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Personal > Arbeitgebermarke / Interview

26.845 Bewerbungen auf 328 Jobs: Wie Strauss zur Talent-Magnet-Marke wurde

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 6 Min.

Wie Strauss mit starker Arbeitgebermarke, Campus-Kultur und Familienwerten jährlich zehntausende Bewerbungen gewinnt.

Zimmerer auf den Bergen
Saubere Arbeit: Auch Zimmerer in den Bergen machen in Arbeitskleidung von Strauss eine gute Figur. Inzwischen hat sich die Marke zum Lifestyle-Angebot entwickelt. (Foto: Strauss)

Steffen Strauss führt mit seinem Bruder Henning das Familienunternehmen Strauss in vierter Generation. Dem Händler ist es gelungen, klassische Berufsbekleidung in eine Lifestyle-Marke zu verwandeln, was auch auf die Arbeitgeberattraktivität einzahlt. Strauss erhält regelmäßig Auszeichnungen für Mitarbeiterzufriedenheit, auch für die Investitionen in den Standort, der als wegweisend für moderne Arbeitswelten im ländlichen Raum gilt. Im Verhältnis zur Gesamtgröße gibt es hierzulande kaum ein Unternehmen, das mehr Bewerbungen bekommt. 

 

das Gespräch führte Thorsten Giersch für Markt und MIttelstand

 

Ihr Hauptsitz in Biebergemünd, 45 Kilometer  östlich von Frankfurt im Spessart, kann es mit so manchem Silicon-Valley-Unternehmen aufnehmen. Warum haben Sie sich so viel Mühe gegeben? 

Das Umfeld, die Räumlichkeiten, der Arbeitsplatz selbst sind auch Ausdruck der Wertschätzung eines Unternehmens. Das ist ein Baustein von vielen anderen Aspekten. Wir wollten hier ein Campusgelände erschaffen, das sich gut in die Landschaft einfügt, mit einem großen Foyer, wo sich Mitarbeiter wie auf einem Marktplatz treffen. Der zentrale Treffpunkt ist unser Linas Café. 

Die 13 Meter breite spanische Treppe erinnert an Rom. 

Wir wollen, dass die Menschen sich disziplinär übergreifend quasi automatisch austauschen. Dazu haben wir mit der CI-Factory einen weiteren Baustein gesetzt, ein futuristisches Gebäude, das zugleich den Erfordernissen von Logistik und Lagerhaltung entspricht. Integriert sind auch eine Schuhfactory, eine Muster-Näherei und ein Textillabor. Jeden Raum in unseren Gebäuden sehen wir wie ein Wohn- und Arbeitszimmer – jeder soll sich hier wohlfühlen. Dadurch entsteht Kreativität und am Ende natürlich auch Leistungsfähigkeit. Zudem ist das ein Statement für unsere Gäste, seien es Kunden, Lieferanten oder Agenturen. Jeder, der zu uns kommt, spürt: Das ist Strauss, das ist Qualität, das ist Innovation, das ist Pioniergeist. 

Bewerberinnen und Bewerber wollen vermutlich direkt hierbleiben? 

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir so viele Bewerber bekommen wie noch nie. 2025 hatten wir einen Rekord mit mehr als 26.000 Bewerbungen. Mittlerweile bewerben sich Menschen aus aller Welt. Das freut uns und lässt uns diejenigen auswählen, die sowohl fachlich als auch menschlich bestens zu uns passen. 

Nach welchen Kriterien wählen Sie künftige Stausse aus? 

Neben der Fachlichkeit schauen wir vor allem auf den Menschen. Und das ist nicht so einfach, man kann ja nicht in den Kopf reinschauen, aber wir versuchen schon, unserem Gespür und unserer Menschenkenntnis zu vertrauen. Zum Teil auch mit Bauchgefühl. Es gibt neben dem persönlichen Gespräch auch immer einen intensiven Kennenlerntag. 

Was passiert da? 

Wir verbinden Kandidatinnen und Kandidaten mit den unmittelbaren Kollegen, mit denen sie später zusammenarbeiten würden. So können wir, aber auch die Bewerber, relativ sicher sein, worauf man sich einlässt. Wir sehen bei jeder Einstellung immer die Langfristperspektive. Entsprechend ist die Fluktuation auch gering. Viele sind 20, 30, 35 Jahre bei uns. In den vergangenen Jahren sind drei Mitarbeiter nach fast 50 Jahren bei Strauss in Rente gegangen. 

