Freitag, 19.10.2018
Petri Heil am Lebensabend: So mancher Mittelständler hofft bei der Nachfolgersuche auf einen guten Fang.

Foto: michaelstockfoto/Thinkstock/Getty Images

Petri Heil am Lebensabend: So mancher Mittelständler hofft bei der Nachfolgersuche auf einen guten Fang.

Finanzierung
Algorithmus als Makler

Unternehmensnachfolge: Wie Onlineportale beim Verkauf helfen

Viele Unternehmer suchen einen passenden Nachfolger für ihre Firma. Neue Onlineportale wollen Käufer und Verkäufer zusammenbringen. Doch noch sind die Nutzerzahlen gering – wird sich das schon bald ändern?

Über eine halbe Million mittelständische Unternehmensinhaber suchen laut einer Umfrage der KfW bis zum Jahr 2022 einen Nachfolger. Fast jeder zweite Mittelständler zieht einen externen Kandidaten in Erwägung, für jeden Dritten ist dies sogar die einzige Option. „In den kommenden Jahren rollt eine Nachfolgewelle über den Mittelstand hinweg“, sagt Michael Schwartz aus der Research-Abteilung der KfW. Der klassische Weg bei der Suche nach einem Nachfolger ist der Gang zu einem M&A-Berater (Mergers & Acquisitions). Dieser sucht nach geeigneten Käufern und berät bei den anschließenden Verhandlungen und den Vertragsentwürfen.

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Doch auch im Internet können Unternehmer einen Nachfolger finden. In den vergangenen Monaten sind gleich mehrere Plattformen entstanden, die Verkäufern bei der Suche nach potentiellen Interessenten helfen sollen. Eine von ihnen ist Slister. Seit Mai können sich auf der Webseite Käufer und Verkäufer registrieren. Für verkaufswillige Mittelständler ist das Angebot kostenlos, die potentiellen Käufer zahlen eine Anmeldegebühr.

„Die klassische Suche eines M&A-Beraters nach Unternehmenskäufern ist sehr aufwendig und zeit-intensiv“, sagt Steffen Bolz, Gründer von Slister und zudem M&A-Berater bei der Westfalenfinanz. „Mit Slister lässt sich diese Suche stark verkürzen.“ Wie bei anderen Vermittlungsplattformen auch, geben Unternehmensverkäufer bei Slister Daten zu ihrer Firma wie Umsatz, Branche oder Mitarbeiterzahl an. Ein Algorithmus vergleicht diese Informationen mit den Angaben aus den Gesuchen der Kaufinteressenten und übermittelt dem Verkäufer automatisch eine Liste mit den Kontaktdaten möglicher Käufer.

Eine Gesamtpunktzahl gibt an, wie gut die Vorschläge passen. Dabei berücksichtigt der Algorithmus die Angaben unterschiedlich stark. Sucht der potentielle Käufer Unternehmen aus einer anderen Branche, ist das ein K.o.-Kriterium und er landet auf keinen Fall auf der Vorschlagsliste, egal wie sehr die anderen Daten übereinstimmen. Unterscheidet sich hingegen der gewünschte Umsatz des Übernahmeziels nur etwas vom tatsächlichen Umsatz des Unternehmens, gibt es nur wenig Punktabzug.

Mensch ergänzt Maschine

Steffen Bolz, Geschäftsführer und Gründer von Slister

Foto: Slister

Steffen Bolz, Geschäftsführer und Gründer von Slister

Bei der vor einem Jahr gegründeten Plattform Matchmaker des Beratungsunternehmens KPMG gibt es keine Punktzahl. Dafür schauen sich die Mitarbeiter die Ergebnisse des Algorithmus an und überlegen, ob sie noch weitere Kandidaten kennen, die das System nicht vorgeschlagen hat – entweder weil die angegebenen Daten zu ungenau waren oder weil die potentiellen Käufer nicht bei der Plattform registriert sind, KPMG sie allerdings aus dem Beratungsgeschäft als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft kennt. „Unser Anspruch ist es, unseren Nutzern nur Investoren vorzuschlagen, die auch zu ihnen passen“, sagt Vera-Carina Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen bei KPMG Deutschland.

Die Nutzung der Plattform kostet weder für den Käufer noch für den Verkäufer etwas. Allerdings bietet KPMG gegen Gebühren an, nach dem ersten Kontakt die weiteren Gespräche beratend zu begleiten. Denn Matchmaker und Slister sind zunächst einmal nur Online-Plattformen, auf denen Verkäufer den Kontakt zu potentiellen Käufern herstellen können. Weitere Beratungen sind nicht Teil des Angebots. Daher ersetzen diese Plattformen keine M&A- beziehungsweise Rechtsberatung. „Slister erhält keinerlei Informationen darüber, welche potentiellen Käufer letztlich angesprochen werden“, sagt Steffen Bolz.

