Freitag, 01.06.2012
Finanzierung
Mittelstandsanleihen

Rating: Effekt und Wirkung

Bis zu vier Stufen schlechter als im Emittentenrating bewertet die Ratinagentur Scope Mittelstandsanleihen. Zu Unrecht sagen die Unternehmen und die Konkurrenz befürchtet Effekthascherei.

„Die Kapitalmarktfähigkeit im Mittelstand ist noch nicht voll entwickelt“, verkündete Thomas Morgenstern, Chefanalyst und Geschäftsführer der Ratingagentur Scope am Dienstag. Grundlage für die Aussage war eine Bewertung von 17 Mittelstandsanleihen, die das Unternehmen auf Basis öffentlicher Finanzkennzahlen unbeauftragt durchgeführt hat. Im Schnitt fielen die Ratingnoten deutlich schlechter aus als die vorliegenden Emittentenratings. Grund genug, genauer hinzuschauen. Wie kann es zu Bewertungsunterschieden von bis zu 4 Stufen zwischen den Ratings von Scope und denen von Creditreform, Euler Hermes oder Standard & Poors kommen?

Gesamtbild vs. Rechenmaschine

Eine mögliche Erklärung bietet die Methodik: Die Ratings von Scope sind reine Financial Strength Ratings, die auf Basis der im Geschäftsbericht veröffentlichten Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage der Unternehmen erstellt werden. In einem dynamischen Scoring-Modell fließen weiter zurückliegende Jahre mit einer geringeren Gewichtung ins Rating ein. Bei einem Voll-Rating fließen hingegen auch qualitative Faktoren wie Planrechnungen, Geschäftsabschlüsse, Management oder Strategie ein. „Wir machen uns ein Gesamtbild des Unternehmens. Finanzdaten müssen nicht immer eine große Wirkung“, kritisiert die Scope-Konkurrenz folgerichtig. Unterstützung kommt von den betroffenen Unternehmen: „Für unser Emittentenrating wurden intensive Diskussionen geführt, Workshops abgehalten und jede Zahl dreimal umgedreht“, bestätigt Christina Guth, Kommunikationsleiterin bei der Reiff-Gruppe, die von Scope statt mit dem ausgewiesenen BBB nur noch mit BB- bewertet wurde.

Gute Zahlen, schlechte Bewertung

Auch die Kritik der mangelnden Kapitalmarktfähigkeit weist Guth zurück: „Wir versuchen maximale Transparenz zu liefern und übererfüllen die an uns gestellten Anforderungen sogar.“ Seit März ist der Geschäftsbericht des Unternehmens verfügbar. In den Zahlen finden sich wenige Anhaltspunkte, die das schlechte Rating stützen könnten. Der Umsatz stieg 2011 um fast 50 Prozent, auch bei der Rentabilität legte das Handelsunternehmen zu. Lediglich die Eigenkapitalquote ging leicht zurück. Schuld daran ist zum einen die Anleiheemission selbst, sowie zunehmende Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen durch den gesteigerten Umsatz. „Im Zuge der anziehenden Konjunktur haben sich die Bilanzen der Unternehmen verlängert, weil Anlagevermögen und Vorräte zunehmen“, sieht auch Scope-Chef Morgenstern die verbesserte Ertragslage als Erklärung für sinkende Eigenkapitalquoten. Als Erklärung für das schlechte Rating der Mittelstandsanleihen reicht das aber nicht aus.

Kurse unbeeindruckt

„So kann man als Neuling am besten Aufmerksamkeit erregen“, bringt die Konkurrenz ein anderes Motiv ins Spiel. Zudem habe Scope keine Erfahrung mit Jahresabschlussanalysen und sei weit weg von mittelständischen Unternehmen. „Wichtig für ein Rating ist die Einordnung innerhalb einer Vergleichsgruppe“, ergänzt Thomas Dierkes, Vorstand der Börse Düsseldorf. "Langjährige Anbieter verfügen dort vermutlich über ganz andere Datenmengen als eine vergleichsweise junge Ratingagentur." Deshalb misst Dierkes dem Scope-Rating auch eine geringere Bedeutung bei, obwohl zwei der im Düsseldorfer Mittelstandsmarkt  notierten Unternehmen danach unter das geforderte Mindestrating von BB fallen. „Die Kurse zeigen sich völlig unbeeindruckt“, weist Dierkes eine Rückwirkung auf das Vertrauensverhältnis zu den Anlegern zurück. Auch bei Reiff haben sich noch keine verstörten Anleger gemeldet. „Solange die Investoren nicht aktiv auf uns zukommen, werden wir dem Rating keine Aufmerksamkeit widmen“, behält Reiff die Ruhe.

Nachwirkungen auf die Marktentwicklung befürchtet Dierkes nicht: „Das Interesse der Unternehmen ist nach wie vor hoch. Wir haben jetzt teilweise schon Anfragen für nächstes Jahr und auch nach der Sommerpause stehen einige Kandidaten in den Startlöchern.“ Schlechtere Konditionen müsse derzeit niemand befürchten.

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