Dienstag, 20.11.2018

Foto: Markt und Mittelstand/Jens Kemle

Herrin der Ringe: Simone Weinmann-Mang ist seit 1984 geschäftsführende Gesellschafterin von Arno Arnold.

Personal
Unternehmerin Simone Weinmann-Mang

Arno Arnold gibt bei Maschinenabdeckungen den Takt vor

Musikinstrumente aus dem Hause Arno Arnold verhalfen dem Tangotanz einst zum Weltruhm. Nachdem Boom des Modetanzes war das Geschäftsmodell obsolet. Umzu überleben, musste sich der Hersteller radikal umorientieren.

Jeder Unternehmer oder Manager, der etwas auf sich hält, besucht heute das Silicon Valley. Nirgendwo sonst scheint die Zukunft greifbarer als im weltweiten Mekka der IT- und Hightechbranche. Auch Simone Weinmann-Mang ist nach Kalifornien gepilgert. Noch Wochen danach ist sie vom Spirit elektrisiert: „Diese Kreativität, gepaart mit dem Mut, außerhalb des Herkömmlichen zu denken, hat mich beeindruckt“, schwärmt die Unternehmerin. Doch nicht alles hat die 59-Jährige auch begeistert. In dieser Scheinwelt komme es nur darauf an, jung, dynamisch und (erfolg-)reich zu sein, das führe zu Ausgrenzung und zu sozialen Ungerechtigkeiten. „Wir konnten erleben, was machbar ist – aber auch, wo wir nicht hinkommen möchten“, sagt sie nachdenklich. Dass Kreativität und Mut auch sozial verträglich möglich sind, hat Weinmann-Mang in ihrem eigenen Unternehmen Arno Arnold bewiesen: Der Hersteller von Schutzabdeckungen für Maschinen hat es in den vergangenen 150 Jahre geschafft, sich immer wandelnden Marktbedingungen anzupassen und seine Mitarbeiter bei dieser Entwicklung mitzunehmen.

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„Um sich auf Branchenveränderungen einzustellen, muss man aussieben und immer wieder neu entscheiden, welchen Weg man einschlägt“, sagt Simone Weinmann-Mang. Dieses permanente Justieren ist bei Arno Arnold tief in der Historie verwurzelt. Mitte des 19. Jahrhunderts erwirbt ihr Ururgroßvater einen Betrieb für den Bau von Harmonikas, einem Musikinstrument, das dem Akkordeon ähnlich ist. Unter dem Namen Bandoneon gelangt es wohl durch europäische Emigranten auch nach Südamerika.

In der argentinischen Metropole Buenos Aires trifft das Bandoneon auf einen neumodischen Tanz:den Tango. Die katzenhafte Choreographie und das melancholische Klangbild des Bandoneons scheinen wie füreinander geschaffen und erobern zusammen im Nu die Tanzflächen und Herrscherhöfe von Paris bis Tokio. Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht auch die Produktion des Musikinstruments ihren Höhepunkt – bis 1945 gehen rund 30.000 Stück allein in den Export nach Argentinien und Uruguay. In den sechziger Jahren läuten das Keyboard und das Aufkommen neuer Modetänze das Ende des Bandoneons ein. 1971 läuft die Produktion auch bei Arno Arnold aus, wie das Unternehmen nach der Übergabe an die dritte Generation nun heißt. Hätte der Betrieb allein auf die Instrumentenherstellung gesetzt – er wäre heute wohl Industriegeschichte.

Von B2C zu B2B

„Industriemaschinen kamen erstmals in den zwanziger Jahren breit zum Einsatz“, erzählt Weinmann-Mang, „mein Urgroßvater hat dieses Potential erkannt und wollte davon profitieren.“ Für das B2B-Geschäft hielt er zwar an dem Faltendesign fest, veränderte seine Funktion jedoch. Bereits 1930 ließ er sich einen „harmonikaförmig gestalteten Balg zur Schutzabdeckung für Werkzeugmaschinen“ patentieren. Eine gute Entscheidung, denn in den kommenden 40 Jahren sollte das Bandoneon immer mehr an seiner Bedeutung für den Umsatz einbüßen und die Faltenbälge entwickelten sich zum Kernprodukt. „Man musste mit der Zeit gehen. Die fortschreitende Industrialisierung versprach bessere Geschäfte“, erklärt die Unternehmerin den Strategiewechsel. In den folgenden Jahrzehnten kommen Schutzabdeckungen in diversen Größen, Formaten, Produkten und Branchen zum Einsatz: in frühen Fotokameras, in den ersten Kopierern, als Schutz von Führungsbahnen und Spindeln.