Vera-Carina Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen, KPMG Deutschland

Foto: KPMG Deutschland

Vera-Carina Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen, KPMG Deutschland

Schon länger auf dem Markt ist die Internetplattform Nexxt-change, ein Gemeinschaftsprojekt von mehreren Organisationen, wie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), der KfW und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Mit von der Partie sind auch über 800 Regionalpartner, zu denen unter anderem Sparkassen oder Industrie- und Handelskammern gehören. Die Regionalpartner helfen den Nutzern der Plattform bei der Erstellung des Inserats. In der Regel ist der Service kostenlos. Falls nicht, geben die Regionalpartner dies auf der Seite an.

Ein Unterschied zwischen Nexxt-change und den Plattformen Slister und Matchmaker ist, dass man nicht registriert sein muss, um die Inserate lesen zu können. Allerdings stehen in den Anzeigen genau wie bei allen anderen Plattformen keine Klarnamen in den Gesuchen. Schließlich ist der Verkauf des Unternehmens eine sensible und vertrauliche Angelegenheit, von der die Konkurrenz im Vorfeld meistens nichts erfahren soll. Deshalb betont KPMG, dass nur drei Mitarbeiter die Unternehmensdaten aus Matchmaker kennen, um die Vorschläge des Algorithmus zu ergänzen. „Die Daten sind innerhalb von KPMG nicht frei verfügbar und werden streng vertraulich behandelt“, sagt Elter.

Weitere Informationen zur Nachfolge

Das BMWi fördert neben Nexxt-change auch die Seite www.nachfolge-in-deutschland.de der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. In einem Nachfolge-Wiki, das ähnlich wie das Internetlexikon Wikipedia aufgebaut ist, können sich Nutzer über die Vorbereitungen einer Nachfolge oder den Nachfolgeprozess informieren. Beim Nachfolg-o-mat geben Verkäufer an, ob sie Aussagen wie: „Meine Nachfolge muss aus ungeplanten Gründen (Krankheitsfall, Änderung der Eigentumsverhältnisse) möglichst zeitnah geregelt werden“ zustimmen oder nicht. Anhand der Antworten wird eine Linkliste zu Webseiten erstellt, auf denen sich die Unternehmer über die noch offenen Fragen informieren können.

Ein wichtiger Punkt bei der Nachfolge ist zudem die Unternehmensbewertung. Ohne eine Vorstellung vom Preis für sein Unternehmen zu haben, fällt es dem Verkäufer naturgemäß schwer, einen passenden Käufer zu finden. Bei der Wertermittlung hilft ein Tool der Finanzfachzeitschrift FINANCE, einer Schwesterpublikation von „Markt und Mittelstand“. Mit dem Multiples-Rechner auf der Internetseite des Magazins können Unternehmen anhand von einigen Angaben wie dem Umsatz, den Nettofinanzschulden oder dem aktuellen und künftigen Investitionsbedarf einen ungefähren Unternehmenswert berechnen und haben damit eine erste Richtschnur.

Die Nutzerzahlen der Plattformseiten sind derzeit relativ gering. Beim noch neuen Slister haben sich bislang 126 Käufer registriert und 59 Verkäufer, bei Nexxt-change stehen aktuell fast 7.000 Verkäufer etwa 2.000 Kaufinteressenten gegenüber. KPMG nennt keine Zahlen. „Die Onlineplattformen werden bislang noch viel zu wenig genutzt“, sagt Michael Schwartz aus der Research-Abteilung der KfW. „Das liegt erstens an der mangelnden Bekanntheit der Angebote und zweitens an der Scheu mancher Unternehmer, sensible Daten einem Onlinedienst anzuvertrauen.“

Bei den kommenden Generationen von Unternehmern könnte dies anders sein. Bis diese in den Ruhestand gehen, werden die Plattformen bereits etliche Jahre auf dem Markt und entsprechend bekannter sein. Zudem dürfte die Online-Affinität der jüngeren Generation höher sein. Etliche der halben Million Unternehmer, die bis 2022 einen Nachfolger suchen, dürften jedoch ausschließlich offline suchen – mit einem M&A-Berater oder in der eigenen Familie.

Info

Ansprechpartner für Beratung

  • Bank: Die Geldhäuser haben ein Interesse daran, das Unternehmen als Kunden zu halten. Vor allem wenn es um die Überführung von Konten oder die Finanzierung der Nachfolge geht, sind die Banken ein guter Ansprechpartner.
  • Unternehmensberater: Die klassische Nachfolgeberatung besteht aus Juristen, Betriebswirten und Steuerberatern. Damit ist eine umfassende Beratung gewährleistet.
  • Industrie- und Handelskammern (IHKn): Viele IHKn bieten in regelmäßigen Abständen eine kostenlose Beratung an. Diese dient als erste Orientierung in einem Nachfolgeprozess. Zudem erhalten Unternehmer bei den IHKn Informationsmaterial rund um das Thema.

 


Der Artikel gehört zu einem Thema aus der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe Oktober 2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.