Dienstag, 26.03.2013
Finanzierung
Wachstumskapital

Mittelstandsfinanzierung: „Höchste Zeit, dass etwas passiert“

Unternehmer und Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft haben Anfang Februar gemeinsam eine Initiative für die Mittelstandsfinanzierung gestartet. Markt und Mittelstand hat mit Mitinitiator und Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold gesprochen.

MuM: Herr Hunold, mit dem neuen Finanzierungsvehikel Rantum Capital möchten Sie dazu beitragen, die Eigenkapitalquote im Mittelstand zu verbessern. Sind Sie nicht etwas spät dran, schließlich hat der Mittelstand seine Eigenkapitalquote in den vergangenen Jahren beständig erhöht?
Hunold: Es stimmt, dass die Situation sich verbessert hat. Die Eigenkapitalausstattung ist aber mitnichten ausreichend: Bei kleinen und mittleren Unternehmen finden sich im Durchschnitt gerade einmal 20 Prozent Eigenkapital auf den Bilanzen. Bei solchen Eigenkapitalquoten besteht häufig zu wenig Spielraum für die Beschaffung von Bankkrediten für Investitionen in Wachstum und die weitere Unternehmensentwicklung.  Denken Sie etwa an neue technologische Innovationen oder die Kosten für  die Markterschließung in Asien, Osteuropa, Südamerika oder sogar Afrika. Dies wird in den nächsten Jahren die Unternehmen vor größere Herausforderungen stellen.

MuM: Weshalb braucht es dafür eigens eine neue Initiative?
Hunold: Nicht zuletzt deshalb, weil es heute nur wenige Anbieter von wirtschaftlichem Eigenkapital gibt. Wir haben eine umfassende Marktanalyse vorgenommen, mit dem Ergebnis, dass hier große Nachfrage entstehen wird – und das hat sich auch in den vergangenen Wochen bereits bestätigt. In der Vergangenheit haben zum Teil von Banken organisierte Mezzanine-Verbriefungstransaktionen die Lücke gefüllt. Diese Produkte verschwinden aber vom Markt. Zudem laufen die seinerzeit am Kapitalmarkt verbrieften Transaktionen jetzt schrittweise aus – bis 2014 stehen etwa 2,3 Mrd. Euro zur Refinanzierung an. Es war also höchste Zeit, dass etwas passiert. Die unternehmerische Ausgestaltung mit einer in Abhängigkeit vom Unternehmenserfolg atmenden Verzinsung, wie sie Rantum Capital anbietet, ist zudem völlig neu in Deutschland und kommt dem unternehmerischen Denken entgegen.

Mehr als neues Mezzanine-Kapital?

MuM: Sie sprechen die Lücke an, die das Austrocknen des Standard-Mezzanine-Marktes gerissen hat. Was unterscheidet Sie von den Mezzanine-Fonds der Vergangenheit und wie wollen sie deren Schicksal vermeiden?
Hunold: Wenn wir eines aus der Finanzmarktkrise gelernt haben, ist es doch die Tatsache, dass es Risiken tatsächlich gibt und man mit ihnen umgehen muss. Auch unser Geschäft ist nicht risikofrei, entsprechend werden wir agieren. Wir planen deshalb – trotz unbürokratischem Ansatz in der Mittelvergabe – eine detaillierte individuelle Prüfung: Wir beabsichtigen Finanzierungen nur an Unternehmen mit konkreten Wachstumsperspektiven zu vergeben. Wir haben uns  auch bewusst für den Anfang für eine Fondsgröße entschieden, die nicht zu Anlagedruck führen dürfte.
Außerdem haben wir gelernt, dass die Rückzahlungsmodalitäten sehr wichtig sind. Da sind in einigen Fällen der Vergangenheit Rückzahlungsbeträge entstanden, die nach sieben Jahren bei mehr als dem 2,5-fachen des Ursprungsbetrags lagen. Das belastet das Unternehmen natürlich dann erheblich. Wir haben deshalb eine Rückzahlungsstruktur gewählt, bei der nur die Tilgung endfällig ist, die Verzinsung aber als Annuität erfolgt. Die Verzinsung hängt zusätzlich vom Umsatzwachstum ab, atmet also sozusagen unternehmerisch mit, nach oben wie auch nach unten.
Und da ist dann natürlich auch noch die Expertise unseres Investitionskomitees, des Beirats und des Managements. Sie finden hier ja wirklich ausschließlich ausgewiesene Experten, zum Beispiel Wolfgang Hartmann, den langjährigen Risikovorstand der Commerzbank als Vorsitzender des Investitionsausschusses.

Mittelstandsfinanzierung: „Darum tut sich PE so schwer“

Joachim Hunold ist Mitinitiator und Chairman der Initiative Rantum Capital. Zuvor war er lange Jahre CEO der von ihm gegründeten Fluggesellschaft Air Berlin.

