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Personal > Arbeitsmarkt › Ausbildung

Ausbildung statt Studium: Warum Sicherheit und KI-Angst die Berufswahl der Gen Z verändern

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 8 Min.

Sicherheit schlägt Prestige: Immer mehr Jugendliche bevorzugen eine Ausbildung statt Studium – auch aus Angst vor KI und Jobverlust.

Jugendliche am PC - Lehrer erklärt
Genau messen: Für viele Jugendliche ist eine Ausbildung heute interessanter als ein Studium. Das Handwerk gilt als sicher vor künstlicher Intelligenz. Und Sicherheit geht bei vielen vor. (Foto: industrieblick/Adobe Stock)

Seit Jahren hat es die klassische Ausbildung schwer. Ein Studium gilt als besser und sicherer. Das ändert sich gerade, weil Unternehmen sich bewegen – und Jugendliche. 

von  Thorsten Giersch

 

Mehr als 80 Bewerbungen musste Eleftheria Fidanoglou schreiben, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen – trotz Fachabitur. Aber in ihren Unterlagen stand eben etwas, das viele Arbeitgeber abschreckte: Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Fidanoglous Geschichte ging gut aus: Sie fand auch dank Unterstützung von SOS-Kinderdorf eine Teilzeitausbildung zur Kauffrau für Büromanagement bei der Fürst-Gruppe in Nürnberg. 2024 wurde sie dort dann zur Auszubildenden des Jahres gekürt. Jennifer Rose, Ausbildungsleitung bei der Fürst-Gruppe, sagt: „Wir haben eine total motivierte junge Mutter als Azubine gewonnen.“ Sie wurde am Ende übernommen und ist bis heute dort beschäftigt. 

„Wir waren von Anfang an von ihr angetan und haben dann nur unsere Rahmenbedingungen etwas umstellen müssen“, erinnert sich Rose. „Wir hatten unsere Ausbildung zuvor nicht proaktiv als Teilzeitausbildung ausgeschrieben. Ich bin überzeugt, dass es eine zentrale Aufgabe der Personalarbeit ist, Ausbildungsstrukturen so flexibel zu gestalten, dass sie auch für Menschen realisierbar sind, die eine Ausbildung nicht in Vollzeit absolvieren können – etwa alleinerziehende Mütter oder Väter, pflegende Angehörige oder Personen mit vergleichbaren familiären Verpflichtungen.“ Fidanoglou war entsprechend länger als die üblichen drei Monate in den jeweiligen Abteilungen. 

Gute Arbeitgeber bewegen sich bei der Suche nach gutem Nachwuchs – auch weil sie müssen. „Klar ist es schwer, Auszubildende zu finden“, erklärt Rose. „Wenn ich immer noch ausbilde wie vor fünf oder zehn Jahren, dann kommt das nicht mehr gut an.“ Gerade Ausbildung in Teilzeit sei ein guter Weg, alleinerziehenden Müttern auch eine Ausbildung zu ermöglichen. Dabei hätten sich die Bewerbungszeiten verschoben, sagt Rose. Früher seien die Bewerbungen im Dezember eingegangen. „Mittlerweile stellen wir vermehrt erst im Juni oder Juli ein“, berichtet die Ausbildungsleiterin, die weiß, wie schnell gute Leute durchs Raster fallen. „Es scheitert ganz oft daran, dass Unternehmen wegen der Unterlagen aussortieren.“ 

Mathe ungenügend

Die Gründe sind vielschichtig, die Zahlen dramatisch: Bei den kleinen und mittleren Betrieben, wo 90 Prozent der Azubis lernen, sank die Quote derer, die mindestens einen Lehrling beschäftigen, von zwölf Prozent 2010 auf neun Prozent 2024. Dahinter stecken betriebswirtschaftliche Gründe, aber auch die Tatsache, dass derzeit rund 34 Prozent der Neuntklässler die Mindeststandards im Fach Mathematik unterschreiten, wie die staatliche Förderbank KfW ermittelt hat. Nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer beklagt fast jeder zweite Arbeitgeber Defizite bei Ausdruck, Rechnen, Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft. Auch ausländische Jugendliche in den Ausbildungsmarkt einzubinden, ist schwierig. Hat sich deren Zahl seit 2010 mehr als verdoppelt, sank die der Lehrlinge von 1,4 Millionen auf 1,1 Millionen. 

