Mittwoch, 14.03.2012
Finanzierung
Steueroptimierung im Mittelstand

Niedrige Steuern sind nicht alles

Steuern sparen ist nicht nur in Griechenland Volkssport. Auch Mittelständler
machen sich gerne kleiner, als sie sind. Nicht immer geht die Rechnung auf.

„Unser Gewinn ist zu hoch.“ Das Bauunternehmen aus Nordrhein-Westfalen fürchtete um seine Verhandlungsposition gegenüber Kunden und Lieferanten. Der Mittelständler wollte seine Ertragsstärke deshalb nicht nach außen zeigen. Die rettende Idee lag in der Bilanzgestaltung der GmbH & Co. KG. Über eine Erhöhung des Geschäftsführergehalts wurde der Personalaufwand künstlich erhöht und die Gewinnmarge in unauffällige Sphären gesenkt.

Dieser Hang zur Gewinnminimierung hat einen wesentlichen Grund: Gewinne wecken Begehrlichkeiten – erst recht heute, wo überall Transparenz gefordert wird und Unternehmensbilanzen im Internet frei verfügbar sind. Zuallererst natürlich bei Vater Staat. Aber auch bei den Gesellschaftern. „Die Anteilseigner können nur Geld aus dem Unternehmen holen, wenn Gewinne ausgewiesen werden“, sagt Rechtsanwalt und Steuerberater Gunnar Knorr von der Kanzlei Oppenhoff & Partner, und sieht darin einen möglichen Interessengegensatz zur Geschäftsführung. Diese möchte Mittel in aller Regel lieber reinvestieren. Neben Lieferanten und Kunden könnten zudem auch Mitarbeiter Ansprüche in Form höherer Gehälter anmelden. So zumindest die Angst vieler Mittelständler. Die Gewinne müssen deshalb weg – zumindest auf dem Papier.

Steuerbilanz drücken

Bei Konzernen ist das anders. Getrieben von den Märkten und den Investoren müssen sie Quartal für Quartal neue Rekordgewinne präsentieren. „Für börsennotierte Gesellschaften spielt Steueroptimierung eine untergeordnete Rolle“, sagt auch Wilfried Ringling, Steuerberater und Professor für Finanz- und Rechnungswesen sowie betriebliche Steuerlehre an der Fachhochschule Worms. Dazu trägt zusätzlich bei, dass Managementgehälter in Konzernen oftmals an Gewinnkennzahlen geknüpft sind. Außerdem erlaubt die Bilanzierung nach IFRS die vollkommene Loslösung der Steuerrechnung von der Gewinnrechnung. Zwar koppelt sich durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) auch nach deutscher Rechnungslegung das Steuerrecht immer mehr von der Handelsbilanz ab, doch eine gewisse Maßgeblichkeit besteht nach wie vor. Mittelständler verfolgen zudem überwiegend immer noch eine Einheitsrechnung und nehmen einen geringeren Gewinnausweis in Kauf, um die Steuerbilanz zu drücken.

Strategie mit Tücken

Verschiedene Stellschrauben dienen den Unternehmen dabei als Ansatzpunkte. Das reicht von Klassikern wie Abschreibungen, Rückstellungen und einer veränderten Vorratsbewertung über strukturelle Entscheidungen wie die Rechtsformwahl und Bereichsausgliederungen bis zu komplizierten Finanzmarkttransaktionen. Alles im Dienste der Steuerminimierung. Dabei hat auch diese Strategie ihre Tücken. Nicht selten stellt sich das Säckel mit den gesparten Steuer-Euros hinterher als löchrig heraus. „Es werden manchmal Strukturen gewählt, die teurer sind als das, was eine höhere Steuerlast ausgemacht hätte“, bestätigt Knorr.

Nur auf die Steuern zu schauen ist deshalb zu kurz gesprungen. „Es besteht ein Zielkonflikt zwischen bonitätsorientierter und steueroptimierter Rechnungslegung“, erklärt Ringling das Dilemma. Wird aggressiv an der Steuerschraube gedreht, verschlechtern sich betriebliche Kennzahlen. Gerade für Banken sind diese jedoch relevant. Negative Effekte auf Bonität und Rating erschweren die Kreditvergabe und verteuern tendenziell die Finanzierungskosten. Sandra Bindler, Bereichsvorstand für kleine und mittlere Unternehmen bei der HypoVereinsbank, rät Mittelständlern deshalb vom einseitigen Blick auf die steuerliche Optimierung ab: „Übertriebene Steueroptimierung führt zu Verschiebungen wichtiger Bilanzpositionen. Das beeinflusst auch die Cashflows.“ Bindler empfiehlt Unternehmen die Wirkung steuerlicher Gestaltungen zu simulieren: „Wirkönnen genau berechnen, wie stark sich die Veränderung bestimmter Kennzahlen auf ein internes Unternehmensrating auswirkt.“ Eventuell damit verbundene höhere Finanzierungskosten können dann im Entscheidungsprozess den potentiellen Steuerersparnissen entgegengestellt werden.

