Freitag, 20.12.2013
In der Automobilindustrie verdienen Frauen 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Röhm GmbH

In der Automobilindustrie verdienen Frauen 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Gehalt
Ungleiche Vergütung

Entgeltlücke: Mittelständler bezahlen Frauen schlechter

In mittelständischen Unternehmen verdienen Frauen weniger als in Großkonzernen. Das Baugewerbe gehört zu den Branchen mit der größten Entgeltlücke.

In mittelständischen Unternehmen verdienen Frauen durchschnittlich acht Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das ist ein Ergebnis der Analyse „Entgeltlücke 2013 Deutschland“ der Compensation-Online Services GmbH. Das Unternehmen vergleicht die Gehälter in unterschiedlichen Branchen. In größeren Firmen liege der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen, auch genannt Entgeltlücke oder ‚Gender Pay-Gap‘, bei nur 4,5 Prozent. Beide Prozentangaben sind bereinigte Werte – sie berücksichtigen sowohl die Qualifikation als auch die Tätigkeit der jeweiligen Arbeitnehmer.

Personalabteilung ab 50 Mitarbeitern sinnvoll

„Unsere Zahlen zeigen, dass mit zunehmender Professionalität in der Personalarbeit, was in der Regel ab 150 Mitarbeitern der Fall ist, die Bezahlung von Männern und Frauen fairer gestaltet ist“, kommentierte Tim Böger, Geschäftsführer von Compensation-Online die Ergebnisse. Professionell sei die Personalarbeit, wenn ein Unternehmen über einen Personalleiter oder eine Personalabteilung verfügt, die sich um die Gestaltung der Gehälter der Mitarbeiter kümmern. Warum es diese Strukturen nicht im kleinen oder mittelständischen Unternehmen gibt, ist für Geschäftsführer Böger klar: „Haben Sie drei Mitarbeiter, können Sie die gesamte Personalarbeit, die sich im Wesentlichen auf die Lohnbuchhaltung beschränkt, [als Arbeitgeber] locker erledigen.“ Hinzu komme: „Sie kennen alle Mitarbeiter persönlich und wissen genau wie sie ticken und was sie brauchen, damit sie zufrieden sind“, erklärte Böger. Auch bei einem Betrieb mit 50 Mitarbeitern sei dies der Fall. Lediglich einige Beurteilungskriterien zur Gestaltung der Gehälter müssten formuliert werden.  Erst ab 50 bis 100 Mitarbeitern sei je nach Art des Unternehmens eine Personalabteilung unverzichtbar.
Ein Vergütungssystem, etwa in Form eines Tarifvertrags, gebe es aufgrund fehlender zeitlicher und fachlicher Kapazitäten nur in Unternehmen mit einer eigenen Personalabteilung. Die Verwaltung und Gestaltung sei ansonsten zu aufwendig.
Die Entgeltlücke ist nach Böger in kleineren Unternehmen nicht so präsent wie in größeren Firmen, da die Zahl vergleichbarer Tätigkeiten im Unternehmen geringer ist und Statistiken nicht in einer zu Großunternehmen vergleichbaren Form erhoben werden können.

Entgeltlücke: Große Unterschiede zwischen Branchen

Starke Unterschiede gibt es laut den Ergebnissen von Compensation-Online zwischen verschiedenen Berufsbranchen mittelständischer Unternehmen. Während die unbereinigte Entgeltlücke im Gesundheitswesen und im Einzelhandel 23 beziehungsweise 21 Prozent beträgt, verdienen Frauen im Bereich Logistik, Transport und Verkehr nur einen Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Im Branchenschnitt liegt die unbereinigte Entgeltlücke in Deutschland 2012 laut statistischem Bundesamt bei 22 Prozent. In den Chefetagen deutscher Unternehmen sind es 30 Prozent.  
Branchen mit einer hohen Entgeltlücke sind neben Gesundheitswesen und Einzelhandel das Baugewerbe und die Elektrotechnik. Frauen verdienen im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer. In der Automobilindustrie beträgt die Entgeltlücke rund 15 Prozent. In der Textilindustrie ist der geschlechtsspezifische Gehaltsunterschied geringer. Frauen bekommen in diesen Branchen durchschnittlich 9 Prozent weniger Gehalt. In der Metallindustrie sind es 6 Prozent.

