Dienstag, 21.03.2017
Haus des billigen Geldes: Die expansive Geldpolitik der EZB drückt auf die kurzfristigen Zinsen. Langfristig geht es etwas bergauf.

Foto: lanwarz/Thinkstock/Getty Images

Haus des billigen Geldes: Die expansive Geldpolitik der EZB drückt auf die kurzfristigen Zinsen. Langfristig geht es etwas bergauf.

Finanzierung
Ende des billigen Geldes

Wie Sie sich die noch niedrigen Zinsen sichern können

Noch sind die Zinsen relativ niedrig. Langfristig werden sie aber wieder steigen. Mittelständler sollten sich die derzeit noch günstigen Finanzierungskonditionen sichern.

Tabletten verpacken, Pulver dosieren, Kapseln zählen und Tuben befüllen – der Karlsruher Mittelständler Romaco hat sich zu einem Komplettanbieter für Verpackungsmaschinen und Prozessanlagen der Pharmaindustrie entwickelt. Drei Übernahmen waren dafür notwendig, der Umsatz kletterte von knapp 100 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 134,3 Millionen anno 2016. Doch der Wachstumshunger von Romaco ist noch nicht gestillt: „Wir wollen weiter investieren, um aus eigener Kraft oder auch mit Zukäufen zu wachsen“, sagt Carsten Strenger, der als Geschäftsführer für die Finanzen und das operative Geschäft des Mittelständlers zuständig ist.

Das dafür notwendige frische Kapital haben sich die Karlsruher kürzlich besorgt: Im vergangenen Herbst schloss CFO Strenger eine neue Finanzierung über 52,5 Millionen Euro ab. „Wegen der historisch niedrigen Zinsen haben wir früher als ursprünglich geplant Gespräche mit unserem regionalen Sparkassenkonsortium aufgenommen“, sagt der Finanzchef. Mit dem nun geschnürten Paket, das neben einem langlaufenden Darlehen auch eine Betriebsmittel- und eine Exportfinanzierungslinie sowie Genussscheinkapital umfasst, hat Romaco nicht nur einen Mitte dieses Jahres fälligen Kredit vorzeitig refinanziert, sondern auch seinen Finanzierungsbedarf voraussichtlich bis 2022 gedeckt.

Trump lässt Zinsen steigen

Die letzte offene Flanke – das Zinsrisiko – hat der Engineering-Spezialist gerade geschlossen: Mitte Februar hat der CFO die variabel verzinsten Tranchen des Pakets mit einem Derivategeschäft gesichert. „Wir wollten möglichst schnell ein Sicherungsgeschäft abschließen, um vor einem möglichen Zinsanstieg geschützt zu sein“, berichtet Strenger.

Den idealen Zeitpunkt, sich die Niedrigstzinsen langfristig zu sichern, hat Romaco dennoch verpasst. Denn seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November steigen in den USA die Zinsen. Die Rendite für fünfjährige amerikanische Staatsanleihen kletterte nach der Wahl auf über 2 Prozent und ist seither nur leicht gefallen. Trump hat ein gigantisches Konjunkturprogramm angekündigt, das nicht nur steigende öffentliche Schulden, sondern auch höhere Löhne und Inflation erwarten lässt. Die amerikanische Notenbank Fed hat daraufhin ihren Leitzins auf 0,5 bis 0,75 Prozent erhöht. Für dieses Jahr sind drei weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt.

Der Trump-Effekt macht sich auch auf dieser Seite des Atlantiks bemerkbar, wenn das Bild auch differenzierter ist: „Bei allen Bankkrediten, auch beispielsweise einer Working-Capital-Finanzierung, können Mittelständler weiter sehr gute Konditionen erzielen“, sagt Martin Keller, Leiter Product Management bei der Commerzbank. Grund dafür ist die weiterhin ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die vor allem auf die kurzfristigen Zinsen drückt. Erst im Dezember hat Chef-Notenbanker Mario Draghi das Anleihekaufprogramm um neun Monate bis Ende 2017 verlängert – wenn auch mit etwas gedrosseltem Volumen. Wichtige Referenzzinssätze wie der Drei-Monats-Euribor, der auch für variabel verzinste Darlehen von Mittelständlern herangezogen wird, notieren inzwischen seit zwei Jahren deutlich im negativen Bereich. Eine Rückkehr ins Positive scheint vorerst nicht in Sicht.

