Zwei Generationen, ein Auftrag: Mit KI gegen den Wissensverlust
| Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist Friedrich Steininger von DE software & control | Lesezeit: 3 Min.
Wenn Erfahrung und digitale Fähigkeiten zusammenkommen: Wie KI Erfahrungswissen sichert, Fachkräftemangel abfedert und den Mittelstand digital wettbewerbsfähig macht.
29.01.2026 Von Friedrich Steininger, Geschäftsführer der DE software & control
Der neue Engpass im Mittelstand heißt nicht Personal, sondern digitale Kompetenz. Gleichzeitig sitzt das wertvollste Wissen in den Köpfen jener Mitarbeitenden, die bald in Rente gehen. Ein KI-gestützter Ansatz stellt sicher, dass dieses Know-how erhalten bleibt – und dass Teams die nötigen Fähigkeiten für eine technologiegetriebene Zukunft aufbauen. Damit wird Wissenstransfer zum strategischen Faktor gegen Fachkräftemangel und digitale Rückstände.
Während 2024/2025 die politische Debatte um das Rentenpaket II und längeres Arbeiten die Schlagzeilen dominiert, stehen mittelständische Unternehmen vor einer historischen Herausforderung: Bis 2039 werden voraussichtlich rund ein Drittel der heutigen Erwerbstätigen das Rentenalter erreichen. Damit verlieren Betriebe nicht nur qualifizierte Arbeitskräfte, sondern vor allem jahrzehntelang gewachsenes Erfahrungswissen. Besonders betroffen sind Branchen, in denen Routine, handwerkliche Intuition und erprobte Problemlösungen den Unterschied zwischen stabilen und fehleranfälligen Prozessen ausmachen.
Gleichzeitig stehen die jüngeren Generationen bereit – digital versiert, lernbereit und mit neuen Erwartungen an Arbeitsweisen und Führung. Das Nebeneinander der Generationen bietet jedoch nicht nur Chancen, sondern auch Reibungspunkte: unterschiedliche Werte, Kommunikationsstile und Arbeitsauffassungen erschweren den Wissenstransfer. Hier liegt die Chance für den Mittelstand: Unternehmen können aus dem drohenden Wissensverlust strategische Vorteile machen.
Fachkräftemangel und digitale Kompetenz als Engpass
Der Fachkräftemangel ist somit längst nicht mehr nur ein demografisches Problem. Während die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, rückt zunehmend weniger die reine Anzahl fehlender Arbeitskräfte in den Fokus, sondern vor allem die Qualität der Kompetenzen, die Betriebe heute benötigen. Aktuelle Daten aus dem PwC „AI Jobs Barometer 2025“ verdeutlichen diesen Trend: Beschäftigte mit KI-Kompetenzen verdienen im Schnitt 56 % mehr als Kollegen ohne entsprechende Fähigkeiten. Gleichzeitig verändern sich die Qualifikationsprofile in KI-exponierten Berufen zweieinhalbmal schneller als in klassischen Tätigkeiten – und das selbst in Branchen wie Handwerk, Produktion oder technischem Service. Immer mehr Unternehmen stellen daher zunehmend nach Fähigkeiten statt nach Abschlüssen ein.
Für den Mittelstand bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: Engpässe entstehen nicht mehr nur durch zu wenig Personal, sondern vor allem durch fehlendes digitales Know-how, um neue Technologien produktiv zu nutzen. Zugleich wächst der Druck im Tagesgeschäft: Personalengpässe führen zu Mehrarbeit, Verzögerungen und sinkender Wettbewerbsfähigkeit – ein Teufelskreis, den viele Unternehmen bereits deutlich spüren.
BoomerZ: Praxiswissen trifft digitale Kompetenz
Diese Entwicklung hat auch Friedrich Steininger wahrgenommen. Als Geschäftsführer der DE software & control GmbH, die auf Softwarelösungen für die Produktion und KI-gestützte Shopfloor-Systeme spezialisiert ist, beobachtet er seit Jahren, wie viel wertvolles Wissen durch das Ausscheiden von Fachkräften verloren geht – und gleichzeitig, wie die junge Generation mit digitalen Tools umgehen möchte. „Wir können den demografischen Wandel nicht stoppen“, sagt Steininger, „aber wir können verhindern, dass Wissen verschwindet und Mitarbeitende den Anschluss an KI verlieren.“
Deshalb hat Steininger das Projekt BoomerZ ins Leben gerufen. Es verbindet zwei Generationen im Arbeitsalltag: Junge Mitarbeitende dokumentieren mithilfe von KI die Erfahrungen ihrer älteren Kollegen. Ein Auszubildender kann beispielsweise einen erfahrenen Industriemeister bei einer komplexen Rüsttätigkeit filmen. Die KI wandelt das Material anschließend in ein editierbares Dokument um, das Videosequenzen, Erklärtexte und Handlungsschritte enthält – ein digitales Lehrbuch aus gelebter Praxis. Auf diese Weise werden Arbeitsabläufe, Problemlösungen und Tipps nicht nur dokumentiert, sondern KI-gestützt in strukturierte Anleitungen, Checklisten oder Tutorials überführt. So bleibt Wissen dauerhaft erhalten, neue Mitarbeitende können schneller eingearbeitet werden und die Jüngeren lernen gleichzeitig, KI produktiv einzusetzen.
