Freitag, 30.04.2021

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Zahlt mehr: VW-Chef Herbert Diess stimmte Gehaltssteigerungen und Sonderprämien zu.

Finanzierung
Gehaltsatlas

Kann's ein bisschen mehr sein?

Corona schlägt auch auf die Gehälter durch. Es gibt aber Positionen und Branchen, in denen im Mittelstand gute Bezahlung weiter möglich ist. Das zeigt der Gehaltsatlas, den das Beratungshaus Kienbaum exklusiv errechnet hat.

Herbert Diess hat ein sehr hohes Gehalt. Aber auch sehr viele Probleme. Eins davon hat der Volkswagen-Chef gut abgebogen: Seine Mitarbeiter in Deutschland bekommen mitten in der Krise ein durchaus wahrnehmbares Gehaltsplus. Die Beschäftigten erhalten 1000 Euro Corona-Prämie im Juni. Im Januar 2022 steigen die Monatsentgelte tabellenwirksam um 2,3 Prozent, Laufzeit bis zum 30. November 2022.

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Prämie, Gehaltserhöhungen – war da nicht was? Stecken nicht deutschlandweit gerade Zulieferer aus der Autoindustrie in schweren Überlebenskämpfen? Und dann zahlt der größte Konzern der Branche seinen Mitarbeitern mehr Geld? Ja. Denn so einfach ist die Welt nicht mehr: Krise heißt nicht gleich niedrigere Gehälter – wie auch andersherum eine erfolgreiche Situation oder eine vorbildliche Karriere nicht mehr automatisch gute Gehälter garantieren. Es kommt auf mehr an – bis in den Mittelstand hinein wird das Gehalt eine sehr komplexe Angelegenheit, eine Matrix aus Branche, Arbeitsort, persönlichen Fähigkeiten, Marktwert und Weiterbildungsbereitschaft. Das ist das Ergebnis von Deutschlands größtem Gehaltsatlas für den Mittelstand, den die Personal- und Managementberatung Kienbaum mit "Markt und Mittelstand" zusammengestellt hat.

Hier finden Sie die vollständigen Gehaltstabellen

Welche Gehaltssprünge möglich sind

Weiteres Ergebnis: In vielen Branchen sind nicht nur die Umsätze eingebrochen, sondern in der Folge auch, was hängen bleibt. Doch: Das heißt nicht, dass im Mittelstand keine Gehaltssprünge mehr drin sind. Man muss nur genauer suchen, wie ebenfalls durch die Studie von Kienbaum und "Markt und Mittelstand" deutlich wird. Ergebnis: Während es in einzelnen Branchen – Reise, Hotellerie, Veranstaltungsmanagement – auf nächste Zeit wenig zu holen gibt, sind andere Manager-Professionen geradezu Mangelware. "Alles rund um Digitalisierung und IT boomt", sagt Kienbaum-Experte Nils Prüfer.

Für den großen Mittelstands-Gehaltsatlas hat Kienbaum Gehaltsdaten der zweiten Führungsebene – Bereichs- und Abteilungsleiter – in Unternehmen mit 250 bis 2000 Mitarbeitern ausgewertet. Dabei hat Kienbaum mehr als ein Dutzend Branchen und fast 20 Leitungspositionen in allen deutschen Regionen ins Visier genommen. Neben der starken Nachfrage nach allem, was digitalisiert, fällt vor allem auf: Je nach Standortwahl und Branchenflexibilität sind deutliche Sprünge möglich. Wer die IT in einem Unternehmen der gebeutelten Modebranche leitet und es schafft, in die Chemiebranche zu wechseln, kann es von 126.000 Euro jährlichem Brutto auf 178.000 schaffen – und solch ein Wechsel dürfte angesichts der Knappheit guter IT-Manager nicht unrealistisch sein. Oder eine Leiterin der Rechtsabteilung, die von der Verlagsindustrie in den Bereich Finanzdienstleistungen wechselt: Hier ist ein Sprung von 137.000 auf 190.000 Euro nicht unrealistisch.

Das Gleiche gilt für regionale Unterschiede – hier sind aber die unterschiedlichen Kaufkraft-Level zu beachten. Dass Manager in Frankfurt und München durch alle Branchen und Positionen hinweg deutlich besser verdienen als im Rest der Republik, ist auffällig – wegen der deutlich höheren Lebenshaltungskosten in beiden Städten aber auch nur bedingt lukrativ. Der Leiter Vertrieb, der es von 124.000 Euro in Berlin auf 166.000 in Köln schafft, denkt aber vielleicht doch über einen Umzug nach.

