Donnerstag, 16.03.2017
Interimsmanager unterstützen Unternehmen bei der Bewältigung von Krisen und helfen, Vakanzen für eine bestimmte Zeit effizient zu überbrücken.

Fotoquelle: Dorling Kindersley/Thinkstock/Getty Images

Interimsmanager unterstützen Unternehmen bei der Bewältigung von Krisen und helfen, Vakanzen für eine bestimmte Zeit effizient zu überbrücken.

Finanzierung
Management auf Zeit

Sind Interimsmanager ihr Geld wert?

Sie übernehmen nahezu alle Funktionsbereiche in Unternehmen, sie sind Digitalisierungsexperten und Restrukturierer: Wo Interimsmanager zu finden sind, was sie konkret machen und wie viel sie pro Tag verdienen.

Ob bei der Bewältigung einer Finanzierungskrise, beim Umstellen des Rechnungswesens von HGB auf US-GAAP oder bei der Implementierung eines neuen IT-Systems – Interimsmanager können mittelständischen Unternehmen in vielen Fällen helfen. Judith Geiß ist eine von ihnen. Derzeit restrukturiert die Expertin für Rechnungswesen das Shared-Service-Center eines Unternehmens. „Im Mai 2010 entschied ich, mich selbständig zu machen“, sagt Geiß, die heute Inhaberin des Unternehmens „The Bridge. Consulting & Training“ ist: „So habe ich alles in der eigenen Hand.“ Geiß ist eine von rund 15.000 Interimsmanagern in Deutschland. Sie werden für eine gewisse Zeit ins Unternehmen geholt, wenn Probleme gelöst werden müssen, für die die Kompetenz im Haus nicht ausreicht.

Feuerwehrmann oder Sanierer in Unternehmenskrisen

Interimsmanager sind in Unternehmen unterschiedlicher Größe zu finden. „Generell beobachten wir bei kleinen, mittleren und großen Mittelständlern eine steigende Akzeptanz von Interimsmanagement“, berichtet Sladjan Petkovic vom Personalberater Robert Half. Mittlere und große Unternehmen hätten oft schon mehr Erfahrungen mit Interimsmanagern, so dass hier die Akzeptanz am höchsten sei.
Die meisten Interimsmanager haben sich auf bestimmte Tätigkeitsschwerpunkte spezialisiert. Schlagzeilenträchtig treten manche von ihnen als Feuerwehrmann oder Sanierer in Unternehmenskrisen auf. Es muss aber nicht unbedingt brennen: Neben dem Restrukturierer gibt es den Typus des Prozessoptimierers, der beispielsweise bei Fusionen und Übernahmen hilft – etwa bei der Post-Merger-Integration eines zugekauften Unternehmens. Projektmanager wie Judith Geiß unterstützen hingegen beispielsweise bei der Einführung eines neuen ERP-Systems.

Auch um Vakanzen temporär zu überbrücken, werden Interimsmanager engagiert. Das macht inzwischen allerdings nur noch rund 10 Prozent der Mandate aus, heißt es aus dem Markt. Aber: „Im kleinen, mittleren und großen Mittelstand sind Interimsmanager insbesondere dort auf Geschäftsführerebene gefragt, wo es keine Nachfolgeregelung gibt“, sagt Petkovic von Robert Half. Der Interimsmanager überbrücke die Vakanz in der Regel für ein bis zwei Jahre, bis das Familienunternehmen einen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Ungefähr ein Viertel der Mandate entfällt nach Angaben der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM) auf den Geschäftsführerlevel. „Der weitaus größte Teil der Einsätze von Interimsmanagern, nämlich rund 60 Prozent, findet auf den beiden oberen Ebenen statt“, sagt Marei Strack, Vorstandsvorsitzende der DDIM.

Interimsmanager haben Weisungsbefugnis

Im Gegensatz zu klassischen Consultants aus Strategieschmieden wie McKinsey oder der Boston Consulting Group gelten Interimsmanager als umsetzungsstark. Außerdem besitzen sie zumeist Weisungsbefugnis. Denn es gilt nicht nur, einige Powerpoint-Folien zu erarbeiten, sondern die Erkenntnisse einer Analyse im Unternehmen zu implementieren. Für diesen Job ist nicht jeder geeignet: „Interimisten sind eine eigene Spezies“, sagt Johannes Becker, Director beim Personalberater Hays. „Man muss viel Selbstvertrauen und ein tiefes Fach- und Methodenwissen mitbringen, um in dem Job erfolgreich zu sein.“ Überzeugte Interimsmanager suchen bewusst nicht die Beständigkeit eines festen Angestelltentums. Sie seien wie „Söldner“, sagt Robert Simon, der seit vielen Jahren als Sanierer tätig ist und von Krisenfall zu Krisenfall wandert. „Ich will mich gar nicht binden, ich bin eine Episode in einem Unternehmen – und das ist auch gut so.“

Dennoch wird aus manchem Übergangsmandat ein längerfristiges Engagement. In rund 10 Prozent der Fälle wechseln Interimsmanager in eine Festanstellung, hat der Interimsmanagement-Anbieter Atreus herausgefunden. „Das trifft nach meiner Erfahrung aber eher auf die jüngeren Kandidaten zu, die die Sicherheit eines geregelten Einkommens suchen“, sagt Wolfgang Thost, Managing Partner bei Atreus. Ältere Manager hätten bereits einen guten Teil ihres Arbeitslebens in Beratungen oder Konzernen verbracht und suchten nun die Abwechslung, indem sie das gesammelte Know-how unter eigener Flagge vermittelten.

