Dienstag, 20.12.2011
Finanzierung
Länderbewertung

Meinung: Ratings keine schreckliche Sache?

EZB-Chef Mario Draghi hat gestern in Brüssel die Bedeutung von Länderbewertungen durch die großen Ratingagenturen heruntergespielt. Markt und Mittelstand-Redakteur Axel Rose erklärt, warum das eigentlich verkehrt ist und am Ende trotzdem stimmt.

„Das ist nicht mehr wie vor 15 Jahren. Das sollte keine schreckliche Sache sein“, sagte Mario Draghi gestern im Europaparlament auf die Frage zu einer möglichen Herabstufung Frankreichs. Nach EU-Binnenkommissar Michel Barnier stellt damit auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Bedeutung von Länderbewertungen durch die großen Ratingagenturen in Frage.

Diese laxe Haltung demonstriert einmal mehr das gesunkene Vertrauen in die Ratingagenturen und ihre Notenvergabe. Im Grundsatz führt die Diskussion jedoch in eine völlig falsche Richtung. Nicht die Bedeutung der Länderratings sollte in Zweifel gezogen werden. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, ob die Agenturen der wachsenden Bedeutung ihrer Ratings noch gerecht werden. Denn Ratings werden immer wichtiger – ganz gleich, was Draghi uns glauben machen will. Das liegt an der wachsenden wirtschaftlichen Unsicherheit und der gestiegenen Vernetzung der Geldströme, die es Marktteilnehmer immer schwerer machen, Zusammenhänge zu entzerren und Entwicklungen vorherzusehen.

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Die (finanz)wirtschaftlichen Zusammenhänge sind so komplex geworden, dass auch Experten den Überblick zu verlieren scheinen. Das gilt für Politiker, Ökonomen und Banker gleichermaßen. In einer Situation, in der Ratingagenturen dringender gebraucht werden als zuvor und eine Ankerfunktion für Investoren ausüben müssten, bleiben die Institute jedoch ebenfalls in der Bringschuld. Erst haben sie viele Risiken gar nicht wahrgenommen und jetzt wollen sie den gesamten Euroraum herabstufen. Darunter leidet das Vertrauen in die Qualität der Ratings. Doch Ratingagenturen, die selbst zur Unsicherheit beitragen, anstatt diese zu mildern, verlieren in der Tat an Bedeutung. Draghi hat also doch recht. Wenn auch anders als gedacht.

 

axel.rose@marktundmittelstand.de