Die haben vermutlich den Kleiderschrank voll mit Ihren Produkten und sind weiter Marken­botschafter? 

Die Identifikation ist sehr deutlich zu spüren, was uns natürlich freut. Strauss ist ein Unternehmen, das eine Dienstleistung oder ein Produkt verkauft und obendrein ein Lebensgefühl. Es ist Familie. Wir sind ein familiengeführtes Unternehmen, man kommt gerne zu uns. Und das gilt unabhängig davon, in welchem Bereich oder an welchem Standort man arbeitet, welche Fachrichtung man hat oder welche Verantwortung man trägt. 

Wenn das so einfach wäre, würde es jeder machen. 

Unser Ziel ist immer, dass jeder mit einem Lächeln reinkommt, idealerweise abends auch mit einem Lächeln wieder geht und sich auf den nächsten Tag freut. Weil man sich nicht nur fachlich einbringen kann mit allen Fähigkeiten, die in einem stecken, sondern auch menschlich. Das geht nur, wenn man sich wohlfühlt und sich auch mit seinem Können einbringen darf. Das ist nicht in allen Unternehmen gegeben. Dazu passt unsere sehr menschenorientierte Führung. 

Ihre Kantine ist legendär. 

Das ist auch Bestandteil der Wertschätzung und der Qualitätsorientierung. Jeder Mensch sollte etwas Gutes essen, um sich wohlzufühlen. Und auch aus kaufmännischer Sicht ist das sinnvoll. Wer sich wohlfühlt, schafft mehr – ein Win-Win. 

Vieles davon klingt nach Google oder anderen Tech-Riesen. 

Von der Art und Weise sind wir wie ein Start-up. Wir haben weniger Hierarchiedenken. Auch Powerpoint-Präsentationen sind weniger an der Tagesordnung. Es passieren auch Pannen bei uns, aus denen wir lernen. Kurze Wege und schnelle Entscheidungen bringen uns vorwärts. 

Nun gut, aber ihr Geschäft läuft weltweit und ist komplex. 

Die Größe bringt manche Notwendigkeit mit sich. Unser Produktsortiment aus 46.000 Artikeln beziehen wir aktuell aus 28 Ländern. 2025 belieferten wir Kunden in 106 Ländern. 

In welchen Exportländern ist die meiste Musik? 

Unser Kernmarkt ist Europa. Hier wachsen wir beständig in immer neuen Märkten, etwa in Skandinavien. Zudem arbeiten wir an unserer globalen Markenpräsenz. Seit 2023 sind unsere Produkte auch in Nordamerika erhältlich. In Ohio eröffnen wir dieses Jahr unser US-Headquarter. Auch andere Himmelsrichtungen sind denkbar. 

Wenn man expandiert, muss man da die richtigen Beschäftigten vor Ort haben und auch betreuen. 

Wir präsentieren die im Ausland tätigen Mitarbeiter zum Beispiel in unserer Weihnachtsansprache. Vor allem aber haben wir eine Kommunikationsplattform, eine Mitarbeiter-App, auf die jeder zugreifen kann, sodass jeder gleichmäßig informiert wird, egal wo er arbeitet. Auch im Mobile Office. So können wir Umfragen durchführen, Videoposts platzieren und auch unser großes Gesundheitsangebot kommunizieren. 

Daran scheitert so manches Unternehmen. 

Das Konzept von Strauss Care ist besonders: Wir bieten zum Beispiel ein eigenes Ärzte-Netzwerk an mit Allgemeinmedizinern, Dermatologen, Kardiologen, Neurologen und Radiologen. 

Nun werden einige sagen: Firmen, bei denen es läuft, können sich all das leisten. 

Ja und nein. Wir sind aktuell in der glücklichen Lage, dass wir unseren wirtschaftlichen Erfolg mit weiteren Investitionen festigen können. Dazu gehört bei uns seit jeher auch das Schaffen eines attraktiven Arbeitsumfeldes. Mitarbeitermotivation und Identifikation mit dem Unternehmen haben aber erst einmal nichts mit Geld zu tun. Man braucht im Alltag zunächst nur sympathische Menschen. Wenn jeder authentisch daherkommt und auf Augenhöhe kommuniziert, dann hat man den Grundstein für Erfolg bereits gelegt. 

