Dienstag, 28.04.2020
Kaum Umsatz: Viele Unternehmen haben wegen der Corona-Krise kaum noch Liquidität.

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Kaum Umsatz: Viele Unternehmen haben wegen der Corona-Krise kaum noch Liquidität.

Finanzierung
Corona-Krise

„Nicht alle Unternehmen werden die KfW-Kredite zurückzahlen müssen“

Die Kritik an den Corona-Hilfen reißt nicht ab. Mittlerweile soll ein Unternehmen sogar besser mit dem Insolvenzantrag durch die Krise kommen als mit KfW-Geldern, heißt es in einigen Berichten. Was ist dran an den Vorwürfen?

Herr Brünkmans, als Insolvenz- und Sanierungsexperte helfen Sie Unternehmen in den unterschiedlichsten Krisensituationen. Wie bewerten Sie das Corona-Hilfspaket der Bundesregierung?

Ich finde, Politik und Behörden haben einen guten Job gemacht und in einer atemberaubenden Geschwindigkeit wichtige Gesetze erlassen. 

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Christian Brünkmans ist Rechtsanwalt und Partner bei der Wirtschaftskanzlei Flick Gocke Schaumburg.

Foto: Flick Gocke Schaumburg

Christian Brünkmans ist Rechtsanwalt und Partner bei der Wirtschaftskanzlei Flick Gocke Schaumburg.

Aktuell gibt es allerdings viel Kritik an der Regierung, sie habe den Mittelstand nicht ausreichend bedacht. Ist da nichts dran?

Schwer zu sagen, weil es für Prognosen schlichtweg zu früh ist. Wir wissen noch nicht, ob die Politik den Mittelstand vergessen hat oder nicht. Immerhin hängt das Ergebnis auch davon ab, in welchem Ausmaß man die Kredite am Ende wieder einfordert – oder eben verzichtet oder in Beteiligungskapital umwandelt. Und wer kann heute schon sagen, ob künftig tatsächlich jeder Euro zurückverlangt wird? Ich beobachte durchaus, dass das Problem, dass eine spätere Rückführung nicht immer in voller Höhe geschehen kann, bei der Politik angekommen ist.   

 

Das klingt optimistisch. Handelt es sich bei den Kredithilfen um versteckte Zuschüsse?

Ich vermute zumindest, dass man nicht bei allen Unternehmen auf der Rückzahlung in vollem Umfang bestehen wird.

 

Können Sie noch Genaueres zu möglichen Rückführungsszenarien sagen?

Ich könnte mir eine Art Dreiklang vorstellen, nach dem die Entscheidungen für eine geordnete Bereinigung getroffen werden. Sofern ein Unternehmen von Nachholeffekten profitiert, wenn die Wirtschaft wieder anzieht, muss es die Kredite sicherlich zurückzahlen. Bei Unternehmen indes, die sehr geschwächt aus der Krise kommen, weil beispielsweise Märkte weggebrochen sind, dürften Alternativen zur Rückführung in Betracht kommen, wie etwa die Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital. Und als dritte Möglichkeit, für Unternehmen ohne zukunftsfähiges Geschäftsmodell, bliebe eben nur noch die Insolvenz.

 

Massenhafte Insolvenzen als Folge der Corona-Krise – das ist ja ein weiterer Kritikpunkt. Demnach tragen Kredithilfen nicht zum Schutz des Mittelstandes bei, sondern machen die Unternehmen zu „Hüllen mit Schulden“, denen letztlich nur noch die Insolvenz bleibe. Diese These stammt von einem Insolvenzverwalter. Wie schätzen Sie das ein? 

Ja, davon habe ich auch gelesen. Es klingt so, als sei der Insolvenzantrag für Unternehmen der einzige Schutzschirm, um heil aus dieser Krise zu kommen. 

Ist dem so?

Solche Aussagen werden derzeit heiß gekocht und sind mit Vorsicht zu genießen. Auch deshalb, weil sie bisweilen von Insolvenzverwaltern selbst kommen und interessengetrieben wirken. Was ich sagen kann: Ein Insolvenzverfahren ist kein Zuckerschlecken und geht immer mit einem Reputationsverlust einher. Die Abwägung, KfW-Kredit oder Insolvenzantrag, sollte daher sorgfältig anhand der Vor- und Nachteile beider Wege im Einzelfall erfolgen.

Was sollen Unternehmen tun, die bald zahlungsunfähig sind?

Ein Insolvenzverfahren – etwa in Form eines Schutzschirmverfahrens – mag eine bessere Option sein, wenn ein Unternehmen bereits sehr stark verschuldet ist und gar keine Aussicht hat, diese Schulden wieder abzubauen. Für alle anderen Unternehmen gilt: Kredite in Anspruch nehmen und den Schuldenabbau angehen, sobald die akute Phase der Pandemiebekämpfung vorüber ist. 

