Mittwoch, 24.06.2020
Günstige Gelegenheit: Solvente Mittelständler können in der Corona-Krise durch Zukäufe wachsen.

Foto: Natee Meepian/ iStock/ Getty Images

Günstige Gelegenheit: Solvente Mittelständler können in der Corona-Krise durch Zukäufe wachsen.

Finanzierung
M&A im Mittelstand

Übernahmen: Wann sich Zukäufe in der Corona-Krise lohnen

Die aktuelle Wirtschaftskrise drückt die Preise bei M&A im Mittelstand. Für Unternehmen ist das eine gute Gelegenheit, durch strategische Zukäufe profitabler zu werden. Worauf es dabei ankommt, erklärt M&A-Experte Michael Euchner im Interview.

Herr Euchner, durch die Corona-Krise sind viele Unternehmen wirtschaftlich angeschlagen. Ist jetzt für Mittelständler ein guter Zeitpunkt durch strategische Zukäufe ihre Marktposition zu stärken?

Grundsätzlich ja. In den vergangenen Jahren waren die Marktpreise doch recht hoch. Durch die jetzige Krise sind die Preise spürbar gesunken, sodass sich Zukäufe für Unternehmen eher rentieren. Allerdings sind auch viele der Firmen, die in der Vergangenheit über Zukäufe nachgedacht haben, von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen. Übernahmen sind nur bei ausreichender Liquidität eine gute Idee.

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Michael Euchner ist Partner bei der Unternehmensberatung Ebner Stolz und Experte für Distressed M&A-Transaktionen.

Foto: Bernd Noerig

Michael Euchner ist Partner bei der Unternehmensberatung Ebner Stolz und Experte für Distressed M&A-Transaktionen.

Sollte das Kapital vorhanden sein: Worauf sollten Unternehmen bei der Auswahl von potentiellen Übernahmekandidaten achten?

Zukäufe sind dann sinnvoll, wenn das Unternehmen dadurch entweder seine bisherigen Geschäftsfelder stärkt oder sich neue Bereiche erschließt, die das Geschäftsmodell sinnvoll ergänzen. Ein Beispiel für Ersteres ist etwa, wenn es einem Unternehmen durch den Zukauf gelingt, sich den Zugang zu neuen Kunden oder Märkten zu erschließen. Ein kunststoffverarbeitendes Unternehmen, das eine Lackiererei kauft und dadurch seine Waren selber lackieren kann, ist ein Beispiel für eine möglicherweise sinnvolle Erweiterung des Geschäftsmodells durch eine Übernahme. 

 

In einer Krise müssen sich Käufer aber auch noch weitere Fragen stellen. Und zwar, ob und wie sie in der Lage sind, das angeschlagene Kaufobjekt zu sanieren. Gelingt es dem Unternehmen nämlich nicht, die übernommene Firma wieder profitabel zu machen oder erfolgreich in den eigenen Betrieb zu integrieren, nützt es ihm gar nichts, dass der Kaufpreis relativ niedrig war. Es sei denn, das Ziel des Kaufs ist, ausschließlich ausgewählte Aspekte der übernommenen Firma zu erwerben etwa Patente oder Personal, und den Rest abzuwickeln. Dann ist es eine Abwägung zwischen Kaufpreis und dem Nutzen, den die übernommenen Bereiche dem Käufer bringen.

 

Mittelständische Unternehmen haben nicht unbedingt viel Erfahrung damit, wie man Firmen saniert. Wie sollte ein potentieller Käufer vorgehen, um herauszufinden, ob der anvisierte Zukauf ein Schnäppchen ist, oder er besser die Finger davon lässt?

Zunächst sollte das Unternehmen in den Verkaufsverhandlungen herausfinden, wie groß die wirtschaftlichen Probleme sind und in welchen Bereichen unprofitabel agiert wurde. In einem zweiten Schritt sollte sich der potentielle Käufer dann überlegen, ob er selber das technische Know-how, die Kundenzugänge sowie die entsprechenden Fachkräfte hat, um die Probleme lösen zu können. 

Ein Verkäufer präsentiert sich in den Verhandlungen natürlich immer von der besten Seite und versucht die vorhandenen Probleme kleinzureden. Wie findet der Käufer trotzdem heraus, wie es wirklich um den Übernahmekandidaten steht?

Noch stärker als bei wirtschaftlich gesunden Unternehmen ist in diesem Fall ein Besuch vor Ort sinnvoll. Nachdem der Käufer die Bücher und andere Unterlagen gesichtet hat, sollte er sich die Produktion und die Prozesse des Unternehmens anschauen und mit Mitarbeitern sprechen. Wichtig ist dabei, nicht nur mit den Führungskräften zu sprechen, sondern sich auch mit den Mitarbeitern am Band, in der Verwaltung oder gar dem Pförtner zu unterhalten. Diese haben einen guten Einblick in die Firma und neigen zudem weniger dazu, Dinge schönzufärben. Auch mit wichtigen Lieferanten oder Kunden lohnen sich Gespräche.

Mitarbeiter sind ein gutes Stichwort. Sollte es zum Kauf kommen, wie integriere ich die neuen Mitarbeiter richtig?

Zunächst mal sollte der Käufer einen Punkt vorher ansetzen. Welche Angestellte sollte er überhaupt übernehmen und welche besser nicht? Wenn es dem übernommen Unternehmen vorher nicht gut ging, ist es nicht unwahrscheinlich, dass bestimmte Mitarbeiter  ein Teil des wirtschaftlichen Problems sind. Das gilt vor allem für die Führungskräfte, aber nicht nur für sie. Fehler können natürlich passieren und sind menschlich. Wenn bestimmte Mitarbeiter aber in der Vergangenheit immer wieder Fehlentscheidungen getroffen haben, sollte der Käufer darüber nachdenken, diese nicht zu übernehmen. Außerdem schaffen Zukäufe idealerweise Synergien, was dazu führt, dass weniger Angestellte gebraucht werden.

 

Mit den Mitarbeitern, die man übernimmt, sollte man vorab Gespräche führen. Was erwarte ich von ihnen? Welche Perspektiven kann ich ihnen geben? Welche Ziele hat das Unternehmen und welche persönlichen Ziele soll der Mitarbeiter erfüllen? Es ist einfach wichtig, die neuen Angestellten abzuholen und zu motivieren. Sie sollten sich bei ihrem neuen Arbeitgeber gut aufgehoben fühlen.

Nur die wenigsten Unternehmen werden Zukäufe komplett über Eigenkapital finanzieren. Wie überzeuge Firmen ihre Bank oder andere Finanzierer davon, ihnen Kapital für die Übernahme zur Verfügung zu stellen?

Hierbei ist hilfreich, wenn der Käufer genau darlegen kann, wie er die übernommene Firma sanieren will und welche Wachstumsmöglichkeiten  der Zukauf bietet. Ist dieses Konzept überzeugend und der Käufer trotz der Corona-Krise solvent, wird er  in der Regel auch einen Geldgeber für die Übernahme finden.