Schmerzhafte Angelegenheit

Doch nicht nur bei den Banken stößt die steuerliche Gestaltung auf Widerstand. Schlechtere Kennzahlen kommen auch bei den Kreditversicherern nicht gut an. Mit weiteren negativen Folgen: „Wer bei den Kreditversicherern schlecht gelistet ist, wird von seinen Lieferanten abgestraft“, weiß Ulrich Viefers, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei der Gesellschaft WWS in Mönchengladbach. Zum Beispiel durch die Bedingung, Vorkasse zu leisten.

Das größte Risiko heißt für Viefers allerdings Zins. Mit üppigen 6 Prozent lässt sich das Finanzamt Steuernachzahlungen verzinsen. Und eine aggressive Steuerpolitik steigert selbstredend das Risiko. „Zieht sich die Prüfung und Änderung von Steuerbescheiden in die Länge, kann sich die festgestellte Steuerlast schnell um ein Drittel erhöhen“, führt Viefers die Dimensionen vor Augen. „Das ist eine hochschmerzhafte Angelegenheit.“

Der Steuerexperte rät Mittelständlern deshalb zu einer Politik der Bilanzverstetigung.
Weiterer Vorteil: Die Gefahr in einem wirtschaftlich schlechteren Jahr in die Verlustzone zu rutschen wird begrenzt. Bei einer aggressiven Steuerpolitik fehlt solch ein Puffer. „Wenn die Luft dünn wird, geht es auf einmal ans Großrechnen“, bestätigt Anwalt Knorr. Dann werden Rückstellungen aktiviert und stille Reserven aufgelöst. Doch auch die ausgeklügeltste Steuerstrategie ist nur bedingt flexibel. „Wenn Sie sich einmal für eine Methodik entschieden haben, sind Umstellungen den Behörden schwer vermittelbar – es herrscht das Gebot der Stetigkeit“, bestätigt Matthias Rogall, Partner bei der Sozietät Flick Gocke Schaumburg. Zwei bis drei Jahre müssen für die vollständige Implementierung einer komplett neuen Bilanzpolitik veranschlagt werden.

Viele Unternehmen haben mit der Umstellung schon längst begonnen. Die Tendenz steuergetrieben zu bilanzieren nimmt ab. Ringling registriert die Entwicklung erfreut. Für den Wissenschaftler sind die Möglichkeiten der Steueroptimierung sowieso begrenzt. „Es geht lediglich um Steuerstundung, nicht um eine tatsächliche Steuerersparnis.“ Wirksame langfristige Steuereffekte seien weniger über die Bilanz als vielmehr über eine geeignete Strukturierung von Unternehmensrechtsform und Finanzierung zu erzielen. Wichtig dabei: die Persönliche und betriebliche Planung in Einklang zu bringen. Eine höhere Ertragssteuerquote muss deshalb kein Beinbruch sein. „Mittelständler müssen vielmehr auch Themen wie Nachfolge und Schenkungssteuer im Blick haben“, erklärt Rogall.

Der Mittelstand kann also damit aufhören, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Gewinne wecken nämlich nicht nur Begehrlichkeiten, sondern signalisieren auch Stärke und Verlässlichkeit. Eigenschaften, die alle Stakeholder zu schätzen wissen – gerade in unsicheren Zeiten.

Info

5 Risiken der Steueroptimierung

 

 

1. Bonität
Steuerminimierung führt zu Verschiebungen wichtiger Bilanzpositionen. Dies wirkt sich negativ auf betriebliche Kennzahlen aus, die in die Berechnung von Bonität und Rating einfließen. Erschwerter Kreditzugang, steigende Finanzierungskosten und Liquiditätsabflüsse sind die Folgen.


2. Nachzahlungen
Rein steuerlich ausgerichtete Maßnahmen tragen ein hohes Steuerrisiko und erhöhen das Konfliktpotential mit den Finanzbehörden. Es kann zu Nachforderungen kommen, die mit 6 Prozent verzinst werden müssen. Dadurch kann sich die festgestellte Steuerlast um bis zu ein Drittel erhöhen.


3. Verlustgefahr
Eine aggressive Steuerpolitik lässt wenig Puffer für schlechte Zeiten. Es steigt die Gefahr, bei nachlassender Konjunktur in die Verlustzone zu rutschen. Die kurzfristige Anpassung der Bilanzpolitik ist nicht in allen Bereichen möglich.


4. Fehlanreize
Durch eine unausgewogene Fokussierung auf steuerliche Aspekte können Fehlanreize entstehen. Es werden Investitions- oder Finanzierungsentscheidungen getroffen, die gesamtbetriebswirtschaftlich nicht optimal sind.


5. Ressourcenbindung
Eine aggressive Steuerstrategie bindet interne und externe Ressourcen, weil Eingriffe häufiger getroffen und überprüft werden müssen. Damit verbunden sind entsprechend höhere Beratungs- und Arbeitskosten.

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