Montag, 17.09.2012
Einkauf

Global Sourcing wird lokaler

Der Einkauf schwenkt um beim Global Sourcing. Einkauf, Produktion und Vertrieb finden sich in einem Boot wieder: Lokale Zentren ersetzen das globale Sourcing.

Puma beschäftigt in Deutschland keinen Einkäufer mehr. Der Einkauf findet in Hong Kong statt. In der Unternehmenszentrale in Herzogenaurach arbeiten nur noch Strategen. Global Sourcing entwickelt sich über breite Sparten hinweg zu einer lokalen Beschaffung auf  internationalen Märkten. Nationale kleine Einheiten im Ausland lösen das Konzept des weltweiten Einkaufs und der globalen Weiterverarbeitung an vielen anderen Produktions- und Vertriebsstätten weltweit ab. Dort, wo vor Ort Produktion oder Vertrieb stattfinden, wird auch eingekauft: also „Local Sourcing for Local Sales“. 
„Von dem Konzept der Definition pauschaler „Low-Cost-Country-Quoten“ haben wir uns ganz verabschiedet, sondern fokussieren uns auf eine ganzheitliche Kostenbetrachtung bei der Beschaffung“, erklärt Mitja Schulz, verantwortlich für das Lieferantenmanagement des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen. Nach solchen Low-Cost-Country- Quoten organisieren noch viele Betriebe ihren Einkauf. Wenn beispielsweise Gussteile aktuell in der Türkei am günstigsten sind, wird beim Global Sourcing entsprechend eine Quote festgelegt, wonach 70 Prozent aller Gussteile im Einkauf aus der Türkei kommen sollten.
Die Kostenkalkulationen des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen setzen mittlerweile auf Total Cost of Ownership. Aus dieser Strategie heraus werden alle Kosten des Teils mit einbezogen, darunter Logistik-, Reise-, Abstimmungskosten oder Ausgaben für IT. Die ursprünglichen Lohn- und Stückkostenvorteile bilden nur die Basis des Kostengerüsts im Global Sourcing. Daher entfallen auch die bloßen Stückkosten eines Produkts als Entscheidungsgrundlage für den Einkauf.

Neue Gewichtung im Einkauf

Auch eine Länderstrategie fährt das Unternehmen nicht mehr. „Local for local“ ist zum Kernpunkt des Global Sourcing bei ZF Friedrichshafen geworden. „Wenn wir in Indien produzieren, sourcen wir auch in Indien“, erklärt Schulz. Gleiches gilt in Einkauf und Beschaffung mittlerweile auch in der Sportartikelbranche. Alle acht Minuten eröffnet Adidas in China einen Shop. Gesourct wird direkt vor Ort. Die Materialien werden dort gekauft, wo sie weiter verarbeitet werden. Für Sportartikel gilt: Die Märkte in Europa und den USA sind gesättigt.
„Die Gewichte haben sich im Global Sourcing verschoben“, stellt auch Steffen Eschinger aus seiner täglichen Praxis fest. Das Geschäft findet dort statt, wo gesourct wird. Der Geschäftsführer von Eschinger Consulting  sieht auch die Eurokrise als auslösendes Merkmal. „Die europäischen Absatzmärkte brechen ein; in den USA und Europa wird weniger eingekauft.“ Gerade der Maschinenbau würde seinen Umsatz nach Südamerika, Asien und die Anrainer-Staaten verschieben.

China bedeutet Kontaktpflege beim Global Sourcing

Der Schwenk bei den größeren Unternehmen hin zu einer ganzheitlichen Kostenbetrachtung und einem global-lokalen Ansatz im Global Sourcing ist auch im Mittelstand zu finden.  „Local for local“ in der Beschaffung ist besser zu managen. Seit sechs Jahren ist Heyer Medical Limited mit einer Niederlassung in China vertreten. Von den 50 Mitarbeitern des Unternehmens sind 12 in China ansässig, darunter auch Volker Müller, der die chinesische Niederlassung leitet. Der Einkauf des Unternehmens bezieht einfache Anästhesie-Geräte und einzelne Komponenten aus China.  „Wir arbeiten mit chinesischen Partnerfirmen zusammen“, erklärt Müller. China gilt nach wie vor als ein „pflegeintensiver“ Beschaffungsmarkt. Das ist für Heyer Medical kein Problem, da Müller selbst auch fließend chinesisch spricht und seit über 20 Jahren dort lebt. Die Pflege der persönlichen Beziehungen ist essenziell für eine gute Lieferantenbeziehung in China. Diese kann dann allerdings auch so weit gehen, dass manche Mittelständler sogar auf das Aufsetzen von Verträgen verzichten und Geschäfte im Einkauf per Handschlag in China regeln.
Davon rät Müller allerdings dringend ab. China sei extrem schnelllebig und das Wirtschaftsleben permanent im Wandel begriffen: „Eine Firma mag aufgekauft werden, oder der Mitarbeiter, mit dem Sie gute Beziehungen haben, verlässt auf einmal die Partnerfirma – und dann ist die mündliche Absprache nichts mehr wert. Das ist im Einkauf leider tägliches Geschäft.“

