Dienstag, 09.01.2018
Ein schlankes und nett geschriebene Büchlein: MuM-Chefredakteur Christian Preiser empfiehlt Julian Nebels Buch „Adele Spitzeder“

Foto: MaskaRad/Thinkstock/Getty Images

Ein schlankes und nett geschriebene Büchlein: MuM-Chefredakteur Christian Preiser empfiehlt Julian Nebels Buch „Adele Spitzeder“

Finanzierung
Lektüretipp

Wie eine zweitklassige Schauspielerin 33.000 Menschen betrog

Solange der Mensch nach Geld giert, haben die Betrüger leichtes Spiel: Autor Julian Nebel hat ein Buch über den Aufstieg und Fall der Adele Spitzeder geschrieben – und den vermutlich größten Bankbetrug aller Zeiten.

Erinnern Sie sich noch an Bernard Madoff, jenen New Yorker Börsenmakler, der mit einem verbrecherischen Schneeballsystem Tausende von Amerikanern um insgesamt 65 Milliarden USDollar betrog und 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde? Vergessen Sie diesen Kleinkriminellen.

Denn es geht noch spektakulärer: In nur drei Jahren gelang es einem ebenso zarten wie durchtriebenen Weibsbild namens Adele Spitzeder, mehr als 30.000 Menschen und auch ganze Gemeinden in den Ruin zu treiben. Im Jahr 1869 „eröffnete“ Adele ihre „Spitzeder’sche Privatbank“, die de facto nichts anderes war als ein großangelegtes Betrugssystem. Am 12. November 1872 brach das Konstrukt in sich zusammen, und Adele Spitzeder wurde verhaftet. Zurück blieb ein Heer von Bankrotteuren – zeitgenössische Quellen sprechen von 33.000 Gläubigern. Nicht wenige Geschädigte begingen aus Verzweiflung Selbstmord.

Geldsäcke im Schlafzimmer

Julian Nebel: <b>Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten.</b> Finanzbuch Verlag, München 2018, ISBN 978-3-95972-048-9, 17,99 Euro.

Julian Nebel: Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten. Finanzbuch Verlag, München 2018, ISBN 978-3-95972-048-9, 17,99 Euro.

In seinem Buch „Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten“ zeichnet der Autor Julian Nebel (notabene: Er ist studierter Jurist) das Leben und den Aufstieg sowie den Absturz der „Kanaille“ (aus einem anonymen Drohbrief) nach. In Berlin geboren, in Wien aufgewachsen, tourte die Spitzeder jahrelang als zweitklassige Schauspielerin mit mäßigem Erfolg durch die deutschen Lande, bevor sie sich – vollkommen abgebrannt und mittellos – in München niederließ.

Dort kam der bekennenden Lesbe die Idee mit der Bank: Sie versprach ihren Kunden 10 Prozent Zinsen auf die Einlagen. Das weckte die Gier. Immer mehr Menschen brachten ihr Geld vorbei und erhofften sich reichen Zuwachs: Dienstboten legten ihre „Nothgroschen“ bei Spitzeder an, reiche Privatleute und Industrielle investierten, und sogar größere und kleinere Städte und Gemeinden wie Ingolstadt oder Aichach zahlten große Summe bei der „Spitzeder’schen Privatbank“ ein.

Schon bald musste Spitzeder, die ihre Kunden in ihrer mondänen Wohnung empfing, aus drängender Platznot die Geldsäcke im Schlafzimmer und bei ihrem Friseur lagern. Doch irgendwann platzte die Blase, und alles flog auf: Adele Spitzeder wurde verhaftet und in einem aufsehenerregenden Prozess zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Der von ihr verursachte Schaden war mit 38 Millionen Gulden (das entspräche heutzutage umgerechnet etwa 400 Millionen Euro) für damalige Verhältnisse schier unvorstellbar. Doch so historisch und irreal die skurrile Geschichte aus scheinbar längst vergangenen Tagen auch erscheint – wer das schlanke (160 Seiten) und nett geschriebene Büchlein liest, ahnt: Solange der Mensch nach Geld giert, haben die Betrüger leichtes Spiel.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.