Montag, 19.02.2018
Volle Ladung: Deutschland ist Exportweltmeister. Doch Mittelständler müssen immer öfter um die Finanzierung ihrer Handelsgeschäfte bangen.

Foto: Tashatuvango/Thinkstock/Getty Images

Volle Ladung: Deutschland ist Exportweltmeister. Doch Mittelständler müssen immer öfter um die Finanzierung ihrer Handelsgeschäfte bangen.

Finanzierung
Exportfinanzierung

Mittelständler kommen nur schwer an Exportkredite

Trotz immer neuen Ausfuhrrekorden: Viele Banken drosseln die Exportfinanzierung. Betroffen sind vor allem „Small Tickets“ für mittelständische Unternehmen.

Die deutsche Exportwirtschaft braust von Rekord zu Rekord. Zum Jahreswechsel erwarteten die Statistiker einen neuen Spitzenwert bei den Handelsüberschüssen. Doch nicht alle Exporteure haben Grund zur Freude. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft sind alarmiert: „Derzeit ist ein sehr selektives Vorgehen der Banken in der Exportfinanzierung zu beobachten“, sagt Julia Callies vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Ulrich Ackermann, Abteilungsleiter Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), bestätigt diesen Befund: „Betroffen sind vor allem Exportaufträge mit einem Volumen von einer halben bis 5 Millionen Euro. Hierfür vergibt kaum noch eine Bank Kredite.“

Aktuelles aus dem Mittelstand: Folgen Sie uns auf Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand und Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand


Darunter leidet vor allem der Mittelstand. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern können die Exporteure nur Aufträge platzieren, wenn sie ihren Kunden gleichzeitig über eine Bank eine Finanzierung anbieten. Bei diesen sogenannten Bestellerkrediten droht die deutsche Exportwirtschaft im globalen Wettbewerb zurückzufallen. „Die Konkurrenten aus China und anderen asiatischen Ländern können ihren ausländischen Kunden vielfach erheblich günstigere Finanzierungen bieten“, sagt Florian Seitz, Head of Trade & Export Finance bei der BayernLB.

Vertreter der Kreditwirtschaft räumen ein, dass die Klagen der Exporteure nicht unberechtigt sind. „Die Auswahl an Finanzierungsmöglichkeiten für die Exporteure hat sich verringert. Mehrere deutsche Banken haben sich aus diesem Geschäft zurückgezogen“, berichtet Ralph Lerch, Leiter Exportfinanzierung bei der Commerzbank. Andere Institute haben die Limite für einzelne Länder und Branchen kräftig gekürzt. Besonders groß sollen Banker-Kreisen zufolge die Einschnitte bei den privatwirtschaftlichen Großbanken sein.

Banken auf dem Rückzug

Julia Callies vom BDI

Foto: BDI

Julia Callies vom BDI

Die Geldhäuser wollen diese Vorwürfe so pauschal aber nicht gelten lassen. Die Deutsche Bank will die Handelsfinanzierung sogar ausbauen. „Dies gilt insbesondere für die Emerging Markets in Lateinamerika, Afrika und Asien“, sagt Daniel Schmand, Global Head of Trade Finance. Zugleich drängen Banken aus Frankreich, den Niederlanden, Spanien und anderen europäischen Ländern auf den deutschen Markt und buhlen hier um lukrative Firmenkunden. „Ausländische Banken vergeben zum Teil noch Kredite, wo deutsche Institute längst den Geldhahn zugesperrt haben. Wie Trüffelschweine müssen die Exporteure sich auf die Suche nach solch raren Finanzierungsquellen machen“, sagt Gregor Wolf, Geschäftsführer beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen.

Die Großbanken zeigen wenig Eifer, den Exporteuren dort zu helfen, wo sie der Schuh am heftigsten drückt, nämlich bei den kleinteiligen Geschäften. „Wir beobachten, dass Banken das kommerzielle Interesse an Bestellerkrediten für kleine Auftragswerte zunehmend verlieren“, sagt BDI-Referentin Callies. Banker bestätigen das: „Bestellerkredite mit einem Volumen von 250.000 Euro bis 5 Millionen Euro lassen sich kaum darstellen. Hier klafft eine Lücke“, stellt Manfred Fischer fest, Head of Export Finance bei der DZ Bank. Die Lücke betrifft vor allem Einzelaufträge mit Neukunden. Wenn die Bonität der Besteller bekannt ist, tun sich die Kreditinstitute leichter.