Planungssicherheit erreichen

Die langfristigen Euro-Zinsen sind dagegen seit ihrem vorläufigen Tiefpunkt im September gestiegen – und sie dürften so schnell nicht wieder sinken, meint Rocco Siciliano, der für die Hypovereinsbank Mittelständler beim Zins- und Devisenmanagement berät. Er glaubt: „Die Finanzierungskosten für langlaufende Kredite werden steigen.“ Wer also heute schon wisse, dass sein Unternehme in einem Jahr ein neues Werk bauen werde oder andere Investitionen für die Zukunft anpeile, für die er Fremdkapital benötige, sollte sich die Gelder jetzt sichern, sind sich die Experten einig. „Die Unsicherheit und die Volatilität an den Märkten sind hoch“, sagt Commerzbanker Keller. „Da ist Planungssicherheit besonders wichtig.“

Diese Planungssicherheit können Mittelständler auf zwei Arten erreichen: Entweder sie schließen noch rasch eine langlaufende Finanzierung ab, oder sie sichern sich mit Derivategeschäften heute die Konditionen für in Zukunft aufzunehmende Darlehen. Banker bezeichnen das als Pre-Hedging.

Der Automobilzulieferer Hgears hat sich – ebenso wie der Verpackungsspezialist Romaco – für die erste Variante entschieden: Im Frühjahr 2016 hat der Hersteller von Präzisionsdrehteilen, Komponenten sowie Getrieben einen neuen Konsortialkredit über 33 Millionen Euro mit der Hypovereinsbank und der BHF-Bank abgeschlossen: „Wir wollen in den kommenden 36 Monaten mehr als 10 Millionen Euro in den Ausbau der Elektromobilität investieren“, sagt CFO Patrick Heimpold. Für dieses Investment sowie zur Ablösung bestehender Darlehen bei Banken und Gesellschaftern benötigt Hgears das Geld.

Die genauen Konditionen der Finanzierung will Heimpold nicht verraten. Klar war aber von Anfang an, dass sich der Mittelständler mit Firmensitz in Schramberg im Schwarzwald mit den langfristigen, variabel verzinsten Fazilitäten gegen die Zinsänderungsrisiken während der Laufzeit absichern wird: „Um Planungssicherheit zu erreichen, machen wir das unabhängig vom aktuellen Zinsumfeld und von der Erwartung, wie sich die Zinsen entwickeln könnten“, sagt der Finanzchef.

Derivategeschäft hat Vor- und Nachteile

Mittelständler können zwar grundsätzlich auch fix verzinste Darlehen abschließen. Dann entsteht das Zinsrisiko erst gar nicht, und die Unternehmen können sich gegebenenfalls die Kosten für das Derivategeschäft sparen. Doch die Variante hat auch Nachteile, weiß HVB-Banker Siciliano: „Bei fix verzinsten Darlehen müssen Unternehmen eine Vorfälligkeitsentschädigung zahlen, wenn sie den Kredit vorzeitig kündigen.“ Die Gründe für eine frühere Rückzahlung können vielfältig sein: Das Unternehmen kann schneller tilgen als erwartet, oder es will frühzeitig refinanzieren, weil das Zinsumfeld besser geworden ist. Bei Firmen in Private-Equity-Besitz, wie es sowohl Romaco als auch Hgears sind, kommt die Unsicherheit eines Verkaufs hinzu: Der neue Eigentümer bürdet dem Mittelständler eine neue Finanzierung auf. Deshalb weichen viele Finanzchefs auf das Derivat aus, mit dem sie flexibler sind.

