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Finanzierung > Geplanter IPO

Schott Pharma soll an die Börse

Glasspezialist Schott plant einen IPO der Sparte für pharmazeutische Verpackungen, zögert aber wegen des Marktumfelds. Dabei laufen die Aktien der Konkurrenz exzellent.

Andreas Reisse, CEO von Schott Pharma
Gute Aussichten: Andreas Reisse steuert als Chef von Schott Pharma auf einen Börsengang zu. Bildquelle: picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst

Biontech oder Moderna steht drauf – und ist auch drin. Schott Pharma steht nirgends, ist aber sozusagen drum herum. Der Spezialist für Injektionsverpackungen ist der Inbegriff dessen, was gemeinhin gern als Hidden Champion bezeichnet wird. Die beiden Corona-Impfstoff-Hersteller kennt inzwischen wohl jeder, aber das mittelständische Unternehmen aus Mainz dürfte außerhalb von Expertenrunden nur wenigen etwas sagen. Dabei hätten die Vakzine ohne die speziellen Fläschchen, Ampullen oder Spritzen, die die Hessen aus Glas und zum Teil aus Spezialkunststoff herstellen, gar nicht erst verabreicht werden können.

Schott Pharma dominiert gemeinsam mit Gerresheimer aus Düsseldorf und Stevanato aus Italien den Weltmarkt für pharmazeutische Verpackungen. In etwa 90 Prozent aller Glasumhüllungen aus dem Sektor, darunter die sogenannten Vials, in denen Impfstoffe transportiert und aufbewahrt werden, stammen von diesen drei Unternehmen. 13 Milliarden Gefäße kommen pro Jahr von Schott Pharma. Unter den Abnehmern finden sich nach eigenen Firmenangaben die 30 größten Pharmakonzerne der Welt. „Rechnerisch erhalten jede Minute über 25.000 Menschen weltweit eine Injektion mit einem Medikament, das in eines der Produkte von Schott Pharma abgefüllt wurde“, wirbt das Unternehmen.

Schott Pharma ist im August vergangenen Jahres einen großen Schritt Richtung Börse gegangen und jetzt eigenständiges Tochterunternehmen der Schott AG. Der Stiftungskonzern stellt Spezialglas und Glaskeramik für Abnehmer aus verschiedenen Branchen her, darunter die Hausgeräte-, Automobil-, Chip- und Luftfahrtindus­trie. 2022 setzte der Konzern 2,8 Milliarden Euro um – zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Vorsteuergewinn betrug 422 Millionen Euro. Großen Anteil an den besonders vor dem Hintergrund der Energiekrise starken Zahlen – die Glasindustrie gehört in Deutschland zu den energieintensivsten Branchen mit sehr hohem Gasverbrauch – hat Schott Pharma.

Nach der Ausgliederung in die rechtliche Selbstständigkeit ist die erste Zahlenvorlage ein Ausrufezeichen. Die Umsätze stiegen im Geschäftsjahr 2022 um 27 Prozent auf 821 Millionen Euro. Rund 30 Prozent des Konzernumsatzes kommen also von Schott Pharma – Tendenz steigend. Das operative Ergebnis kletterte derweil um 33 Prozent auf 219 Millionen Euro. Die Marge liegt bei stolzen 26,7 Prozent.

„Wir wachsen schneller als der Markt und erwarten, dass das so bleiben wird“, sagt CEO Andreas Reisse optimistisch. Dabei wächst der Markt auch insgesamt zügig, nach Reisse „um sieben bis acht Prozent pro Jahr“. Immer mehr Medikamente werden inzwischen per Injektion verabreicht, in den USA ist das bereits bei mehr als der Hälfte aller neu zugelassenen Arzneien der Fall. Schott Pharma scheint für den Moment sehr gut in diesem vielversprechenden Markt positioniert zu sein. „Wir haben unser Geschäft deutlich ausgebaut und gleichzeitig die Profitabilität gesteigert. Dank unserer strategischen Investitionen konnten wir von den schnell wachsenden Pharmatrends stark profitieren. Trotz eines herausfordernden Umfelds mit steigenden Energie- und Rohstoffkosten und hoher Marktvolatilität haben wir ein hervorragendes Ergebnis erreicht“, sagte Finanzchefin Almuth Steinkühler bei der Zahlenvorlage.