Doch bei Stand-Alone-Krediten gilt bei den meisten Großbanken die Untergrenze von 5 Millionen Euro. Nur bei besonders guten Kontakten drücken die Geldhäuser ein Auge zu. Die öffentlich-rechtlichen Landesbanken zeigen sich kaum generöser als die privatwirtschaftlichen Institute. „Wir betreiben das kleinteilige Geschäft nur, um damit vor allem den Kunden der Sparkassen zu dienen. Wir akquirieren in der Regel nicht aktiv Kreditgeschäft, wo das Auftragsvolumen unter 5 Millionen Euro liegt“, sagt Diana Häring, Head of Trade & Export Finance bei der Helaba.

Hoher Aufwand, hohe Kosten

„Small Tickets“ heißen im Branchen-Jargon Exportaufträge im Volumen bis maximal 5 Millionen Euro. Sie sind in der Investitionsgüterindustrie nicht selten. „Auf Small Tickets entfallen im Maschinenbau etwa 10 bis 15 Prozent des gesamten Exportvolumens“, sagt VDMA-Experte Ackermann. Selbst Maschinenbauer mit Milliardenumsätzen verkaufen ihre Produkte oft in kleinen Losen.

Gern verweisen Banken darauf, dass die Exporteure bei Small Tickets Alternativen zum Bestellerkredit hätten. Hierzu gehört ein Lieferantenkredit mit anschließender Abtretung der Forderung an eine Bank. Eine solche Forfaitierung bietet etwa die BayernLB an, wenn der Auftragswert unter 250.000 Euro liegt. Wie ein Bestellerkredit kann die Forfaitierung mit einer Hermes-Bürgschaft gedeckt werden. Den üblichen Selbstbehalt von 5 Prozent trägt dann aber nicht die Bank, sondern das Unternehmen. Daher ist dieses Instrument bei den Exporteuren weniger beliebt. Überdies benötigt eine Firma viel Know-how, um einen Lieferantenkredit zu vergeben, der anschließend an eine Bank verkauft wird. „Kleine und mittlere Unternehmen haben häufig nicht die erforderliche Expertise“, stellt Ackermann fest.

Umwelt- und Menschenrechtsgutachten

Der Bestellerkredit ist daher das Finanzinstrument der Wahl, wenn Exporteure in Emerging Markets um Aufträge buhlen. Die Kreditgewährung ist für die Banken aber mit einem erheblichen Aufwand verbunden – und der ist ihnen bei Small Tickets mittlerweile zu hoch. „Die regulatorischen Anforderungen sind in den vergangenen zwei bis drei Jahren deutlich gestiegen“, sagt Schmand von der Deutschen Bank.

Es reiche heute nicht mehr aus, allein die Bilanzen des Kunden zu prüfen. Die Banken müssten obendrein penibel die Identität des Bestellers und die Verwendung des Kredits unter die Lupe nehmen. Schließlich müssten oft Umwelt- und Menschenrechtsgutachten in Auftrag geben werden. „Wenn beispielsweise ein deutscher Hersteller eine Webmaschine an eine Textilfabrik in Bangladesch liefert, dann muss geprüft werden, ob in dem Werk die Bestimmungen für den Arbeitsschutz eingehalten werden“, sagt Diana Häring von der Helaba.

Schrumpfende Netzwerke

Allein die Anwaltskosten, die bei einer Hermes-Deckung anfallen, könnten sich pro Kredit auf 10.000 Euro belaufen. „Hinzu kommen jeweils mehrere Tausend Euro für das Rating des Kreditnehmers, das jährlich durchgeführt werden muss“, sagt Häring. Die regulatorischen Kosten sind fix. „Der Prüfaufwand für einen 3-Millionen-Euro-Kredit unterscheidet sich nicht wesentlich von einem über 100 Millionen Euro“, konstatiert Edna Schöne, Vorstandsmitglied beim Kreditversicherer Euler Hermes. Stünden Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis mehr, verabschiedeten sich die Banken aus dem Geschäft. „Betriebswirtschaftlich ist das für jede einzelne Bank nachvollziehbar. Für die Exportwirtschaft ist das dagegen ein Problem“, resümiert Schöne.