Hgears-CFO Heimpold hat einen sogenannten Zins-Swap gewählt, mit dem die variable in eine fixe Verzinsung getauscht wird: Das Unternehmen zahlt einen festen Zinssatz an die Bank und erhält im Gegenzug eine variable Verzinsung zurück. Da das Unternehmen für den Kredit einen variablen Zins an die Bank abführen muss, gleichen sich diese Zahlungen aus. Der Swap ist das am häufigsten eingesetzte Instrument zur Zinsabsicherung im Mittelstand. Mit dem Abschluss im Sommer 2016 hat Hgears einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Der Markt ging damals von weiter fallenden Zinsen aus, was sich auch in den Hedging-Konditionen widerspiegelt: „Insgesamt sparen wir durch die Refinanzierung Zinskosten in Höhe von etwa 300.000 Euro pro Jahr“, sagt Heimpold.

Zeitpunkt zur Sicherung ist – noch – sehr gut

Unternehmen, die heute schon wissen, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft Fremdkapital benötigen, können mit Variante zwei arbeiten, um Planungssicherheit zu schaffen: heute schon Zinskonditionen für die Zukunft einloggen. „In dem Fall beginnt die Zinssicherung beispielsweise erst in einem oder zwei Jahren, wenn der Kredit abgeschlossen werden soll“, erklärt HVB-Banker Siciliano.

Unter normalen Marktgegebenheiten gilt: Je weiter die Zinssicherung in der Zukunft liegt und je länger sie läuft, umso teurer wird es. Hinzu kommt: Für solide und große Mittelständler ist sie preiswerter als für kleine Firmen mit schwächerer Kreditwürdigkeit. Im historischen Vergleich sind die Prämien derzeit gering, der Zeitpunkt zur Sicherung also – noch – sehr gut: „Wenn sich die Erwartung im Markt durchsetzt, dass die Zinswende kommt, dann wird sich das aber schnell ändern“, sagt Siciliano.

Eine Entscheidung kann einem aber weder die beste Bank noch der beste Berater abnehmen: Letztlich muss sich jeder Mittelständler selbst seine Zinsmeinung bilden. Denn der Abschluss eines solchen Geschäfts lohnt sich nur, wenn die Zinsen tatsächlich steigen. Fallen sie hingegen weiter oder bleiben gleich, wird die Sicherung teurer. Außerdem muss das Unternehmen zumindest in etwa wissen, wie hoch der Finanzierungsbedarf ist und wann er mutmaßlich anfällt. Sonst hat es ein Zinsderivat ohne Bezug zum operativen Geschäft abgeschlossen – und solche Zinswetten sollten Mittelständler vermeiden.

Aus diesen Gründen ist Pre-Hedging deshalb weder bei Hgears noch bei Romaco ein Thema. Beide Unternehmen wollen zwar wachsen, jedoch: „Wir können heute nicht planen, ob sich noch einmal die Chance für einen Zukauf ergibt und wir weiteres Kapital aufnehmen müssen“, sagt Romaco-Finanzchef Strenger. Mit der kürzlich geschlossenen Finanzierung fühlt er sich deshalb gut gewappnet für die Zukunft – auch dank der Zinssicherung, die jetzt in trockenen Tüchern ist.

Info

Zinsrisiken vorbeugen - so geht's

  • Analyse: Welche Investitionen sind in welchen Währungsräumen geplant? Wie viel kann aus dem Cashflow gezahlt werden, wie viel Finanzierungsbedarf entsteht?
  • Simulation: Welchen Einfluss hat eine Veränderung der Zins- und Währungslandschaft auf die Rentabilität der Investition? Liegen die zur Beurteilung notwendigen Daten vor, und gibt es ein geeignetes Planungstool?
  • Entscheidung: Lohnt sich die avisierte Wachstumsstrategie unter diesen Bedingungen?
  • Umsetzung: Wie viel Planungssicherheit ist notwendig? Wie hoch ist die Risikotragfähigkeit der Firma, und was bedeutet dies für die Wahl eines Sicherungsinstruments?
  • Controlling: Wie wirksam ist die Zinssicherung? Muss das Sicherungsgeschäft angepasst werden, etwa bei Volumen oder Laufzeit? Stimmen vorher getroffene Annahmen?