Dienstag, 14.12.2021

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Die Modekette Orsay ist wegen Umsatzausfällen in der Pandemie ins Straucheln geraten.

Finanzierung
Einzelhandel

Modehändler Orsay schlittert in die Krise

Das Unternehmen ist wegen Umsatzausfällen in der Pandemie ins Straucheln geraten. Auch Staatshilfen konnten die Krise nicht abwenden. Jetzt wird ein Investor gesucht. Geschäftsführer Bopp wendet sich mit einem dramatischen Appell an die Kundinnen. In der Branche herrscht Entsetzen. Händler werfen der Regierung "politischen Blindflug" vor.

Die Coronapandemie stürzt das nächste Großunternehmen im Einzelhandel in die Krise: Der Modehändler Orsay mit seinen 197 Geschäften allein in Deutschland und mehr als 700 Läden in Europa ist unter das sogenannte Schutzschirmverfahren geschlüpft. Das ist eine Sonderform der Insolvenz, bei der das Management Zeit für eine Sanierung gewinnt mit dem Ziel, das Unternehmen fortzuführen.

Orsay reiht sich damit in eine größere Zahl von Modeketten ein, die in der Pandemie ins Straucheln geraten sind. Durch zwangsweise Geschäftsschließungen während der Lockdown-Phasen, dadurch, dass Kunden Masken tragen müssen, und jetzt durch die 2G-Regeln wurden auch ursprünglich gesunde Unternehmen wie Orsay getroffen. Bei anderen, die schon vorher eine schwierige Perspektive hatten, beschleunigte sich der Niedergang. Prominentestes Beispiel ist der seit Jahren angeschlagene Karstadt/Kaufhof-Konzern, der trotz Staatshilfen in dreistelliger Millionenhöhe nicht aus dem Sanierungsmodus kommt. Mit dem Spezialisten für Herrenmode Sör oder dem traditionsreichen Modehaus Sinn aus dem nordrhein-westfälischen Hagen sind weitere Einzelhändler in die Insolvenz geschlittert. Einige haben sich inzwischen entweder durch Verkauf oder Sanierung in eigener Regie aus der Situation befreien können.

Orsay steckt mittendrin in diesem Prozess, der aus Sicht des Unternehmens mit einem Sanierungserfolg enden soll. Die Modekette gehört der französischen Milliardärsfamilie Mulliez, deren inzwischen rund 700 Familienmitglieder sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen haben. Es hält Beteiligungen an Einzelhandelsketten im Wert von etwa 40 Milliarden Euro. Zu den bekanntesten zählen neben Orsay der Sportartikelhersteller Decathlon und die Auchan-Supermärkte. Orsay selbst ist auf Damenmode spezialisiert, sitzt im badischen Willstätt und betreibt von hier aus seine Märkte mit insgesamt 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, etwa ein Drittel davon arbeitet in Deutschland.

Drei Probleme

Auf Anfrage berichtet Geschäftsführer Sascha Bopp über die Situation: Das Unternehmen, das vor Beginn der Krise solide dastand und etwa ein Fünftel des Umsatzes Online auf seiner eigenen Onlineplattform erwirtschaftete, hat drei Probleme: Erstens sei die Kollektion auf Mode fürs Büro und festliche Anlässe ausgerichtet. Beides sei während der Pandemie wenig gefragt. Zweitens war das Unternehmen bislang ohne wesentliche Bankkredite ausgekommen und verfügt entsprechend über keine gewachsenen Beziehungen zu Banken. Die französischen Eigentümer hatten es finanziert. Sie hatten über Jahrzehnte eine ordentliche Dividende erhalten, zuletzt allerdings aufgrund der Lockdowns Anfang des Jahres 46 Millionen Euro an Verlusten ausgleichen müssen. Dazu kam eine Staatshilfe aus dem deutschen Wirtschaftsstabilisierungsfonds in Höhe von 33 Millionen Euro, von denen Orsay aber nur knapp die Hälfte abgerufen hat. Dann haben die Mulliez allerdings die Notbremse gezogen, weil, wie Bopp es ausdrückt und damit das dritte Problem benennt: Die Lage "unberechenbar" sei. Damit meint er auf der einen Seite Lieferengpässe bei Textilien. Auf der anderen Seite klagt er aber auch über das politische Management der Pandemie und die Auswirkungen auf den Einzelhandel in Deutschland. Die Politik agiere nirgendwo so schlecht und mit so dramatischen Auswirkungen auf den Handel wie hierzulande.

Ungleichbehandlung angeprangert

Tatsächlich trifft, was Bopp da sagt, einen Nerv in der Branche. Timm Homann, Chef der Textil-Kaufhauskette Ernsting's Familiy, hatte in der vergangenen Woche intern einen Brief versandt, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt und letztlich nach außen drang: "Der politische Blindflug muss enden, die Gerichte müssen jetzt aktiv werden und gegen diesen unfassbaren Dilettantismus der Verantwortungsträger*innen antreten. (…) Wir erdulden unfassbare Eingriffe in unsere Grundrechte (Eigentumsrechte, Berufsausübung etc.) und tragen seit zwei Jahren völlig unverhältnismäßige Schäden an unserer Substanz und Perspektive." Das Vorgehen der Politik gegenüber dem Handel sei ein "demokratischer Treppenwitz". "In dieser Facette hat das explizite Züge einer Bananenrepublik angenommen." Was Homann genauso wie Bopp im Detail zum Beispiel kritisieren, ist die Ungleichbehandlung von Einzelhändlern wie Lebensmittelgeschäften und Drogerien auf der einen Seite und Textilverkäufern auf der anderen. Weil die einen geöffnet haben, die anderen aber unter massiven Einschränkungen leiden, sei die Betroffenheit unterschiedlich. Dabei erweitern die, die aufhaben dürfen, Schritt für Schritt ihr Sortiment mit den Dingen, die bisher eigentlich die verkauften, die nun zwangsweise schließen müssen. Es geht um Bekleidung, Parfüm, Geschenkartikel.

Bei Orsay werden jetzt neue Investoren gesucht, die darauf vertrauen, dass das Unternehmen sanierungsfähig ist. Mit Lieferanten werden Einzelgespräche geführt, sie liefern weiter. Kunden – und das ist Bopp im Weihnachtsgeschäft besonders wichtig, werden unverändert bedient. Auch wer online bestellt, wird beliefert und kann seine Ware jederzeit umtauschen oder zurückgeben. "Wir bauen darauf, dass gerade jetzt unsere Kundinnen zu ihrer Marke stehen", sagt Bopp eindringlich. Und die Perspektive für die Mitarbeiter beschreibt er so: "Wir gehen nicht mit der Axt in den Wald." Allerdings werde das Unternehmen nach der Sanierung kleiner sein als vorher. "Nach der Pandemie, wird es sicher dauern, bis wir wieder profitable Umsatzniveaus erreichen". Die lägen etwa bei 80 Prozent der Vor-Coronazahlen. Er rechne mit zwei Jahren, bis dieses Ziel erreicht sei.

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