Einer der größten Ausbilder hierzulande ist McDonald’s. „Unser System ist grundsätzlich so aufgestellt, dass wir allen Menschen eine Chance geben und sie in den Arbeitsmarkt integrieren. Das ist Teil unserer DNA bei McDonald’s“, erklärt Matthias Kutzer, Vorstand Personal von McDonald’s Deutschland. Das gelte für junge Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kämen, genauso wie für solche, die vielleicht keine Ausbildung hätten und ihren ersten Schritt in Richtung Berufsausbildung gingen. „Wir sind extrem flexibel, allen einen Einstieg zu bieten, egal, wo sie herkommen, egal, was sie mitbringen.“ 

Um mehr über die jungen Menschen zu erfahren, erstellte McDonald’s bereits zum fünften Mal gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach die sogenannte Ausbildungsstudie. Die repräsentative Befragung von Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren zeigt: Die Gen Z blickt deutlich pessimistischer in die Zukunft als noch vor wenigen Jahren. Pandemie, geopolitische Krisen und der rasante Aufstieg künstlicher Intelligenz haben das Vertrauen in Politik und gesellschaftliche Durchlässigkeit spürbar erschüttert. „Wir sehen, dass unsere Gesellschaft in der heutigen Zeit sehr gefordert ist, und das gilt besonders für die Generation Z“, erklärt Kutzer die Motivation des Unternehmens hinter der Studie. Die Lebensplanung der jungen Menschen sei in der Zeit nach der Pandemie eine sehr besondere. „Da ist es sehr spannend für uns zu verstehen und sichtbar zu machen, was diese Generation bewegt und was wir als Arbeitgeber besser machen können.“ 

Die Studie zeigt, dass sich 63 Prozent der jungen Menschen unter 25 politisch nicht mehr vertreten fühlen und dass auch besonders junge Frauen und sozial benachteiligte Gruppen hier eine Herausforderung haben. „Und wenn das Vertrauen in der Politik sinkt, dann heißt es eben für uns als Arbeitgeber, dass wir etwas für den Dialog tun müssen“, folgert Kutzer. „Wir wollen umso mehr den Dialog fördern, beispielsweise mit Projekten wie unserem etablierten Burger Dialog.“ Hier bringt McDonald’s Politik und die Generation Z direkt ins Gespräch, um die politische Teilhabe zu fördern und so der wachsenden Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. 

„Wir können aus den Studienergebnissen herauslesen, dass das Wohlstandsversprechen bröckelt“, sagt Kutzer. Besonders die jungen Menschen aus ökonomisch benachteiligten Haushalten hätten ein Stück weit den Glauben verloren, etwas aus eigener Kraft schaffen zu können. In der Studie 2019 haben noch 59 Prozent der unter 25-Jährigen an die Chancengleichheit in Deutschland geglaubt, jetzt sind es noch 48 Prozent. Der Personalexperte argumentiert dagegen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Aufstieg immer noch klappen kann, weil ich es bei uns tagtäglich sehe.“ Es gäbe viele Beispiele, wo Personen ihre ersten beruflichen Schritte bei McDonald’s in den Restaurants machen und die dann in relativ kurzer Zeit in die Führungsetagen aufstiegen. 

Ein weiteres Ergebnis der Studie war, dass vor allem junge Leute einen Arbeitgeber immer stärker danach aussuchen, wie sicher die Situation dort ist. Was nötig ist, damit Betriebe diesen Eindruck erwecken, erklärt Kutzer. „Das Wichtigste ist Transparenz und Kommunikation. Wenn man die Sachen so anspricht, wie man sie sich für die Zukunft vorstellt, dann kommt es authentisch rüber.“  Der zweite Schritt sei dann, auch zu halten, was man als Arbeitgeber verspreche – also die Perspektiven wirklich zu bieten. 

Die Studie zeigt auch, dass Jugendliche stark auf familiäre Unterstützung angewiesen sind. Viele berichten, dass Eltern nach wie vor die wichtigste Beratungsinstanz darstellen – nicht jedoch Schule oder Arbeitsagentur. Der Studie nach wünschen sich junge Menschen berufliche Orientierung „auf Augenhöhe“. Der Satz „Ich habe das Gefühl, die Erwachsenen verstehen mich nicht wirklich“ zieht sich als Grundstimmung durch die Ergebnisse. Jugendliche brauchen demnach mehr Raum, um ohne Druck über Chancen und Risiken ihrer Berufswege sprechen zu können. „Die Eltern spielen eine zentrale Rolle und wir müssen nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die gesamte Familie adressieren“, sagt Kutzer. Denn idealerweise werde etwas Wichtiges wie die Berufswahl dann auch in der Familie gemeinsam entschieden. 

