Mittwoch, 12.12.2012
Finanzierung
Risikomanagement

Versicherung gegen Stromausfälle

Stromausfälle, steigende Preise, politische Eingriffe. Energieintensive Firmen kämpfen an vielen Fronten. Eine Versicherung bietet nur eingeschränkten Schutz.

Blackouts, steigende Preise und gesetzliches Hickhack: Die Energiewende und ihre Auswüchse beschäftigen den Mittelstand wie kaum ein zweites Thema. Schäden durch Stromausfälle oder Fehlkalkulationen hinsichtlich der Energiepreisentwicklung können Unternehmen schnell einmal die Bilanz verhageln. So wie bei Trimet. Der Aluminiumproduzent hatte nach Fukushima auf weiter stark steigende Strompreise gesetzt und sich dagegen mit Stromlieferverträgen abgesichert. Letztlich stiegen die Preise jedoch nicht so stark wie erwartet. Ergebnis für 2011: Ein Minus im zweistelligen Millionenbereich. Ein Cent mehr pro Kilowattstunde bedeutet für Trimet 50 Millionen Euro mehr Stromkosten pro Jahr.

Risikomanagement gefordert

„Risiken müssen definiert, bewertet und mit Lösungsalternativen versehen werden“, erklärt Gerhard Witzany, Vorstand beim Mittelständler Nabaltec. Das Chemieunternehmen produziert funktionale Füllstoffe für die Kunststoffindustrie und hochwertige Rohstoffe für die technische Keramik und benötigt dafür viel Energie. Die Gesamtenergiekosten machen knapp 10 Prozent des Umsatzes aus.

„Die Versorgungssicherheit steht in vielen Fällen an erster Stelle“, erklärt Michael Härig, Leiter des Branchenteams Power beim Versicherungsmakler Marsh. Das gilt auch für Nabaltec. Bei dem Mittelständler arbeiten die Anlagen rund um die Uhr. Störungen im Temperaturverlauf oder ein mechanischer Stillstand der Rührwerke und Drehrohröfen führen zu Veränderungen der Produktqualität bis hin zur Ausschussproduktion. Im schlimmsten Fall drohen Anlagenschäden. Ein Blackout von 30 Minuten kann Schäden im sechsstelligen Bereich verursachen. „Wir haben ein detailliertes System, in dem Risiken nach Höhe und Wahrscheinlichkeit bewertet werden. Darauf aufbauend werden Maßnahmen zum Umgang mit den identifizierten Risiken festgelegt“, erklärt Witzany. Doch sobald es konkreter wird, geben sich die Unternehmen zugeknöpft.

Praxistest für das Risikomanagement

„Im Mittelstand fehlen Erfahrungen und Sensibilität“, sagt Michael Bruch, Energieexperte bei Allianz Global Corporate & Specialty. Am Anfang sollte immer eine gründliche Risikoanalyse stehen. Wie verwundbar ist mein Standort, welche Schäden können entstehen? Die Antworten sind von Branche zu Branche verschieden. Während Händler oder Dienstleister kürzere Stromausfälle meist gut verkraften, sind Unternehmen aus der Chemie-, Papieroder Halbleiterbranche besonders anfällig. „Unternehmen müssen auch einkalkulieren, dass nicht nur sie selbst, sondern auch wichtige Lieferanten von Stromausfällen betroffen sein können“, weist Härig auf zunehmende Risiken in den Lieferketten hin.

Im zweiten Schritt geht es um die Frage, welche Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Gibt es Notstromaggregate, Überbrückungsmechanismen oder Möglichkeiten, auf einen anderen Standort auszuweichen? Dazu müssen alle Szenarien möglichst realitätsnah geprüft und getestet werden. Rückblickend auf den jüngsten Blackout in München sagt Bruch: „Meist funktionieren die auf dem Papier ersonnenen Notfallmaßnahmen im Ernstfall nicht.“ Bei Nabaltec wird deshalb fleißig geübt: „Wir trainieren gerade den ‚Inselbetrieb‘“, berichtet Witzany. Tests decken Schwachstellen auf und tragen zu passgenaueren Vorsorgemaßnahmen bei. „Unternehmen sollten aber nicht nur in die Technik investieren, sondern auch das Management und die gesamte Organisationsstruktur nicht außer Acht lassen“, warnt Bruch.

Versicherung: Drei Lösungen im Vergleich

Die ultimative Maßnahme ist die Versicherung. Doch während es auch im Mittelstand üblich ist, mit dem Energie- und Rohstoffbezug einhergehende Preisrisiken durch Hedging-Lösungen abzusichern, gilt dies für Stromausfallrisiken nicht. Maschinen- und Betriebsausfallversicherungen gehören zwar zum Standardschutz, decken aber durch Stromausfälle ausgelöste Schäden nur indirekt ab. Und auch nur teilweise: So ersetzt die Maschinenversicherung nur die Schäden an der Maschine, nicht aber den entgangenen Gewinn. Diesen deckt die Betriebsunterbrechungsversicherung ab. Aber nur, wenn ein physischer Schaden an der Anlage nachweisbar ist. „Hat ein Transformator Feuer gefangen, ist das einfach, in anderen Fällen aber längst nicht immer so offensichtlich“, sagt Härig.

Bei Stromausfällen liegt der Schaden in der Regel beim Versorger. Die Maschinen in den Industriebetrieben stehen zwar still, sind aber physisch unbeeinträchtigt. Die Versicherung ist in diesem Fall fein raus. Es sei denn, Unternehmen haben ihren Versicherungsschutz um einen Rückwirkungsbaustein erweitert. Dadurch könnten auch die Risiken in der Lieferkette abgesichert werden. Allerdings warnt Versicherungsexperte Härig: „Die Rückwirkung reicht nicht beliebig weit, die Versicherer legen das schon im Vorfeld ganz genau fest.“

Schäden durch Stromausfälle selten versichert

„Die wenigsten Betriebsunterbrechungen durch Stromausfälle sind tatsächlich versichert, da kein Sachschaden als Auslöser vorliegt“, sagt Bruch. Um das Schutzbedürfnis der Betriebe besser zu treffen, haben die Versicherer deshalb spezifische Stromausfallversicherungen entwickelt, die für Umsatzeinbußen auch ohne unmittelbaren Sachschaden einstehen. Allerdings nur bis zu bestimmten Höchstgrenzen und ab einer bestimmten Ausfalldauer. Mini-Blackouts bleiben auch hier außen vor. „Das ist keine Massenlösung“, erklärt Bruch. Weniger als 10 Prozent der Unternehmen nutzen das relativ neue Angebot. Entsprechend teuer sind die Prämien. Härig rät Unternehmen, potentielle Schäden gegenüber der Versicherung nicht zu hoch anzusetzen und bereits ergriffene Gegenmaßnahmen genau darzulegen. „Sonst findet man am Ende gar keinen Versicherer.“