Timing ist alles


Die Tochter wächst also kräftig in einem vielversprechenden Umfeld, glänzt mit einer starken operativen Marge – und soll wohl auch deshalb zügig an die Börse. Allein, das Marktumfeld wollte sich 2022 erst spät im Jahr aufhellen, womit der Schritt aufs Parkett erst einmal ausblieb. In diesem Jahr könnte es nun so weit sein. Das erste Börsenquartal verlief prächtig, der Deutsche Aktienindex (Dax) klettert munter in Richtung Rekordhoch. Die Verluste aus dem vergangenen Jahr sind beinah gänzlich aufgeholt.

„Der Vorstand der Schott AG wird das zeitnah mit uns und den Beratern diskutieren und im Frühjahr entscheiden“, sagte Schott-Pharma-Chef Reisse jüngst. „Das Hauptthema bei einem Börsengang ist das Timing.“ Den perfekten Zeitpunkt dürfte es dabei nicht geben, doch die angespannte Lage rund um Russlands Krieg gegen die Ukraine, die Inflation und die steigenden Zinsen macht es seit Beginn des vergangenen Jahres besonders schwierig. Daran ändert auch der freundliche Jahresstart an den Märkten nur wenig.

Im ersten Quartal 2023 hat sich das weltweite Emissionsvolumen mehr als halbiert, wie die Berater von EY ermittelt haben – der niedrigste Stand seit drei Jahren. Die Zahl der Börsengänge ist um acht Prozent auf 299 gesunken. In Deutschland gab es in den ersten drei Monaten des Jahres zwei IPOs, der des deutschen Webhosters Ionos und der Investmentgesellschaft Neon Equity.

Es herrscht also hierzulande und weltweit weiterhin große Zurückhaltung, was Börsengänge angeht. EY-IPO-Experte Martin Steinbach rechnet jedoch damit, dass sich die Stimmung aufhellt: „Die chinesische Wirtschaft fasst nach der Pandemie wieder Tritt, und die US-Konjunktur entwickelt sich recht stark, wovon auch europäische Unternehmen profitieren werden. Damit könnten sich die Rahmenbedingungen für IPO-Kandidaten in den kommenden Monaten verbessern, vor allem in der zweiten Jahreshälfte.“

Für Schott Pharma würde der Börsengang neue Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. Zwar steht das Unternehmen kerngesund da und wächst stark aus eigener Kraft. Doch legt der ganze Sektor kräftig zu, weshalb der Kapitalbedarf aller Firmen weiter zunehmen dürfte. „Der bessere Zugang zum Kapitalmarkt durch den Börsengang wird vor allem interessant, wenn wir einmal eine Akquisition ins Auge fassen“, erklärt Schott-Pharma-Chef Reisse. Zwar sei derzeit nichts konkret geplant, doch „wenn es einmal eine gute Möglichkeit gibt, sind wir bereit“. Zudem ist es teuer, die Produktion zu erweitern.

Wie gut das Umfeld gerade ist, zeigt ein Blick auf die Konkurrenz: Gerresheimer und Stevanato sind bereits an der Börse. Und die Kursverläufe beider Aktien zeigen, wie angesagt die Branche aktuell bei Investoren ist. Die Papiere von Gerresheimer stehen auf Zwölfmonatssicht mit 35 Prozent im Plus, die von Stevanato mit 40 Prozent. Beide Aktien notieren nahe ihren Höchstständen von 103,70 Euro und 29,18 Dollar.

Das Geschäft mit Verpackungen für Injektionslösungen boomt – und auch bei Schott weiß man: Eigenständig an der Börse kann die Tochter mehr Wert freisetzen. Die Mehrheit der Anteile soll aber bei der Mutter bleiben. Um die 70 Prozent sind im Gespräch, rund 30 Prozent werden danach an die Investoren gehen.

Angesichts der Kursperformance der Konkurrenten scheint das Börsenumfeld zumindest für die Branche gerade alles andere als schlecht. Vielleicht geht es mit der Tochter Schott Pharma bald ganz schnell. „Da ist dieses Jahr absolut noch was vorstellbar“, hatte Schott-Finanzchef Jens Schulte bereits Anfang Januar gesagt.

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