen folgen bald, das Dialyse-Know-how kommt zunächst aus Bayern, die Kontakte zu ostdeutschen Kunden aus Bernburg. Als das väterliche Unternehmen um die Jahrtausendwende von einem US-Pharmaunternehmen gekauft wird, erinnert sich Kilian an die gute Zusammenarbeit mit Helge Fänger – und wird 2015 nach mehreren anderen Stationen im Unternehmen dessen Nachfolger als Vorstandsvorsitzender.

Stark gewachsen

In der Zwischenzeit war das Unternehmen stark gewachsen, hatte unter anderem 1999 das westdeutsche Unternehmen Medistar übernommen. Einmal wäre allerdings das Serumwerk fast aufgekauft worden. Denn 2001 wollten die Bremer Investoren aus steuerlichen Gründen aussteigen. „Prinzipiell fand ich das Ok“, sagt Fänger rückblickend. Was ihm allerdings nicht gefiel: dass die Verhandlungen hinter seinem Rücken stattfanden. 51 Prozent des Unternehmens hätte Fresenius – zehn Jahre, nachdem es geheißen hatte, dass das Serumwerk nur 2 Jahre überleben würde – seinerzeit gerne übernommen. Doch Fänger schaffte es, einen der Investoren selbst auszulösen und so genug Anteile zu halten, um eine Übernahme zu verhindern. „Sonst gäbe es das Serumwerk heute nicht mehr“, ist er sicher. Heute hat er zwar die operative Führung abgegeben, ist aber noch Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens und hält gemeinsam mit seiner Frau eine Sperrminorität des Unternehmens.

Bleibt eine Frage offen: Fühlt sich Fänger im Rückblick ungerecht behandelt von der Treuhand? „Das lässt sich sehr schwer bewerten“, sagt Fänger heute. „Sicherlich gab es hie und da Dinge, die falsch gelaufen sind. Aber ich glaube, wenn ich selbst vor einer solchen Aufgabe wie die Treuhand gestanden hätte, hätte ich das nicht unbedingt besser gemacht.“