Donnerstag, 14.11.2013
Finanzierung
Offene Rechnungen und schlechte Zahlungsmoral

Offene Forderungen gefährden Mittelstand

Ein unzureichendes Mahnwesen gehört immer noch zu den wichtigsten Gründen für Firmenpleiten. Trotzdem macht gerade der Mittelstand offene Forderungen oft nicht ausreichend geltend.

Im vergangenen Jahr hat der deutsche Mittelstand insgesamt 2,5 Prozent seiner offenen Forderungen gegenüber anderen Unternehmen abgeschrieben – dies entspricht einem Betrag von 23 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Debitos-Index der Forderungsbörse Debitos. Insgesamt erbrachten kleine und mittlere Unternehmen im Jahr 2012 Leistungen mit einem Gegenwert von insgesamt 910 Milliarden Euro. 2,7 Prozent davon mussten als Totalausfall abgeschrieben werden, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Von den verbleibenden 885 Milliarden Euro wurden insgesamt 271 Milliarden nicht rechtzeitig bezahlt. Von diesen offenen Forderungen wurden 33 Milliarden Euro von den Gläubigern ins vorgerichtliche Inkasso bei externen Dienstleistern übergeben, knapp 71 Milliarden Euro wurden mit zum Teil erheblicher Verspätung beglichen. Nach Abzug von weiteren 22 Milliarden, die ins gerichtliche Verfahren bei Inkassodienstleistern wanderten, verblieb ein Forderungsvolumen von 144 Milliarden Euro. Für 16 Prozent davon erwirkten die kleinen und mittleren Unternehmen zwar einen Vollstreckungstitel, aber ohne dass eine weitere Bearbeitung stattfand. Debitos-Geschäftsführer Hajo Engelke sieht im so entstandenen Fehlbetrag von 23 Milliarden Euro ein „erhebliches Liquiditätspotential für den deutschen Mittelstand.“ Gerade durch einen Forderungsverkauf könne ein signifikanter Teil dieses Potential realisiert werden.

Gründe für Insolvenzen von Handelsunternehmen, Mehrfachnennungen möglich.

Insolvenz durch mangelhaftes Mahnwesen

Das mangelhafte Forderungsmanagement kann für Unternehmen schnell zu einem schwerwiegenden Problem werden. Wie der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) in einer aktuellen Auswertung ermittelte, bildet ein unzureichendes Mahnwesen noch vor einem zu geringen Eigenkapital den wichtigsten Grund für Insolvenzen von Handelsunternehmen. Auf den Plätzen vier bis sechs folgen Forderungsausfälle gewerblicher Auftraggeber, verspätete Zahlungen von Kunden und Forderungsausfälle privater Auftraggeber. Ein aktiveres Forderungsmanagement könnte demnach in vielen Fällen dazu beitragen eine Insolvenz zu verhindern, doch gerade hier sind viele Unternehmen noch zu nachlässig, wie Dr. Dirk Bröckelmann aus dem Coface Economic Research Department, bestätigt: „Während Unternehmen sich gegen andere Risiken bereitwillig extern absichern – Betriebsunterbrechung, Produkthaftung, Transportschäden, Managementfehler usw. – ist das pro-aktive Risikomanagement in Bezug auf Forderungsverluste erstaunlicherweise längst noch nicht so entwickelt wie es sein sollte, ja müsste. Und dies gerade bei kleineren und mittelgroßen Unternehmen.“

Zahlungsmoral wird schlechter

Ein verbessertes Forderungsmanagement könnte gerade im kommenden Jahr noch wichtiger werden, denn aufgrund der anhaltenden Krise und damit einhergehender Liquiditätsengpässe steigt in bestimmten Problembranchen die Zahl der Unternehmen, die ihre Rechnungen verspätet bezahlen immer weiter. Wie der BDIU im Rahmen seiner Herbstumfrage bekannt gab, sind das Handwerk, der Online-Handel und der Versandhandel Branchen mit dem schlechtesten Zahlungsverhalten. Deutlich besser sieht es hingegen bei Banken und Versicherungen, dem Gastgewerbe und dem Großhandel aus.

Während die Zahlungsmoral bei den Unternehmen trotz einzelner Problembranchen weitgehend stabil bleiben soll, beobachtet der BDIU bei den Verbrauchern ein zunehmend schlechteres Zahlungsverhalten. Ein Drittel der befragten Inkassounternehmen gab an, dass sie die Lage seit Frühjahr 2013 verschlechtert habe. Die schlechteste Zahlungsmoral weisen nach Angaben des BDIU Bund, Länder und Gemeinden auf. Für das kommende Jahr erwartet der BDIU, dass sich die Zahlungsmoral insgesamt weiter verschlechtert.

Um zu verhindern, dass diese Entwicklung zu einem existenzbedrohenden Problem wird, sollten gerade kleine und mittlere Unternehmen ihr Forderungsmanagement entsprechend anpassen und so verhindern, dass offene Forderungen ein den Geschäftsbetrieb bedrohen. „Ein professionelles Forderungsmanagement ist das A und O. Die tolle Geschäftsidee, das gute Produkt, der viel versprechende Absatzmarkt: All das bringt nichts, wenn der Zahlungseingang nicht gesichert ist, wenn dem Unternehmen aus Liquiditätsmangel die Luft ausgeht. Zum unternehmerischen Risikomanagement gehört deshalb der professionelle Umgang mit Forderungen“, so Coface-Experte Bröckelmann.