Mittwoch, 25.01.2023
Finanzierung
Dürre und Überschwemmung

Die erste Versicherung gegen den Klimawandel bezahlt zur Hälfte Vater Staat

Die Katastrophe im Ahrtal hat gezeigt, welche enormen Schäden die Folgen des Klimawandels auch in Deutschland anrichten können. Sind wir ausreichend versichert? Warum das so kompliziert ist, welche neuen Konzepte es gibt und wie der Staat unterstützt.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat 2021 nicht nur Tote gefordert und Schäden an Häusern und Infrastruktur hinterlassen, sondern auch in der Landwirtschaft eine Spur der Verwüstung hinterlassen.“

2021 riss die Flutkatastrophe vor allem im Ahrtal Menschen in den Tod und sorgte auch ökonomisch für erheblichen Schaden. In Deutschland dürfte er mehr als 80 Milliarden Euro betragen haben. Der Wiederaufbau ist noch lange nicht abgeschlossen. Im vergangenen Sommer war die Wetterlage praktisch genau umgekehrt: Flüsse wurden zu Rinnsalen, und die Dürre kostete Landwirten Millionen.
 
Die Folgen des Klimawandels werden damit auch in Deutschland immer stärker spürbar. Längst ist die Diskussion entbrannt, wie Menschen und Unternehmen sich dagegen versichern können. Was müssen sie selbst übernehmen? Wieviel übernimmt der Steuerzahler? Und: Wer soll einspringen, wenn ein Betroffener schlicht keine Versicherung abgeschlossen hatte? Dahinter steckt auch eine Gerechtigkeitsdebatte: Soll der, der sich das Geld für eine Hausratsversicherung spart, am Ende vom Steuerzahler ein neues Heim erhalten? Das fragen die einen. Soll man die Menschen hängen lassen, die alles verloren haben, entgegnen die anderen.
 
Versicherungsschutz ist zu gering

Fachleute wie Daniel Osberhaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Umwelt- und Ressourcenökonomik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sagt: „Staatshilfen führen, wenn sie an keine Bedingungen geknüpft und für die Betroffenen scheinbar kostenlos sind, langfristig zu einer schlechteren Vorsorge der Haushalte, wie empirische Studien aus verschiedenen Kontexten belegen.“
Die Untersuchungen würden kognitive Fehleinschätzungen bezüglich des Versicherungsschutzes und des Risikos aufdecken: „Meistens werden Hochwasserrisiken von den Haushaltsvorständen ignoriert oder unterschätzt, und der eigene Versicherungsschutz überschätzt.“ Es brauche eine Neuordnung des Versicherungsmarktes: „Das derzeitige System, gekennzeichnet von einem freien Markt mit einer geringen Versicherungsdichte und unsicheren und mit Fehlanreizen verbundenen Staatshilfen im Katastrophenfall, hat sich einmal mehr als untauglich erwiesen, den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen.“

Wie es die Landwirtschaft vormachen soll


Es ist also Zeit für neue Konzepte rund um die Versicherungen von Umweltschäden. Und jetzt hat sich genau in der Branche etwas getan, in der seit 40.000 Jahren gegen die Unbill des Wetters gekämpft wird: in der Landwirtschaft. Die Situation hier ist paradox: Rund 70 Prozent der Bauern in Deutschland sind gegen Hagelschäden versichert – diese Versicherung gibt es seit 180 Jahren. Aber bei Dürre, Flut und anderen Klimawandelfolgen sieht es mau aus, obwohl die Schäden hierdurch inzwischen deutlich höher sind als durch Hagel. „Prävention und finanzielle Absicherung, etwa durch Versicherungen, müssen daher höhere Bedeutung bekommen", forderte vor kurzem Thomas Blunck, Vorstand beim Rückversicherer Munich Re. Alexander Lührig, Chef der Agrarsparte bei der Allianz, gibt einen düsteren Ausblick: „Viele Gefahren und Extremereignisse in der Zukunft können wir uns heute noch gar nicht vorstellen, da kommt ein Megaproblem.“

Nun gehört es zum Geschäftsmodell von Versicherern, vor Gefahren zu warnen und Menschen dazu zu bringen, Verträge abzuschließen und Prämien zu bezahlen, damit solche Risiken abgedeckt sind. Seit einiger Zeit arbeitet die in München beheimatete Allianz eng mit dem Freistaat Bayern an einem Konzept, das vor allem Landwirte davon überzeugen könnte, sich besser abzusichern. Das Zauberwort der Stunde heißt Mehrgefahrenversicherung. Sie soll Landwirte gegen Schäden durch Frost, Dürre und Flut absichern. Als erstes Bundesland hat Bayern jetzt entschieden, dass das Land die Hälfte der Gebühren für diese Versicherung übernimmt. Weiterw Bundesländer dürften folgen.

Anreize von der Politik
Doch warum soll der Steuerzahler zahlen? Der starke finanzielle Anreiz kommt daher, weil sowohl die Politik als auch die Versicherer ein Interesse daran haben, dass möglichst viele Bauern eine solche Police abschließen: Allianz und Co profitieren von den Beiträgen, und die Politik muss im Falle des Falles die Betroffenen nicht mit Staatsgeld raushauen. Dass Landwirte relativ einen geringen Versicherungsschutz haben, liegt vor allem an den hohen Kosten. An einem Beispiel zeigt sich, wie teuer ein auskömmlicher Versicherungsschutz gegen Klimawandelfolgen ist:
Eine Versicherung gegen Hagelschlag kostet je nach Region 0,5 bis 4 Prozent des Hektarwerts der angebauten Feldfrucht – Getreide ist relativ günstig, Mais etwas teurer, ein Erdbeerfeld kann das Zehn- bis Zwanzigfache kosten. Da die Mehrgefahrenversicherung gegen mehrere Schäden absichert, wächst die Versicherungsprämie auf drei bis mehr als zehn Prozent vom versicherten Wert. Pro Landwirt läppern sich die Prämien auf 10.000 Euro und mehr. Vielen ist das zu viel. Jetzt übernimmt zumindest in Bayern das Land die Hälfte.
 
Welche Probleme bleiben
Der Branchenverband der Versicherer hofft darauf, dass die anderen 15 Bundesländer dem Beispiel folgen und die Landwirte bei den Versicherungsbeiträgen unterstützen. „Angesichts zunehmender Dürreperioden und sich häufender Wetterextreme fordern wir Versicherer schon lange eine Bezuschussung der landwirtschaftlichen Mehrgefahrenversicherung als Hilfe für die Bauern“, sagte Anja Schäfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands GDV. Eine Verpflichtung für Landwirte soll es aber nicht geben.
 
Zwei Probleme bleiben: Wie geht der Staat mit denen um, die auch die neue Mehrgefahrenversicherung nicht wollen und im Notfall nach Steuergeldhilfe rufen? Und:  Wie animiert man Landwirte, durch die Auswahl der angebauten Pflanzen dem Klimawandel entgegenzuwirken. Letzteres versuchen Versicherer und Staat durch einen hohen Eigenanteil bei Schäden zu gewährleisten. Dieser sogenannte Selbstbehalt ist mit rund 20 Prozent der Versicherungssumme ziemlich hoch. „Damit soll der Landwirt angehalten werden, präventiv zu agieren und Schäden bewusst zu vermeiden, beispielsweise durch die Auswahl besonders gegen Trockenheit robuster Pflanzen", sagt Allianz-Agrarchef Lührig.

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