Donnerstag, 08.11.2018

Foto: Natali_Mis/iStock/Getty Images

Auf der Suche nach Hochprozentigem: Viele Unternehmen wollen renditestarke Anlagen, scheuen aber das Risiko.

Finanzierung
Anlageverhalten im Mittelstand

So legen Unternehmen ihr Kapital mit Rendite an

Der Mittelstand verfügt über immer mehr Liquidität. Viel Geld parken die Unternehmen als Fest- oder Tagesgeld – sie verzichten so weitgehend auf Zinsen. Welche vergleichsweise risikoarmen Alternativen gibt es?

Es vergeht kein Termin der Europäischen Zentralbank (EZB), ohne dass sich deutsche Ökonomen, Unternehmer oder Journalisten lautstark über die Zinspolitik der EZB beschweren. Der Leitzins, zu dem Banken Geld von der EZB erhalten, liegt seit 2016 bei null Prozent und war bereits in den Jahren zuvor verschwindend niedrig. Parken Banken Einlagen bei der EZB, müssen sie dafür seit 2014 sogar Strafgebühren zahlen. Erträge aus Zinsen – das war einmal.

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„Die Geldpolitik der EZB hat auch Konsequenzen für den Alltag eines mittelständischen Unternehmens“, sagt Volker Wittberg, Prorektor der Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Während niedrige Zinsen den Mittelständler erfreuen, wenn er Kredite aufnehmen will, sind sie für Unternehmen, die Eigenkapital außerhalb ihres Unternehmens investieren wollen, ein Problem. Dank der guten Konjunktur der vergangenen Jahre ist die Eigenkapitalquote vieler Firmen zuletzt stetig gestiegen. „Der deutsche Mittelstand hat hohe Liquiditätsbestände, die er verwalten muss“, sagt Wittberg. Eine aktuelle Studie der FHM zeigt: Mehr als die Hälfte aller mittelständischen Unternehmen hat Geld auf der hohen Kante und sucht nach Anlagemöglichkeiten. Im Durchschnitt liegt die freie Liquidität bei etwa 2,5 Millionen Euro. Pro Investment legen die Unternehmen typischerweise etwa 100.000 Euro an.

Festgeld nach wie vor beliebt

Für viele Unternehmen sind Tages- und Festgeld dabei die erste Wahl. Denn diese versprechen – anders als Aktien, Unternehmensanleihen oder Währungsanlagen – eine hohe Sicherheit. „Sicherheit hat bei mittelständischen Unternehmen nach wie vor die höchste Priorität“, sagt Wittberg, der seit 2009 jedes Jahr das Anlageverhalten im Mittelstand untersucht.

Diese Einschätzung teilt auch Oliver Vollbrecht, Leiter Investor und Public Relations bei der Industriegruppe Gesco. Zu den Tochterunternehmen der Aktiengesellschaft zählen zahlreiche industriell produzierende Mittelständler. „Unsere Mitgliedsunternehmen sind trotz niedriger Zinsen weiterhin konservativ unterwegs“, sagt Vollbrecht. „Wenn sie Geld anlegen, verzichten sie lieber auf etwas höhere Rendite und vermeiden dafür das Risiko.“ Anlageberater Michael Klimek von Klimek Advisors, berät mittelständische Unternehmen bei ihrer Geldanlage und versteht den Wunsch nach Sicherheit, kann aber dem Festgeld nichts abgewinnen. „Für mich ist das eine nicht nachvollziehbare Sünde“, sagt er. „Es ist weder kurzfristig liquide noch wirft es nennenswerte Zinsen ab.“ Er ermuntert daher seine Kunden zu mehr Mut beim Investieren.

Mittelstand bevorzugt Anleihen

Dass die Risikobereitschaft bei manchem Mittelständler zumindest etwas zunimmt, stellt Wittberg fest. Bei einer Befragung der FHM, welche Kriterien bei der Anlage wichtig seien, landet „hohe Verzinsung“ bei Mittelständlern auf Platz vier, noch vor einer „schnellen Verfügbarkeit“ und einem „leicht verständlichen“ Produkt. Die ersten drei Plätze belegen Sicherheitskriterien wie die garantierte Einlagensicherung. „Der Mittelstand wechselt von einem extrem konservativen Anlageverhalten zu einem konservativen Anlageverhalten“, stellt Wittberg klar.