Nach dem frühen Tod der Eltern übernimmt Simone Weinmann-Mang mit nur 25 Jahren zusammen mit ihrem Ehemann Wolf Mang den elterlichen Betrieb. Sie ist die fünfte Unternehmergeneration und beschreitet den Weg der Diversifizierung konsequent weiter: Heute finden sich Faltenbälge in Krankenhausbetten und Notarztwagen sowie in Fertigungsmodulen für Produktionsstraßen in der Automobilindustrie oder in Lasermaschinen und 3-D-Druckern. Um das hohe Entwicklungstempo mitgehen zu können, bekommen die Mitarbeiter regelmäßig Coachings und Fortbildungen. Zudem gewährt Simone Weinmann-Mang der F&E-Abteilung, so oft das im Alltagsgeschäft möglich ist, Vorfahrt. „Die Lösung für ein Problem wird bei uns nicht im stillen Entwickler-Kämmerlein gesucht, sondern am Ort der Produktion“, sagt Wolf Mang. Für solche Projekte nimmt sich das Team auch regelmäßig Auszeiten aus dem operativen Geschäft.

Info

Arno Arnold GmbH

Gründung: 1864
Umsatzentwicklung*: +34 Prozent
Anteil neu entwickelter Produkte**: 40 Prozent
Mitarbeiterzahl: ca. 100
Firmensitz: Obertshausen

*zwischen Mai 2016 und Mai 2018
**am gesamten Produktportfolio in den vergangenen fünf Jahren

Eine geistige – oder besser gesagt: geistliche – Auszeit verordnet sich auch das Unternehmerehepaar in schöner Regelmäßigkeit. „Unser christliches Weltbild gibt uns Halt und Orientierung“, sagt Simone Weinmann-Mang. Das Thema Religion hat die Katholikin schon früh geprägt: Sie besuchte eine katholische Mädchenschule in Offenbach und machte am Eliteinternat Schloss Salem am Bodensee ihr Abitur. Anschließend studierte sie in München Rechtswissenschaften. Seit rund 20 Jahren engagiert sich die Unternehmerin in verschiedenen Gremien ihrer Heimatgemeinde und wirkt auch als Mäzenin.

Auf dem Weg zu einer Smart Company

Christlicher Glaube und Unternehmertum sind für die 59-Jährige kein Widerspruch – im Gegenteil. Verantwortung für Menschen zu übernehmen, Verlässlichkeit zu garantieren und Zuversicht auszustrahlen seien auch im Geschäftsleben sehr wichtig. Vielleicht auch deshalb stellt sich Simone Weinmann- Mang neuen unternehmerischen Aufgaben mit konzentrierter Gelassenheit. So antwortet Arno Arnold auf die Trends Industrie 4.0 und digitale Transformation mit einer Predictive-Maintenance- Lösung zur vorausschauenden Wartung. Eine neue Generation Faltenbälge erkennt mittels Sensoren den Verschleiß von wichtigen Teilen und meldet dies an den Maschinenbediener. Die Neuheit wurde im vergangenen September auf einer Fachmesse präsentiert.

Auch der Besuch des Silicon Valley hat für neue Impulse und Orientierung gesorgt. Arno Arnold befindet sich auf dem Weg, eine Smart Company zu werden – wie und wann genau es so weit ist, kann auch die Geschäftsführerin nicht sagen. Aber sie glaubt fest an den Erfolg: „Als Quintessenz unserer Kalifornien-Reise habe ich auch mitgenommen, dass die ‚German Angst‘ unsere Kreativität hemmt. Damit ist niemandem geholfen. Wir sollten mehr Vertrauen in uns haben.“


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.