Für Refinanzierungs- und Investorenprozesse

Interimsmanagement gibt es inzwischen in vielen Bereichen: von der Technik und der Produktion über die IT bis hin zum Finanzbereich, auf den laut DDIM rund ein Viertel der Mandate entfällt. Derzeit sind Digitalisierungsexperten gesucht. „IT-Manager, die eine digitale Transformation begleiten können, sind im Moment besonders gefragt und damit knapp“, sagt Thost von Atreus, und Sladjan Petkovic von Robert Half ergänzt: „Viele mittelständische Unternehmen stellen gerade ihre ERP-Systeme um und wollen ihre Datenbanken und Managementtools erneuern. Hierbei setzen sie auf externe Hilfe von Interimsmanagern.“ Dem Personalberater zufolge sind in rund 60 Prozent der derzeitigen Interimsmandate im kleinen, mittleren und großen Mittelstand Projektmanager und Prozessoptimierer gefragt. „Bei den Restrukturierern ist hingegen derzeit ,Saure-Gurken-Zeit‘“, sagt Robert Simon. Die Insolvenzquote liegt in Zeiten des billigen EZB-Gelds extrem niedrig. „Stattdessen ist der strategische Lenker mit Weitblick gefragt, der geeignete Refinanzierungs- und Investorenprozesse anstößt, um das Unternehmen profitabel für die Zukunft zu machen.“

Simon ist der Meinung, dass Interimsmanager im Vergleich zu Beratern an Boden gewonnen haben, da Unternehmen die Umsetzung von Vorhaben vermehrt suchen. Aber: „Berater und Interimsmanager ergänzen sich“, glaubt er. Das bestätigt auch Britta Hübner. Sie übernimmt seit vielen Jahren Sanierungsfälle und leitet die Restrukturierung aus der Funktion der Geschäftsführung oder des Vorstandes heraus. Zuletzt hat sie beim Maschinen- und Anlagenbauer Elumatec aus Mühlacker bei Pforzheim gearbeitet, einem Mittelständler mit einem Jahresumsatz von knapp 120 Millionen Euro (2014): „Im Moment scheint eher eine Zeit für Interimsmanager als für Berater zu sein.“

„Tagessatz von 0,7 bis 1 Prozent des Jahresgehaltes“

Das zeigen auch die Marktzahlen. „Grundsätzlich erlebt das Interimsmanagement seit über 15 Jahren eine stetig steigende Nachfrage“, sagt Marei Strack von der DDIM. Die jährliche Wachstumsrate liegt durchschnittlich im hohen einstelligen Bereich. Wolfgang Thost von Atreus rechnet damit, dass diese Dynamik so bleibt: „Der Wettbewerbsdruck steigt für Unternehmen. Sie müssen reagieren, um nicht den Anschluss zu verlieren.“ Das Honorarvolumen für Interimsmanagement-Einsätze in Projekten auf den oberen Führungsebenen beziffert die DDIM für 2016 auf rund 1,5 Milliarden Euro. Das sind stolze 15 Prozent mehr als im Vorjahr.

In der jetzigen Marktsituation können die externen Manager zwischen 1.000 und 3.000 Euro pro Tag verdienen, im Einzelfall sogar noch mehr. „Als Faustregel kann ein Tagessatz von 0,7 bis 1 Prozent eines Jahresgehaltes für eine vergleichbare Position gelten“, sagt Strack von der DDIM. Allerdings gebe es eine große Spannbreite. Der Tagessatz hängt von der Qualifikation der Manager, dem Stellenwert seiner Aufgaben und der Größe des beauftragenden Unternehmens ab. „Mit zunehmender Tendenz werden auch erfolgsabhängige Honorare oder Komponenten vereinbart“, sagt Strack weiter. Ein Leiter Finanzen oder Controlling, der als Interimsmanager auf der zweiten oder dritten Führungsebene angesiedelt ist, verdient zwischen 1.000 und 1.500 Euro. In Vorstands- oder Geschäftsführerpositionen, den sogenannten CxO-Stellen, sind gerade auch in Sanierungsfällen wegen der Haftungsfragen, 3.000 Euro und mehr drin. „Bei guter Auslastung kann man als Interimsmanager mehr Geld verdienen als in einer Festanstellung“, sagt Becker von Hays. „Die Unternehmen kaufen die Flexibilität und zahlen dafür entsprechend mehr.“