Nicht zu blauäugig im Einkauf sourcen

Oftmals regiert aber auch ganz simpel Kommissar Zufall bei der Auswahl im Global Sourcing. Sobald die Chemie stimmt, wird schnell der Kontakt zum ausländischen Zulieferer aufgebaut. Dabei kann der Mangel an Systematisierung im Einkauf böse enden. Ein mittelständischer Maschinenbauer hat sich nach dem Besuch einer internationalen Messe für den Aufbau einer Lieferantenbeziehung zu einem chinesischen Unternehmen entschieden. Unmittelbar nach dem Kennenlernen wurden bereits Zeichnungen mit kritischen Teilen zugeschickt. Doch nachdem der deutsche Mittelständler seine eigenen Teile auf einer internationalen Messe wiederfand, brach er die Beziehung ab. Zu schnell, zu blauäugig war er vorgegangen. „Die Markt- und Beschaffungsmöglichkeiten, vor denen ein Mittelständler steht, sind extrem heterogen“, warnt Professor Bogaschewsky von der Uni Würzburg.
Eine gute Faustregel ist aber auch, dass die unmittelbare Preisersparnis in der Beschaffung dennoch noch eine große Rolle spielt. „Das Einsparpotenzial im Einkauf sollte in Asien mindestens 20 Prozent betragen“, erklärt Marc Kloepfel von dem Beratungsunternehmen Kloepfel Consulting. Er schätzt die Wechselkurse als volatil ein, in Südeuropa hält der Berater ein Einsparvolumen von 10 Prozent für ausreichend, um sich mit dieser Region als Beschaffungsmarkt im Global Sourcing zu befassen. Noch weiter fasst Professor Bogaschewsky vom Lehrstuhl BWL und Industriebetriebslehre das benötigte Einsparvolumen. Er hält 35 bis 40 Prozent Einstandskostenvorteile im Einkauf für notwendig, bevor ein Global Sourcing in Frage kommt. Schließlich spielt der Preis auch noch eine Rolle, wenn sich global die Gewichte wieder verschieben sollten.

Öffentliche Programme stützen portugiesische LieferantenPortugal schaut nach Deutschland, um im Zuge der Eurokrise neue Absatzkanäle zu erschließen. 37 Exporteure sind im September auf einer Roadshow hier unterwegs. Öffentliche Mittelstandsprogramme unterstützen die Exporteure.
Bildquelle: Rolf Handke / Pixelio.deMöbel und Mode aus ItalienDie Kreditklemme lastet auf der italienischen Wirtschaft. Stark ist das Land bei Mode, Möbel, Lederwaren und Schuhen. Aus Norditalien beziehen auch viele Automobilzulieferer.
Bildquelle: I.Klockmann / Pixelio.deSlowenien rückt nach vornMehr Aufmerksamkeit erhält in jüngster Zeit Slowenien. Das kleine Land wird trotz der aktuellen Krise derzeit interessanter als Polen eingeschätzt. Positivfaktoren sind der Wegfall von Wechselkursrisiken und niedrige Lohnkosten.

Bildquelle: Oliver Weber / Pixelio.deTürkei verbessert sich stetigTürkei gilt auf der Beschaffungslandkarte aus Musterländle schlechthin. Einkäufer berichten besonders im Bereich Schmiede- und Gussteile über positive Erfahrungen. Allgemein gilt: hohe Qualitäten bei guten Kostenstrukturen.
Quelle: BME, Markt und Mittelstand
Bildquelle: Margot Wagner / bearb. Erich Westendarp / Pixelio.deDer Gigant ChinaAn China kommt kein Einkäufer vorbei. Beziehungspflege bleibt wichtigstes Thema für den Einkäufer. Risiko Nr. 1 ist die Entwicklung des Wechselkurses.
Bildquelle: Rainer Sturm / Pixelio.de
Info

Global Sourcing: Was ist wichtig?

  • Preise: Preiskalkulation unter Einbeziehung aller zuzüglichen Ausgaben für Reisen, Abstimmungen, Logistik,  IT-Systematik, Qualifizierung, Risikomanagement, Zölle, Steuern, Lieferzeiten, Wechselkursrisiken
  • Kontaktaufbau: keine Zusendung von sensiblen Teilen, Zeichnungen. Sensible Produkte können evtl. zerlegt und von mehreren Lieferanten bezogen werden.
  • Netzwerk: Der Einkäuferverband BME unterstützt beim Sourcing in China. Angeboten werden Lieferantenbesuche, -auditierung, Preisverhandlungen, Qualitätskontrolle
  • Qualität: Wie ist das Qualitätsniveau des ausländischen Zulieferers? Oftmals braucht es mehrere Lieferungen bis ein Teil den Anforderungen entspricht.

  • Internationale Sourcing Fair Shanghai: Über 6.000 chinesische Lieferanten aus 30 Provinzen besuchen die internationalen Einkäufer an deren Ständen.

Quellen: BME, Eschinger Consulting, Markt und Mittelstand