„Top Jobs“ noch immer in Männerhand

Wie kommt es zu diesen starken Differenzen? Böger führt sie auf die unterschiedlichen Beschäftigungsstrukturen der Branchen zurück. In der ermittelten unbereinigten Entgeltlücke zum Branchenvergleich sind diese nicht berücksichtigt. „Im Gesundheitswesen gibt es zwar auch eine Menge Ärztinnen, aber die Ärztinnen haben ein deutlich geringeres Gewicht, weil Mütter in Bereichen mit hohen Belastungen zurückstecken müssen und hier die Männer einen Gehaltsvorteil erzielen“, sagte Böger. Hinzu komme, dass im Pflegebereich deutlich mehr Frauen beschäftigt seien und dies den Durchschnittslohn der Frauen weiter senke. Im Verkehr ist es laut Böger anders herum. „Dort sind die niedrig entlohnten Tätigkeiten fast ausschließlich von Männern besetzt“, sagte er und verwies auf Tätigkeiten wie Berufskraftfahrer oder Lagerarbeiter. Die Frauen säßen in der Verwaltung. „Dort sind die Gehälter vielleicht nicht viel höher, aber der gemessene Unterschied zwischen männlich und weiblich verschwindet fast.“
In den „Top-Jobs“ säßen immer noch die Männer, sagte Böger. „In der Rechtsberatung ist der Chef der Mann, die Frau ist die Rechtsanwaltsfachgehilfin.“ Gleiches gelte für die Unternehmensberatung.

Alter und Ausbildungsgrad beeinflussen Entgeltlücke

Die Größe der Entgeltlücke nimmt mit zunehmendem Alter und höherer Ausbildung von Frauen zu. Die Berechnungen des statistischen Bundesamtes zeigen: Die unbereinigte Entgeltlücke liegt für Arbeitnehmerinnen zwischen 45 und 64 Jahren bei 26 bis 28 Prozent. Für Frauen unter 25 Jahren liegt sie dagegen nur bei zwei Prozent, für berufstätige Frauen zwischen 25 und 29 Jahren bei neun Prozent. Im sehr hohen Berufstätigenalter ab 65 Jahren sinkt die Entgeltlücke auf 20 Prozent (Stand: 2010).
Haben Frauen einen Hauptschulabschluss verdienen sie laut statistischem Bundesamt 19 Prozent weniger als Männer. 28 Prozent sind es mit einem Fachhochschulabschluss und 24 Prozent mit einem Hochschulabschluss oder Abitur (Stand: 2010). Vergleichbar mit den Berechnungen zur Abhängigkeit der Entgeltlücke vom Alter sind auch diese Werte – ausgenommen des Qualifikationsaspekts – unbereinigt.

Komplizierte Lebensläufe provozieren Gehaltsunterschiede

Ein Grund für die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern sind Erwerbsunterbrechungen im Laufe des Arbeitslebens. Auch unterschiedliche Arten von Beschäftigungen, wie Teilzeit oder Zeitarbeit, können für ungleiche Vergütungen sorgen. Sie machen die Einschätzung von Qualifikation und Erfahrung weiblicher Bewerberinnen für den Personalchef schwerer und provozieren eine niedrigere Gehaltseinstufung.
Eine stärkere Angleichung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit und die der Lebensarbeitszeit von Frauen soll laut Bundesfamilienministerium die Entgeltlücke verringern. Das Gleiche gilt für Aktionsprogramme wie „Perspektive Wiedereinstieg“ in Deutschland oder „Equality pays off“ auf EU-Ebene.
Im EU-Ländervergleich ist die unbereinigte Entgeltlücke nur in Österreich größer als in Deutschland. Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes lag sie 2011 bei 23,7 Prozent (Deutschland: 22 Prozent). Die geringste Gehaltsdifferenz zwischen Männern und Frauen gibt es in Slowenien: Frauen verdienen nur 2,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (Stand: 2011).

 

 

Info

In der Studie „Entgeltlücke Deutschland 2013“ gelten als mittelständiges Unternehmen Firmen mit durchschnittlich 110 Mitarbeitern. 125 000 solcher Betriebe wurden untersucht. Die Gesamtheit der untersuchten größeren Unternehmen mit durchschnittlich 2500 Mitarbeitern war mit 93 untersuchten Unternehmen deutlich geringer.
Compensation-Online ist ein Teilunternehmen der PersonalMarkt Services GmbH. Nach eigenen Angaben stellt sie die größte Datenbank für den Vergleich von Gehältern. Die Datensätze der Firma differenzieren zwischen unterschiedlichen Berufsbranchen sowie Unternehmensgrößen.