MuM: Und aus erfahrenen und erfolgreichen Unternehmern mit viel Management-Knowhow. Weshalb versteht sich Rantum Capital trotzdem als reiner Finanzpartner, der keinen Einfluss auf operative Entscheidungen nehmen möchte?
Hunold: Das ist doch genau der Grund, warum sich Private Equity beim deutschen Mittelstand so schwer tut. Der deutsche Unternehmer im kleinen oder mittelständischen Unternehmen will sich in der Regel nicht seine Geschäftspolitik aus der Hand nehmen lassen, er will Herr im eigenen Hause bleiben. Wir wollen den Unternehmer deshalb nicht bevormunden, sondern ihm einfach nur das geben, was er braucht: Eigenkapital zu fairen Konditionen für beide Seiten. Sollten unsere Kapitalnehmer darüber hinaus auch unsere Expertise nutzen wollen, dann werden wir hier sicherlich gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen. Schließlich wissen wir, was es heißt, in bestimmten Unternehmenssituationen zu stecken und sprechen die gleiche Sprache.

MuM: Was macht Sie zuversichtlich, dass Ihnen gelingt, woran andere gescheitert sind?
Hunold: Der deutsche Mittelstand ist traditionell eine Anlageklasse, die für institutionelle Investoren nur schwer zugänglich ist. Nach Überzeugung von Rantum Capital bedarf es für den Erfolg eines gut vernetzen Teams, welches die Sprache der Unternehmer spricht und mit den Usancen des deutschen Mittelstands vertraut ist. Dies können wir bieten.

MuM: Wie kam es überhaupt zu dem Zusammenschluss der verschiedenen Unternehmer bei Rantum Capital und welche konkreten Ziele haben Sie sich gesetzt?
Hunold: Die Idee hat sich im Austausch zwischen Unternehmern entwickelt und zwar auf Basis des von uns wahrgenommenen Bedarfs an Eigenkapital im Mittelstand. Unternehmer wollen Eigentümer bleiben und für ihre Familien das Unternehmen erhalten, benötigen jedoch in bestimmten Wachstumssituationen zusätzliches Eigenkapital. In unserem Beirat haben wir darauf geachtet, dass aus jeder Branche eine Persönlichkeit mit Fachkenntnissen und Managementerfahrung vertreten ist. Die Unternehmen honorieren das und sind in den Gesprächen sehr offen.

Wachstumskapital für Investitionen

MuM: Haben Sie schon bestimmte Unternehmen im Visier? Wodurch sollten sich potentielle Zielunternehmen auszeichnen?
Hunold: Zielgröße beim  Jahresumsatz sind 20 bis 500 Millionen Euro. Es gibt aber trotz konkreter Investitionskriterien keine Schablone. Im Zentrum soll aber die Finanzierung von familien- und unternehmergeführten Mittelständlern mit Bedarf für Wachstumsinvestitionen oder in Nachfolgesituationen stehen. Neulich waren wir beispielsweise bei einem kleinen Mittelständler aus dem Textilbereich. Das Unternehmen hat mit einem Nischenprodukt großen Erfolg und muss sein Warenlager verdoppeln. Mit den Banken wurden schlechte Erfahrungen gemacht, aber der Unternehmer möchte auch nicht noch mehr privates Eigenkapital investieren. Das sind die Situationen, in denen wir eine Alternative bieten möchten.

MuM: Die Mittelvergabe soll unternehmerisch erfolgen. Was genau verstehen Sie darunter?
Hunold: Die Finanzierungen werden in Form eines Nachrangdarlehens vergeben, das in seiner Verzinsung zum Teil an den unternehmerischen Erfolg gekoppelt ist. Die Strukturierung erfolgt ohne persönliche Bürgschaften oder direkte Sicherheiten und soll sicherstellen, dass unser Mittelstandskapital aus der Rating-Sicht von Banken als Eigenkapital gewertet wird.

MuM: Keine Sicherheiten oder persönlichen Bürgschaften, qualifizierter Rangrücktritt: Wie teuer wird das für die Unternehmen?
Hunold: Wir bewegen uns mit Zinsen und Renditen im marktüblichen Rahmen für Mezzanine-Finanzierungen. Auf der Basis einer umfassenden und qualifizierten Prüfung wollen wir das Risiko für uns und unsere Investoren aber soweit wie möglich minimieren. Damit stellen wir auch sicher, dass das Kapital für den Mittelstand immer finanzierbar bleibt.

Info

Daten und Fakten

Hintergrund: Die Initiative „Rantum Capital“ wurde Anfang Februar gestartet, um die Eigenkapitalsituation im deutschen Mittelstand zu verbessern.

Volumen: Der erste Fonds, der den Namen „Rantum Capital Mittelstandskapital I“ trägt, soll über ein Volumen in zumindest dreistelliger Millionenhöhe verfügen. Die Suche nach Investoren ist derzeit noch nicht abgeschlossen.

Verzinsung: Die Kapitalkosten sind variabel und abhängig von der Umsatzentwicklung des Unternehmens. Der Fonds will sich mit Zinsen und Renditen im marktüblichen Rahmen für Mezzanine-Finanzierungen bewegen (8-15 Prozent).

Zielgruppe: Der Fonds wendet sich an Unternehmen mit einem  Jahresumsatz von 20 bis 500 Millionen Euro. Im Zentrum soll die Finanzierung von Wachstumsinvestitionen oder in Nachfolgesituationen stehen.

Initiatoren: Zu den Gründern der Initiative gehören rund ein Dutzend Unternehmer. Neben Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold unter anderem Trimet-Gründer Heinz Peter Schlüter und Ex-Metro-Chef Hans-Joachim Körber.