Montag, 11.12.2017
„Versicherungen sind kein Lifestyleprodukt“: Florian Brokamp, Gründer und CEO von Gewerbeversicherung24 in Frankfurt am Main

Foto: Andreas Varnhorn

„Versicherungen sind kein Lifestyleprodukt“: Florian Brokamp, Gründer und CEO von Gewerbeversicherung24 in Frankfurt am Main

Finanzierung
Start-up-Gründer Florian Brokamp

Welche Versicherungen Mittelständler unbedingt abschließen sollten

„Der deutsche Mittelstand ist schlecht versichert“: Florian Brokamp, Gründer des Start-ups Gewerbeversicherung24, spricht im Interview über neue Risiken und alte Policen.

Herr Brokamp, ganz allgemein gefragt: Wie gut ist der Mittelstand versichert?
Der deutsche Mittelstand ist schlecht versichert. Das bedeutet: zu wenige, zu schlechte und zu teure Versicherungen. Studien zeigen, dass die Anzahl der Versicherungspolicen im Mittelstand unter dem Bedarf liegt, viele Deckungskonzepte sind verbesserungswürdig. Zudem zahlen Versicherungsnehmer zu viel für ihre bestehenden Verträge. Das liegt vor allem an der Intransparenz im Markt.

Der Mittelstand beschäftigt sich allerdings auch ungern mit dem Thema Versicherungen. Woher kommt die Distanz zum Thema?
Versicherungen sind kein Lifestyleprodukt. Ganz im Gegenteil: Sie sind verstaubt, kompliziert und unattraktiv. Die beste Versicherung ist eben die, die man niemals braucht – denn auch wenn die Versicherung greift, so ist der Moment des Schadensfalls doch nie ein angenehmer.

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Auf welche Versicherung sollte kein Mittelständler verzichten?
Ganz eindeutig: Haftpflicht-, Inhalts-, Rechtschutz- und Cyberversicherung. Je nachdem, in welcher Branche Ihr Unternehmen tätig ist, kommen noch weitere Spezialversicherungen dazu, die existentiell wichtig sind – etwa eine Maschinen-, Elektronik- oder Gebäudeversicherung. Für einige Unternehmen ist auch eine D&O(Directors-and-Officers)-Versicherung zu empfehlen.

Wo gibt es im deutschen Mittelstand den meisten Nachholbedarf?
Das größte Defizit besteht aus meiner Sicht bei der Cyberversicherung. Die Gefahren dort sind einfach noch nicht so bekannt, dass den Entscheidern im Mittelstand bewusst ist, welches Risiko sie gerade ohne eine Cyberdeckung eingehen. Wenn man sich aber mal anschaut, wie viele Unternehmen bereits von Cyberattacken betroffen sind, dann sollte man schnell handeln. Ich verstehe zwar sehr gut, wie schwierig es ist, diese virtuellen Risiken zu fassen. Aber auch wenn ich als Unternehmer die Gefahr nicht greifen kann, ändert es nichts an ihrer Existenz.

Gibt es denn auch Policen, die „nice to have“ sind?
„Nice to have“ existiert in der Versicherungsbranche eigentlich nicht. Das Prinzip einer jeden Versicherung ist, dass ich sie im Idealfall nicht brauche. Wogegen ich mein Unternehmen versichern muss, hängt von dem Risikoprofil meiner Firma ab –und von meiner Risikobereitschaft. Daraus ergibtsich der objektive Versicherungsbedarf.

„Wenn ich dann das Gefühl habe, richtig versichert zu sein, dann kann ich die Versicherung auch ruhigen Gewissens weiterlaufen lassen“, sagt Florian Brokamp

Foto: Andreas Varnhorn

„Wenn ich dann das Gefühl habe, richtig versichert zu sein, dann kann ich die Versicherung auch ruhigen Gewissens weiterlaufen lassen“, sagt Florian Brokamp

Wie können Unternehmen ihren Versicherungsbedarf am besten ermitteln?
Der einfachste Weg ist immer noch das Gespräch mit einem Experten. Versicherungsmakler werden genau dafür bezahlt und ausgebildet. Im Bereich der Gewerbeversicherungen sollte man allerdings darauf achten, dass man einen Fachmann für gewerbliche Risiken vor sich sitzen hat.