Besonders groß ist der Aufwand, wenn eine Bank ein Geschäft mit einem Land finanzieren will, das, wie etwa Russland oder der Iran, Sanktionen unterliegt. In solchen Fällen besteht eine deutlich höhere Sorgfaltspflicht für Banken. Wegen der hohen Kosten und Risiken prüfen die Institute genau, in welchen Absatzmärkten sie sich engagieren. Auf der schwarzen Liste steht derzeit unter anderem Kasachstan; bei Unternehmen aus diesem Land gab es in der Vergangenheit Probleme mit der Rückzahlung. Aufgrund politischer Unruhen hat sich die BayernLB aus dem Sudan, dem Irak und Venezuela zurückgezogen. Auch bei Kreditanfragen für Pakistan oder Ruanda bekommen viele Banker Bauchschmerzen.

Info

Woran die Exportfinanzierung krankt

  • Engpass bei Small Tickets: Für kleinteilige Exportaufträge vergeben die Banken kaum noch Bestellerkredite. Bei Stand-Alone-Darlehen liegt die Untergrenze in der Regel bei 5 Millionen Euro. Darunter gibt es allenfalls eine Finanzierung, wenn mit den Importeuren Rahmenverträge bestehen oder der Kredit über eine Korrespondenzbank läuft. Banken begründen dies mit hohem Prüfaufwand.
  • Maschinenbau stark betroffen: Unter den Restriktionen bei Small Tickets leidet vor allem der Maschinenbau. Hier ist der Export einzelner Produkte mit einem relativ geringen Wert weitverbreitet, die Abnehmer sind oft Neukunden aus den Emerging Markets. Dagegen ist bei Autozulieferern und Chemieunternehmen wiederkehrendes Exportgeschäft mit relativ geringen Ausfallrisiken die Regel.
  • Rückzug: Politische und finanzielle Instabilität sind Ausschlusskriterien für eine Exportfinanzierung. Aufgrund der anhaltenden Unruhen stehen der Irak, der Sudan und Venezuela bei vielen Banken auf der schwarzen Liste. Unbeliebt sind auch Pakistan und Ruanda. Für Kasachstan bekommen die Banken wegen der schlechten Zahlungsmoral nur schwer die benötigte Kreditversicherung.

Die Institute versuchen, die Risiken in den Emerging Markets zu schultern, indem sie mit Partnern arbeiten. 2016 hat die BayernLB einen Kooperationsvertrag mit der Standard Chartered Bank abgeschlossen, die im asiatischen Raum rund 200 Niederlassungen unterhält. Bei anderen deutschen Finanzinstituten stehen Korrespondenzbanken im Vordergrund, mit denen sie bei der Betreuung lokaler Kreditkunden zusammenarbeiten. Aufgrund der hohen administrativen Kosten dieser Kooperationen haben einige Banken ihre globalen Netzwerke in jüngerer Vergangenheit jedoch zum Teil kräftig reduziert. „Im Branchenschnitt kostet eine Korrespondenzbankbeziehung pro Jahr 50.000 bis 100.000 Euro – diesen Kosten müssen gewisse Erträge gegenüberstehen“, erklärt Daniel Schmand von der Deutschen Bank diese Entwicklung. Das Institut habe aber nach wie vor Partnerbanken in 153 Ländern.

Joint Venture mit schlanker Struktur

Auch die Commerzbank hat mit 70 Partnern aus Russland, Indonesien, Brasilien und anderen Ländern Rahmenverträge vereinbart, mit denen sich Kredite im Volumen von einer halben Million Euro darstellen lassen. Zudem gibt es Rahmenverträge mit ausländischen Unternehmen, die regelmäßig in Deutschland einkaufen. „Auf diese Weise können wir auch Exportaufträge über 2 oder 3 Millionen Euro finanzieren“, sagt Ralph Lerch.