Erbt man so etwas? 

Wir sind die vierte Generation und haben diese Haltung von Eltern und Großeltern vorgelebt bekommen. Mein Bruder Henning und ich haben schon als Kinder gelernt, wie wichtig Wertschätzung füreinander ist. Auch Engelbert und Lina, unsere Großeltern, haben schon auf eine gute Atmosphäre Wert gelegt. Das gilt wohlgemerkt für Kunden und Mitarbeiter wie für Lieferanten. 

Wo beginnt für Strauss die Nachwuchsförderung? 

Wir sind in allen Schulen der Region tätig und auch überregional in den Akademien, die für uns Relevanz haben. Wir präsentieren uns als attraktiver Arbeitgeber und ziehen so Talente an. Wir haben kürzlich mit der Strauss-Academy einen hauseigenen Studiengang für International Business ins Leben gerufen. Die ersten 13 Studenten lernen in der CI-Factory – Theorie und Praxis in unseren eigenen Räumen. Die Dozenten kommen zu uns. 

Gibt es trotz der vielen Bewerbungen Jobs, die sie nicht so leicht besetzen können? 

Die Herausforderung ist bei jeder Einstellung: Wir wollen Menschen finden, die wirklich zu uns passen. Dafür nehmen wir uns im Bewerbungsprozess viel Zeit. Unser Ziel ist es, mit Freunden zu arbeiten. 

Es gibt derzeit viele Geschwister-Duos, die erfolgreich die Nachfolge angetreten haben. Berater sehen das immer noch kritisch. Wie läuft das bei Henning und Ihnen? 

Wir sind einheitlich im Wertegerüst, aber unterschiedlich in den Fähigkeiten. Und so haben wir uns über die Jahre auch selbst kennengelernt. Glücklicherweise ergänzen wir uns ideal. Während Henning der kreative Markenstratege ist, bin ich der menschenfreundliche Kaufmann. 

Sie arbeiten mit großen, weltweit tätigen Firmen. Warum? 

Wir halten engen Kontakt zu den Technologieunternehmen, die an der Weltspitze der Entwicklung sind, seien es Firmen aus dem Silicon Valley in den USA oder aus dem indischen Bangalore, weil wir diese technologischen Möglichkeiten auch in unsere Kundenwelt einbeziehen möchten. Wie zum Beispiel die digitale Werkzeugbrille, die wir im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht haben, in Zusammenarbeit mit Meta. Sie ermöglicht es unseren Kunden, Räume zu vermessen und die Daten automatisch in die Software einzufügen. Aber da stehen wir noch am Anfang, da wird noch Vieles entstehen. 

Warum benannten sie Engelbert Strauss 2024 in Strauss um? 

Die Vorteile des prägnanten Firmennamens zeigt der Baseballhelm: Der Strauss funktioniert weltweit. Markenpräsenz auf Banden, Trikots und Helmen ist vergleichbar mit einem Klingelschild. Es muss in aller Kürze erfassbar sein, wer hier anzutreffen ist. Dafür ist unser Nachname offensichtlich perfekt: Er transportiert unsere Marke und ist weltweit verständlich. Der beliebte Gründername unseres Großvaters bleibt künftig in der europäischen Produktmarke erhalten und ziert die Labels des Sortiments. 

Gibt es etwas, das Sie unruhig schlafen lässt? 

Da gibt es schon die allgemeinen Themen, von denen man jeden Tag in der Zeitung liest. Die Bürokratie. Dass die Lust auf Leistung in Deutschland vermeintlich sinkt, auch wenn wir das bei uns glücklicherweise anders wahrnehmen. Potenzial ist reichlich da. Das lässt mich alles in allem zuversichtlich in die Zukunft schauen. 

 

Der Co-Chef 

Steffen Strauss startete nach einer Ausbildung beim Versandhändler Klingel und einem Job in den USA 1999 im Familienunternehmen. 2015 stieg er mit seinem ­Bruder Henning in die Geschäfts­führung ein. Die beiden leiten Strauss gemeinsam und treiben das internationale Wachstum voran. Steffen Strauss ist Anfang 50 und für Kundenservice, Vertrieb und Organisation zuständig. 

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