Und wie ermittelt man die richtige Höhe für die Versicherungssumme?
Das hängt stark von der Produktkategorie und dem jeweiligen Unternehmen ab. Die Versicherungssumme einer Inhaltsversicherung ist relativ leicht anhand des Neuwerts des zu versichernden Geschäftsinhalts zu ermitteln. Bei sogenannten Tätigkeitsschäden empfiehlt es sich, den möglichen Höchstschaden im Worst-Case-Szenario durchzuspielen und daran die Versicherungssumme auszurichten. Bis zu einem gewissen Grad spielt auch das Bauchgefühl eine Rolle: Am Ende muss sich das Unternehmen einfach wohlfühlen mit der gewählten Versicherung und der vereinbarten Summe.

Also sollte man nicht nur auf den Preis der Police achten?
Richtig. Bei der Tarifwahl darf nicht nur der Preis entscheiden. Vielmehr ist die genaue Leistung im Schadensfall extrem wichtig. Dazu muss vorher klar herausgearbeitet werden, was abgesichert werden soll und welche möglichen Schäden in welcher Höhe auftreten können. Hat man sich dafür zu wenig Zeit genommen oder gar auf eine Absicherung verzichtet, ärgert man sich im Schadensfall. Allerdings müssen Sie auch bedenken: Einfach nur den Anbieter mit den höchsten Leistungen zu nehmen ist zwar selten verkehrt, aber normalerweise auch nicht die optimale Lösung.

Welche Rolle spielen heute, im Zeitalter des Internets, Versicherungsmakler?
Wir haben gerade erst wieder eine große Umfrage unter Gewerbetreibenden gemacht. Dabei kam sehr deutlich heraus, dass das Internet mittlerweile eine herausragende Rolle bei der Informationsbeschaffung spielt. Trotzdem ist das Thema Gewerbeversicherungen so komplex und wichtig, dass die meisten Abschlüsse mit Hilfe von Versicherungsmaklern gemacht werden. Wenn ein Makler Spezialwissen und Expertise aufgebaut hat, lässt sich das kaum ersetzen.

Was kann eine digitale Plattform besser als ein Makler – und was schlechter?
Der Vorteile einer digitalen Plattform sind mit Sicherheit die ständige Verfügbarkeit, die Transparenz und die Geschwindigkeit bei der Abwicklung. Auf der anderen Seite ist es dort schwer, die persönliche Beziehung, die zumeist mit einem klassischen Makler aufgebaut wurde, zu ersetzen. Wem diese Bindung und der persönliche Kontakt wichtig sind, der geht im besten Fall zu einem Makler, der mit Hilfe digitaler Plattformen beide Vorteile vereint.

Ist es sinnvoll, alle Policen bei einer Versicherung abzuschließen, oder sollte man lieber splitten?
Im Normalfall ist es sehr sinnvoll, wenn man die Policen auf verschiedene Anbieter aufgeteilt hat. Dadurch kann man die verschiedenen Angebote nach dem individuellen Bedarf zusammenstellen und oft auch einen besseren Preis realisieren.

Und was ist mit Versicherungs-Hopping, also dem häufigen Anbieterwechsel: Lohnt sich das?
Sagen wir mal so: Als Unternehmen sollte ich regelmäßig selbst oder von einem Profi checken lassen, ob ich immer noch optimal versichert bin. Und wenn ich mindestens einmal im Jahr ohnehin mit meinem Makler spreche, wie sich mein Unternehmen verändert hat, dann sollte er mir auch einen Überblick über die aktuellen Angebote am Markt verschaffen. Wenn ich dann das Gefühl habe, richtig versichert zu sein, dann kann ich die Versicherung auch ruhigen Gewissens weiterlaufen lassen.

Info

Florian Brokamp ist Gründer und CEO des Insurtechs Gewerbeversicherung24, einer Onlineplattform für Versicherungsvergleiche.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.