Ein weiteres Kooperationsmodell hat die KfW Ipex-Bank eingeführt. Sie vergibt Kredite an ausländische Unternehmen unter der Maßgabe, dass diese bei Zulieferern in Deutschland und anderen europäischen Ländern einkaufen. Erprobt hat die Bank dieses Modell unter anderem in der Schiffsfinanzierung im Rahmen der „German Maritime Export Initiative“. Überdies arbeiten nahezu alle deutschen Exportfinanziers mit der AKA Bank in Frankfurt, einem Gemeinschaftsunternehmen deutscher Banken, das vor allem Handelsfinanzierung betreibt. Manche Banken möchten die kleinteilige Finanzierung am liebsten ganz dorthin abgeben. Freilich kann auch die Spezialbank nicht beliebig viele Small Tickets finanzieren – dann würde sie rote Zahlen schreiben.

Forderungen an die Bundesregierung

Ulrich Ackermann vom VDMA

Foto: VDMA

Ulrich Ackermann vom VDMA

Um mittelständische Unternehmen auf den Weltmärkten zu unterstützen, sind Reformen im Gespräch. „Das System der Exportfinanzierung muss grundlegend geändert werden“, fordert Außenwirtschaftsexperte Ackermann vom VDMA. Wie das gelingen soll und kann, dafür gibt es mehrere Ansätze.

Die Konzepte haben aber nur dann eine Chance, in die Praxis umgesetzt zu werden, wenn der Gesetzgeber die notwendigen Grundlagen schafft. Dies wurde auf einem Spitzentreffen von Bankern und Politikern deutlich, das im Juni 2017 bei der AKA Bank stattfand. Auf der Veranstaltung, an der neben fast allen Großbanken Vertreter der Bundesregierung und von Euler Hermes teilnahmen, konnten die Kreditinstitute ihre Lösungsansätze zur Exportfinanzierung vortragen. Teilnehmende Banker hatten danach den Eindruck, dass die Politik ihre Probleme verstanden habe. Geschehen ist bisher aber noch nichts. Julia Callies vom BDI formuliert daher unzweideutig: „Die deutsche Industrie fordert die nächste Bundesregierung zum Handeln auf.“

Info

Vier Wege aus der Kreditklemme

In Industrie und Kreditwirtschaft werden verschiedene Ansätze diskutiert, wie die Finanzierung von kleinteiligen Exportaufträgen erleichtert werden kann. Erforderlich sind politische und rechtliche Reformen.

  • Der Verwaltungsaufwand könnte gesenkt werden, wenn Liefer- und Kreditverträge standardisiert würden. Dies ist aber erheblich leichter gesagt als getan. „Im Auslandsgeschäft ist eine Standardisierung schwer, da man es mit sehr unterschiedlichen Rechtssystemen zu tun hat“, sagt Edna Schöne, Vorstand beim Kreditversicherer Euler Hermes.
  • Kosten könnten durch Digitalisierung sinken. Mit Hilfe der Blockchain-Technologie lassen sich die für Exportkredite benötigten Dokumente digitalisieren und so speichern, dass alle beteiligten Parteien Zugriff haben.
  • Banken fordern von Hermes bessere Deckungsmöglichkeiten, etwa durch einen Portfolio-Ansatz: Hermes würde dann nicht mehr einzelne Kredite versichern, sondern jeweils ein ganzes Bündel. Dann könnte der Bund die Deckung von 95 in Richtung 100 Prozent erhöhen, da nicht alle Kredite in einem Portfolio gleichzeitig ausfallen würden. Aus haushaltsrechtlichen Gründen sind staatliche Garantien für ein Kreditportfolio allerdings derzeit noch nicht zulässig.
  • Bei der Bonitätsprüfung gibt es derzeit eine Doppelarbeit, die die Kosten in die Höhe treibt: Hermes und die finanzierende Bank prüfen gleichzeitig, aber unabhängig voneinander die Kreditwürdigkeit des Exportkunden, der eine Finanzierung bekommen soll. Außenwirtschaftsexperte Ulrich Ackermann vom VDMA empfiehlt, dass Deutschland sich an Japan, Südkorea und den USA orientiert. „Dort kommen Kredit und Kreditversicherung aus einer Hand.“

Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 02/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.