Kein Gehalt ist mehr sicher

Was aber deutlich wichtiger wird als kurzfristige Gehaltssprünge: Das Gehaltsniveau ist keine Garantie fürs Leben mehr. "Es wird herausfordernder, sein Gehalt beizubehalten, wenn ich nicht mit dem Bedarf des Marktes gehe", sagt Prüfer. Und dieser Markt wandelt sich. Das zeigt sich etwa derzeit am Beispiel der Autoindustrie. Dort entsteht in Brandenburg ein gigantisches Projekt: Tesla baut derzeit außerhalb von Berlin Europas größtes Industrieprojekt. Das braucht vor allem auch Menschen, die dort ab Sommer arbeiten.

Entsprechend wirbt der US-Autobauer derzeit um Mitarbeiter, möglichst mit Erfahrungen in der Autoindustrie. Und weil die Branche zwar groß, so groß aber wiederum auch nicht ist, spricht sich schnell herum, wie viel sich bei Elon Musks Firma verdienen lässt. Ein Manager etwa geht laut Bewertungsplattform Kununu mit 102.700 Euro brutto im Jahr nach Hause, ein Entwicklungsingenieur mit 76.600 Euro.

Gesucht wird derzeit fast alles: Von der Manager Supply-Chain über den Prozessingenieur Batteriezellenfertigung bis zum Kfz-Mechatroniker, vom Software-Entwickler Cell Controls Engineering über Gießereimechaniker bis zum Kraftfahrer. Allein beim Karrierenetzwerk LinkedIn sind mehr als 300 Stellen ausgeschrieben (Stichwort Gigafactory). Das Unternehmen selbst äußert sich, wie bei allem rund um die Fabrik, nicht offiziell – weder zu Gehältern noch zum Einstellungsverfahren. Bekannt ist: Führungskräfte und Ingenieure sollten Englisch und Deutsch sprechen.

Und natürlich sollte sich jeder mit den Werten des Unternehmens identifizieren, wie in den Ausschreibungen steht: "Von jedem Teammitglied wird nicht nur erwartet, sich Herausforderungen zu stellen, sondern auch selbst herauszufordern, um Neues zu schaffen." Obwohl das Unternehmen europaweit sucht und einige Firmen in der Autobranche Stellen streichen, "hat Tesla Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden", sagt ein Insider. Das könne darauf hindeuten, dass das, was Tesla bietet, für viele nicht ausreiche, um den Job zu wechseln. Daraus folgt: Interessenten könnten deshalb eine gute Verhandlungsposition haben. Möglicherweise stockt das Unternehmen seine Angebote tendenziell auf, um rechtzeitig zum Produktionsstart genug Personal zu haben.

Und der Wettbewerb um Personal wird größer, denn die Fabrik zieht auch Zulieferer an, die wiederum Mitarbeiter benötigen. Bei der Arbeitsagentur in Frankfurt (Oder) haben sich "bereits zwei Firmen aus Süddeutschland und aus Asien, die sich als Zulieferer der Gigafactory Grünheide ansiedeln wollen", gemeldet. Zum Job gehört nicht nur das Gehalt, sondern auch das Renommee des Arbeitgebers. Tesla-Chef Musk inszeniert sich und Tesla als Revolutionär, der aus dem Nichts startete und die Alteingebrachten vor sich hertreibt. Zudem pflegt das Unternehmen das Bild, lösungsorientiert zu denken und dafür auch andere Wege als üblich zu gehen, eher wie ein Start-up als ein Konzern.

Mehr als ein Weg

Das ist symptomatisch für eine Arbeitswelt, in der es nicht mehr nur den einen Weg zum Erfolg gibt. Und ebenfalls nicht mehr nur einen Weg zum guten Gehalt. Product-Owner etwa, die gegenüber den Kunden ein IT-Projekt eigenständig vertreten, überholen mittlerweile hierarchische Führungskräfte auch in mittelständischen Unternehmen schon beim Gehalt. "Hierarchie ist ja nicht gleich Wertbeitrag und Wertigkeit", sagt Prüfer. Es braucht in Zukunft vor allem Profile, welche die Transformation von Organisationen und die agile Weiterentwicklung beim Kunden stemmen können. "Es gibt nicht mehr nur die klassische Führungskraft, die alle Verantwortung auf sich bündelt, sondern zunehmend auch neue Karrierelogiken für Fachthemen, Projekte oder Produkte – und das spiegelt sich letzten Endes auch im Gehalt wider", sagt Prüfer. "Karriere und Verantwortung werden somit vielfältiger und flexibler, gleichzeitig, aber auch volatiler und temporärer orientiert."

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