Bei den riskanteren Anlageformen ist laut FHM die Unternehmensanleihe etwas verbreiteter als Aktien. „Unternehmer schätzen das Risiko einer Unternehmensanleihe als geringer ein, weil sie glauben, sich aus eigener Erfahrung gedanklich gut in die wirtschaftliche Situation des Emittenten hineinversetzen zu können“, sagt Wittberg. Anlageberater Klimek hält das für einen Irrglauben. „Anleihen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Das Risiko ist deutlich gestiegen.“ Käme es zu einer Zinswende in Europa, drohe ein „fundamentaler Einbruch“ bei den Anleihen. Erste Anzeichen für mittelfristig steigende Zinsen gibt es bereits. Ab 2019 will die EZB ihre Anleihebestände nicht mehr erhöhen und somit kein weiteres Geld in die Märkte pumpen. „2019 rechnen wir aber dennoch nicht mit einer Zinserhöhung im Euro-Raum“, sagt Klaus-Heiner Röhl, Senior Economist beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). „Die Handelskonflikte und der Brexit belasten die Konjunktur ohnehin schon.“

Info

Anlageformen im Vergleich

 

Tagesgeld: keine Rendite, kein Risiko, hohe Liquidität

 

Festgeld: kaum Rendite, kein Risiko, kaum Liquidität

 

Aktien: hohe Rendite bis großer Verlust möglich, hohes Risiko, hohe Liquidität

 

Börsennotierte Anleihen: hohe Rendite, mittleres bis hohes Risiko, mittlere bis hohe Liquidität

 

Immobilien: mittlere bis hohe Rendite, mittleres Risiko, keine Liquidität

Michael Klimek empfiehlt risikobereiteren Unternehmen dennoch andere Anlageformen als Anleihen. Sogenannte Liquid Alternatives seien eine gute Möglichkeit, ist der Anlageexperte überzeugt. Unter diesem Begriff werden Hedgefonds-Strategien zusammengefasst, die über einen regulierten Investmentfonds laufen. Das unterscheidet sie von den in Deutschland in Verruf geratenen Hedgefonds, die unreguliert sind. Außerdem sind Liquid Alternatives transparenter und, wie der Name schon sagt, deutlich liquider. Die Anleger müssen mindestens zweimal im Monat in der Lage sein, ihr Geld abzuziehen. „Ein Vorteil ist, dass ihre Entwicklungen im Wesentlichen nicht mit den Aktienkursen und den Anleihemärkten korreliert sind“, sagt Klimek. Das liegt beispielsweise daran, dass die Fondsmanager auf sinkende Kurse setzen oder mit einem Hebel anlegen. „Daher können sie auch in wirtschaftlichen Krisen Gewinne abwerfen, und das Risiko der Anlage ist vertretbar.“ Die Anlage ist allerdings wesentlich komplexer als der Kauf einer Aktie und natürlich nicht risikofrei. Unternehmer sollten sich daher umfassend beraten lassen: „Davor schrecken viele Mittelständler zurück“, berichtet Klimek. Röhl vom IW in Köln kann diese Zurückhaltung nachvollziehen: „Unternehmen fragen klassischerweise Geld an den Finanzmärkten nach und bieten es nicht an. Daher liegt ihr Fokus auch nicht auf der Anlage.“

Investitionen ins Unternehmen

Derzeit gewinnen zudem Fondslösungen im Mittelstand wieder an Beliebtheit. Hierbei hält Anlagespezialist Michael Klimek Geldmarktfonds für besonders interessant. Es handelt sich dabei um Investmentfonds, die ausschließlich oder überwiegend in Geldmarkttitel und liquide Wertpapiere investieren, die höchstens ein Jahr lang laufen. Beispiele hierfür sind Termingelder und Schuldscheindarlehen. Ist die Bonität der Emittenten gut, hält sich das Ausfallrisiko vergleichsweise in Grenzen. Allerdings ist die Anlage bei großen Wirtschaftskrisen gefährdet. Während der Finanzkrise 2007 kam es auch bei eigentlich als stabil geltenden Geldmarktfonds zu Einbrüchen bei der Wertentwicklung.

Statt auf den Finanzmärkten zu investieren, können Mittelständler auch Geld in die eigene Firma stecken. Einen Vorschlag für den Verwendungszweck hätte Wittberg von der FHM bereits: „Im Mittelstand sind derzeit nur 58 Prozent der Pensionsverpflichtungen gedeckt.“ Auch Gernot Kleckner, Bereichsleiter für Corporate Sales bei der Commerzbank, sieht hier Handlungsbedarf: „Wenn es im Mittelstand derzeit finanziell einen Grund zur Sorge gibt, dann sind es die fehlenden Rückstellungen für die Pensionen.“ Die betroffenen Unternehmen scheinen das Problem erkannt zu haben. Bei der Befragung der FHM nach den wichtigsten Investitionskriterien gewann die „Eignung zur Ausfinanzierung von Pensionsrückstellungen“ deutlich an Bedeutung; sie ist mittlerweile wichtiger als „stabile Erträge“ oder „geringe Anlagekosten“.

Investitionen ins eigene Unternehmen können sich auch an anderer Stelle lohnen. Das Geld in neue Maschinen oder die Digitalisierung zu stecken wirft – ebenso wie die Expansion in neue Geschäftsfelder oder Märkte – langfristig meistens eine deutlich höhere Rendite ab, als sie der Finanzmarkt seinen Investoren derzeit bieten kann.


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.