Generationenübergreifender Austausch statt Konflikt
Neben der technologischen Komponente wirkt das Projekt auch sozial: Statt den oft zitierten Generationenkonflikt zu verschärfen, schafft BoomerZ natürliche Begegnungen im Arbeitsalltag. „Wir reden zu oft über Generationen und zu selten miteinander“, sagt Steininger. „Wenn beide Seiten gemeinsam etwas schaffen, lösen sich Vorurteile von selbst.“ So erkennen die Älteren, dass ihre Erfahrung geschätzt wird und verlieren die Scheu vor neuen Technologien. Die Jüngeren erleben, dass ihre digitalen Fähigkeiten echten Mehrwert bringen. So entsteht ein pragmatischer Wissenstransfer, der beiden Generationen nutzt – ohne aufwendige Workshops oder künstliche Trainingsrunden.
KI braucht Praxiswissen
KI-Systeme funktionieren nur, wenn sie auf qualitativ hochwertige Daten zugreifen können. „Ohne die Expertise der Älteren bleibt KI graue Theorie“, sagt Steininger. Wenn Erfahrungswissen digitalisiert und strukturiert wird, schafft dies die Grundlage, KI-Anwendungen im Mittelstand effizient und praxisnah einzusetzen. Gleichzeitig bleibt das Wissen der Mitarbeitenden nutzbar, selbst wenn diese in Rente gehen. So entsteht ein Werkzeug, das Erfahrungswissen sichert, digitale Kompetenzen fördert und die Grundlage für KI-Anwendungen schafft – ohne zusätzliche Belastung für Mitarbeitende. „Der Mittelstand muss nicht bei der Technologie anfangen“, fasst Steininger zusammen. „Er kann bei seinen eigenen Leuten anfangen.“
Wirtschaftliche und politische Relevanz
Unternehmen, die diesen Weg gehen, profitieren direkt von klaren internen Vorteilen:
- kürzere Einarbeitungszeiten für neue Mitarbeitende
- geringere Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen
- höhere Prozesssicherheit
- bessere Nutzung digitaler und KI-gestützter Technologien
Gleichzeitig wirkt sich diese Vorgehensweise indirekt auf die gesamtwirtschaftliche Stabilität aus: Fachkräfte werden effizienter eingesetzt, Know-how bleibt erhalten, und die technologische Modernisierung des Mittelstands wird beschleunigt. Gerade im Kontext des Rentenpaket II und der Debatte über längeres Arbeiten zeigt sich: Strategien wie BoomerZ leisten einen Beitrag, um Engpässe abzufedern und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern.
Fazit: Zukunft durch Zusammenarbeit
Der demografische Wandel stellt Unternehmen vor tiefgreifende Herausforderungen – gleichzeitig bietet er eine historische Chance: die Verbindung der Stärken zweier Generationen. Werden die Erfahrungen der Älteren mit der digitalen Kompetenz der Jüngeren verknüpft, entsteht ein wertvoller Wissensspeicher. Er ermöglicht stabile Betriebe, entlastete Teams, schnellere Einarbeitung und eine belastbare Grundlage für KI-gestützte Prozesse. Dabei ist die wichtigste Erkenntnis: Nicht das Alter entscheidet über Zukunftsfähigkeit, sondern die Fähigkeit, voneinander zu lernen. Unternehmen, die dies frühzeitig umsetzen, machen den Mittelstand widerstandsfähiger, innovativer und zukunftssicher – praxisnah, bezahlbar und strategisch relevant.
Der Autor
Friedrich Steininger, Geschäftsführer der DE software & control, hat die Initiative BoomerZ ins Leben gerufen, um Erfahrungstransfer und digitale Kompetenz im Mittelstand zu verbinden und Wissen nachhaltig zu sichern.
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