Montag, 04.12.2017
„Wie lange vermag rhetorische Hemdsärmeligkeit planvolles Unternehmertum zu ersetzen?“, fragt Guido Quelle in seiner Kolumne.

Foto: Mandat Managementberatung

„Wie lange vermag rhetorische Hemdsärmeligkeit planvolles Unternehmertum zu ersetzen?“, fragt Guido Quelle in seiner Kolumne.

Personal
Aus sicherer Quelle

Alltag: Der natürliche Feind der Strategie

Strategische Planung hat im Mittelstand nicht unbedingt den besten Ruf. Denn sie wirkt erst in der Zukunft, während das operative Geschäft direktes Feedback verspricht – und die alltäglichen Probleme eben auch gelöst werden müssen.

„Strategie“ ist etwas für überbezahlte Krawattenträger in Großkonzernen: vollmundige Mission-Statements und haufenweise Präsentationsfolien, an deren Umsetzung sich noch nie jemand wirklich gewagt hat. Im Mittelstand heißt es gern: „Wir reden nicht lange am Besprechungstisch, wir machen in der Zeit lieber Umsatz.“ Oder auch: „Wir kennen unsere Kunden und wissen, was sie wollen.“ Die Praxis zeigt: Markige Sprüche motivieren manche Mitarbeiter und können das Geschäft vorübergehend beflügeln. Doch wie lange vermag rhetorische Hemdsärmeligkeit planvolles Unternehmertum zu ersetzen?

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Jeder, der Sport treibt, weiß, dass man trinken sollte, bevor der Durst kommt. Sonst büßt man Leistungsfähigkeit ein. Jeder Landwirt weiß, dass die Kuh erst Gras fressen muss, bevor sie Milch gibt. Jeder Investor weiß, dass er erst einzahlt, bevor er sich einen „Return on Investment“ erhoffen darf. Warum aber tun sich viele – und auch geschäftlich erfolgreiche! – Unternehmen so schwer damit,strategische Arbeit in der Geschäftsführung als selbstverständlich zu verankern? Ohne es zu sehr vereinfachen zu wollen: Der Grund liegt in dem natürlichen Feind der Strategie – dem Tagesgeschäft.

Gier nach Aufmerksamkeit

Tagesgeschäftliche Dinge sind mitunter allgegenwärtig: Eine Maschine, die ungeplant stehenbleibt; eine Betriebsprüfung, die überraschend angekündigt wird; eine kurzfristig anberaumte Besprechung im Gesellschafterkreis; ein Lieferant, der ausfällt; ein technisches Problem mit einem Produkt; ein wichtiger Kunde, der sich bitter über mangelnde Leistung beklagt und so weiter und so fort. All das verlangt nach verschärfter Aufmerksamkeit – und dabei haben wir noch nicht über die anstehenden Personalgespräche, den nächsten Messe-Trip und die neue Werbekampagne gesprochen. Die dringlichen Dinge sind offensichtlich. Sie sind laut genug, um sofort nach Aufmerksamkeit zu gieren. Aber wie steht es um die wichtigen Dinge, die scheinbar nicht dringend sind? Die bleiben gern liegen.

Info

Prof. Dr. Guido Quelle ist Geschäftsführender Gesellschafter der Mandat Managementberatung, die sich auf die Entwicklung und Umsetzung von Wachstumsstrategien spezialisiert hat. Für „Markt und Mittelstand“ schreibt er die Kolumne „Aus sicherer Quelle“.

Hier finden Sie alle bislang erschienenen Folgen der Kolumne:

Strategie wirkt erst in der Zukunft. Daher erhalten wir nicht direkt eine Rückmeldung, ob sich die Zeit und die Ideen, die wir in die Zukunft des Unternehmens investieren, auch rentieren. Das operative Geschäft hingegen verspricht direktes Feedback – ob positiv oder negativ. Im Operativen wird das Geld verdient, nicht mit strategischen Gesprächen.

Doch denken wir einmal über die nächsten 24 oder 48 Stunden hinaus. Nehmen wir an, wir verstünden unter „Strategie“ nicht einen zusätzlichen Klotz am Bein, nicht einen einmaligen Kraftakt, nicht ein theoretisches Gebilde. Nehmen wir vielmehr an, wir verstünden unter „Strategie“ das, was sie wirklich sein kann und sein soll: nämlich eine Hilfe, um dem Bild von der Zukunft des eigenen Unternehmens möglichst nahe zu kommen. Wenn wir Strategie als kontinuierlichen Prozess verstehen und wenn wir ein wenig Zeit im Kalender blocken, um uns mit unseren engsten Vertrauten regelmäßig (!) um die Weiterentwicklung unserer Strategie zu kümmern – ja, dann kann diese Arbeit genauso belohnend sein wie die am operativen Geschäft. Wenn wir als Unternehmenslenker aber zulassen, dass das operative Geschäft die Strategie bestimmt, dann wedelt der Schwanz mit dem Hund – und das sieht nicht nur in der Tierwelt irgendwie komisch aus.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.