Dienstag, 21.08.2012
Finanzierung
Rückstellungen

Rückstellungen in der Bilanzpolitik

Rückstellungen bieten Unternehmen bilanziellen Spielraum. Doch nur wer diese geschickt einsetzt und Stolpersteine erkennt, kommt in den Genuss wirtschaftlicher und steuerlicher Vorteile. Tipps und Tricks zur Bilanzierung von Rückstellungen.

Mit dem Jahresabschluss beginnt das große Rechnen. Häufige Stolpersteine: Rückstellungen. „Viele Unternehmen kennen gar nicht alle Rückstellungsarten und vergessen dann für bestimmte Vorgänge Rückstellungen zu bilden“, sagt Georg Schmalhofer, Steuerexperte der Beratungsgesellschaft Ecovis.

Ganz oben auf der Liste stehen Rückstellungen für Garantieleistungen und die Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen. „Doch gerade bei den Aufbewahrungsrückstellungen kommen auf zehn Jahre schnell ein paar zehntausend Euro für Lagerkosten zusammen“, warnt Steuerberater Michael Mittmann von der Kanzlei DHPG. Eine ausführliche Prüfung möglicher Rückstellungen sollte daher eingehend betrieben werden. Mittmann rät: „Man sollte immer auch einen Blick auf die aktuelle Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) haben.“ Denn selbst wenn BFH-Urteile noch keinen Eingang in das Steuergesetz gefunden haben, können sie in der Praxis sehr wohl angewendet werden. Manchem Unternehmer hat ein Entscheid schon Steuervorteile beschert. 2011 urteilte zum Beispiel der BFH entgegen der Handhabung der Finanzverwaltung, dass Rückstellungen für die Nachbetreuung von Versicherungsverträgen möglich sind.

Spielräume bei Rückstellungen nutzen

„Grundsätzlich werden die Rückstellungen durch die Vorgaben von Handels- und Steuergesetz in ein enges Korsett geschnürt“, erklärt Schmalhofer. Dennoch gibt es gerade im Bereich der Bewertung der Rückstellungshöhe einen gewissen Ermessensspielraum. Dieser erlaubt Rückstellungen auch als bilanzpolitisches Instrument einzusetzen, um etwa Steuern zu sparen oder die Innenfinanzierung zu stärken. Muss ein Unternehmen beispielsweise Lohnrückstellungen bilden, sind gemäß dem Handelsgesetzbuch (HGB) künftige Steigerungen der Lohnkosten in die Berechnung einzubeziehen. Großzügig von einer jährlichen Erhöhung um 6 Prozent auszugehen ist möglich, solange dies belegbar ist. Sollten die tatsächlichen Löhne sich aufgrund einer wirtschaftlich angespannten Lage lediglich um 2,5 Prozent erhöhen, entstehen stille Reserven.

Auch bei Rückstellungen von Pensionen sind den Unternehmen Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. So können die Unterschiedsbeträge, die aus der Berechnungsumstellung aufgrund des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) resultieren, handelsrechtlich jährlich mit jeweils 1/15 zugeführt werden.

Es sind jedoch auch höhere Zuführungen bis hin zur Gesamthöhe des Unterschiedsbetrages möglich. Die Höhe der Zuführung kann darüber hinaus jährlich variiert werden, wodurch sich Möglichkeiten zur Ergebnisgestaltung der betreffenden Jahre ergeben. Auch bleibt dem Unternehmer das Berechnungsverfahren überlassen. Doch warnt Oliver Bielenberg, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner davor, Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden vornehmlich nach bilanzpolitischen Gesichtspunkten zu wählen: „Aufgrund der geltenden Bilanzierungsstetigkeit können Bewertungsverfahren nicht nach Belieben von Jahr zu Jahr gewechselt werden.“ In der Folge sind die Unternehmen an die einmal gewählte Berechnungsmethode gebunden und können diese bei geänderter wirtschaftlicher Situation nicht ohne triftige Begründung anpassen.

Spielraum bleibt außerdem bei der Bemessung von ungewissen Verbindlichkeiten aus Garantieverpflichtungen. Denn bei der Festlegung von deren Höhe sind auch Schadensfälle einzubeziehen, die im vergangenen Geschäftsjahr zwar eingetreten sind, aber dem Unternehmen bisher noch nicht gemeldet wurden. Da ein wesentlicher Teil der Garantierückstellung nur geschätzt werden kann, bleibt dem eigenen Ermessen viel Raum.

Wirtschaftliche Folgen von Rückstellungen

Rückstellungen wirken wie ein zinsloser Kredit. Ein Aufwand wird vorgezogen, ohne dass bereits finanzielle Mittel fließen. Die Verschiebung der Zahlung stärkt zum einen die Liquidität, zum anderen verringert der bereits berechnete Aufwand den zu versteuernden Gewinn. Mit dem eingesparten Steuerbetrag kann das Kapital arbeiten. Daher sind Rückstellungen für die Innenfinanzierung umso interessanter, je langfristiger sie angelegt sind.

Vielleicht verleitet dies den einen oder anderen Unternehmer dazu, Rückstellungen auszureizen. Hier heißt es aufgepasst: Rückstellungen bleiben immer ein Kredit. „Früher oder später müssen sie ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden“, warnt Steuerberater Mittmann. Zu hohe Rückstellungen greifen das Eigenkapital an und somit möglicherweise die Bonität. Rückstellungen bewusst zu gestalten kann die Bilanz in einigen Fällen für bestimmte Ziele optimieren. Doch erfordert dies immer einen Blick aufs Ganze.