Kann das funktionieren: sich trotzdem verschulden, ohne zu wissen, wie es weitergeht?

Durchaus, denn niemand verlangt von Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt eine unfehlbare Langfristplanung. Das ist ja auch die Intention der Corona-Hilfen: die Lücke zu füllen mit der Vermutung, dass die Unternehmen wieder auf die Beine kommen. Trotzdem sollten Unternehmen den Schuldenabbau bereits andenken. Bundesminister Peter Altmaier hat bei der Vorstellung der Hilfsprogramme die Option, die Darlehen im Einzelfall in Eigenkapital umzuwandeln, bereits angesprochen. Solche Gedanken sollten Entscheider durchspielen: ob für sie eine echte oder stille Beteiligung in Frage kommt. Jedenfalls ist das Corona-Nothilfepaket nicht zwingend ein Burn-out auf Raten für die hiesige Wirtschaft.  

Aber fängt das Problem nicht bei der Möglichkeit an, sich überhaupt Geld besorgen zu können? Vielen Unternehmen gelingt dies offenbar nicht oder zumindest nicht schnell genug.

Aktuell werden vor allem zwei Dinge diskutiert: Banken seien zu strikt in der Vergabe. Sofern sie denn einen Kredit ausgäben, bräuchten sie dafür zu lange. Klar ist: Die Antragsflut muss rasch bearbeitet werden. Aber auch in einer Krise sollte niemand Steuergelder mit der Gießkanne ausschütten. Genau deshalb sind die Hausbanken ja der Schlüssel zu einer schnellen Finanzierung – und da sollten sie auch wirklich mitziehen. 

Und, ziehen die Banken mit?

Ja, was Bestandskunden angeht, sind die Institute durchaus bereit, in Vorleistungen zu gehen. Ich erlebe immer mehr Fälle, wo die Kreditlinie eröffnet wurde, obwohl der entsprechende Antrag von der KfW noch nicht bewilligt wurde. 

Offenbar werden solche Zusagen von den Banken aber nicht einmal bei ihren Bestandskunden häufig genug gemacht.

Es gibt sicherlich Unternehmen, die es aufgrund ihres Geschäftsmodells schwerer haben als andere. Beispielsweise Autozulieferer werden nicht nur von dem Corona-bedingten Absatzeinbruch, sondern vom Umbruch in der Branche getroffen. Wer Komponenten für Verbrennungsmotoren herstellt, sollte seinem Finanzierer schon gut erklären können, wie die Zukunft des Geschäfts im Zuge der Elektromobilität aussieht. Und hier war die Finanzierungsbereitschaft zuletzt eher zurückhaltend, das hat sich auch 2020 nicht geändert. 

Was bedeutet das für die Zulieferindustrie hierzulande?

Bei der Zukunftsprognose nicht ganz vorne zu stehen sollte etwas in den Unternehmen verändern. Wer seine Produktion in der Corona-Krise umstellt – also von der Komponente für den Verbrenner hin zum Beatmungsgerät –, kann sicherlich auch die Haltung der Bank beeinflussen. Ich merke aktuell in einigen Gesprächen mit Finanzierern: Da bewegt sich was, wenn ein Unternehmen plötzlich in kritischen Segmenten gefragt ist und nicht mehr nur in der Autoindustrie. Das sehen die Banken, und das zeigt die entsprechende Reaktion. Gerade bei der Frage der Sanierungsfinanzierung ist das Geschäftsmodell eben ein wirklich wichtiger Punkt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der Mittelstand jetzt flächendeckend sein Geschäftsmodell anpasst?

Seit 2009 geht es nicht mehr darum, ob das Unternehmen wächst, sondern wie stark. Das größte Problem war der Fachkräftemangel. Natürlich werden in so einem Umfeld nicht unbedingt Sanierer geboren. Aber ich finde, dass gerade mittelständische Unternehmen schnell reagieren und durchaus in der Lage sind, ihr Geschäftsmodell anzupassen. Und damit meine ich nicht nur, Mundschutz statt Blusen herzustellen. Allein die Gastronomie: Plötzlich gibt es überall Lieferkonzepte, das war vorher nur irgendwelchen Plattformen vorbehalten. Im Grundsatz habe ich also großes Vertrauen in das deutsche Unternehmertum.

Was sollten die Firmen jetzt tun, um diese Krise zu durchstehen? 

Wenn man ein Unternehmen runterfährt, muss man planen, wie man es wieder hochfährt. Die Unternehmen dürfen jetzt nicht ihre Netzwerke zerstören, seien es Lieferanten oder Kunden. Gute Kommunikation ist derzeit wirklich wichtig. Außerdem braucht es jetzt eine mittelfristige Finanz- und Restrukturierungsplanung. Wenn ich Hilfen in Anspruch nehme, muss ich ein Entschuldungsszenario erarbeiten und bei Lieferanten oder anderen Kreditgebern schon mal Konzepte abklopfen.