Gehalt muss stimmen

„Das Gehalt ist das absolute Fundament. Das muss stimmen, sonst kann alles darüber nicht funktionieren“, sagt Kutzer. Deswegen sei ein fairer Tarifvertrag mit einer ordentlichen Vergütung die Grundlage. „Aber das Entscheidende kommt hinterher, nämlich dass man sich um seine Mitarbeitenden auch emotional kümmert.“ Denn die emotionale Bindung der Beschäftigten sei das, „was die Leute wirklich gerne bei der Marke bleiben lässt“. Das beginne beim Anwerben und dem Start am ersten Tag im Restaurant. „Die jungen Menschen müssen sehen, dass sie herzlich willkommen sind.“ 

Nun ist McDonald’s ein Franchiseunternehmen und viel hängt an der Chefin oder dem Chef vor Ort, die als eigenständige Unternehmen grundsätzlich frei sind bei ihren Personalentscheidungen. „Wir diskutieren die Ausrichtung und entscheiden gemeinsam, wo wir als Arbeitgeber hinwollen. Und so können sich alle darauf verlassen, dass sie, wenn sie unter der Marke McDonald’s arbeiten, die gleichen Standards erwarten können“, erklärt Kutzer. „Wir sehen uns als Mittelständler und sind unter der Marke McDonald’s ein Zusammenschluss an mittelständischen Unternehmen.“ 

Die Studie zeigt auch: Das Image der betrieblichen Ausbildung bleibt ambivalent. Gleichzeitig wächst das Interesse an einer praxisorientierten Qualifizierung – sogar unter Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Zwar genießen akademische Abschlüsse weiterhin hohes Prestige, doch viele Jugendliche misstrauen zunehmend der Vorstellung, dass ein Studium automatisch zu stabilen Jobperspektiven führt. Rund ein Drittel der Befragten sieht Ausbildung als „ebenso wertvoll“ an wie ein Studium. Trotzdem bestehen alte Vorurteile: Die Sorge, in der Ausbildung festzustecken oder schlechter bezahlt zu werden etwa. 

So entstand in den vergangenen Jahren eine paradoxe Situation rund um ein Erfolgsmodell Deutschlands. Trotz Fachkräftemangels verliert die duale Ausbildung an Attraktivität. Wie KfW Research jüngst errechnete, befanden sich 2024 rund 1,2 Millionen Menschen in einer dualen Ausbildung, 19 Prozent weniger als noch 2010. Das lag an niedrigen Schülerzahlen in dem Zeitraum, aber auch an der Neigung vieler junger Menschen, ein Studium statt einer Ausbildung zu beginnen. 

Daran könnte sich nun aber etwas ändern – ironischerweise durch den technologischen Fortschritt. Die KI-Angst geht um. Es hat sich herumgesprochen, dass der Wind für junge Akademiker beim Berufseinstieg sehr rau geworden ist. In Umfragen zeigt sich, dass praktische Ausbildungsberufe für die Generation Z zuletzt an Bedeutung gewonnen haben. Eine Erhebung des Karrierenetzwerks LinkedIn zeigt, dass inzwischen rund die Hälfte der 18- bis 28-Jährigen einen praktischen Beruf einem klassischen Bürojob vorzieht. Immer mehr junge Leute treffen ihre Karriereentscheidungen danach, wie „KI-sicher“ ein Beruf ist. 

„Das deutsche Krisengefühl hat die GenZ erreicht. Bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes ist für vier von fünf Azubis Sicherheit der entscheidende Faktor“, sagt Felix von Zittwitz, Chef von Ausbildung.de. Die größte deutsche Ausbildungsplattform hat die Lage im „Azubi Report“ zusammengefasst. Einen sicheren Job wünschen sich 75 Prozent der Befragten – 32 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar mehr als zu Hochzeiten der Corona-Pandemie. Der Trend dürfte anhalten. Auch bei heutigen Schülerinnen und Schülern hat der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz oberste Priorität. Entsprechend steht die Selbstverwirklichung hinten an: Nur 40 Prozent der Befragten sagen, dass ihr Ausbildungsberuf ihr Traumjob ist – der niedrigste Wert seit acht Jahren. Auch in einer Umfrage des Karrierenetzwerks Linkedin ist Sicherheit zusammen mit den finanziellen Chancen das wichtigste Kriterium. „Technische und handwerkliche Ausbildungsberufe werden für junge Menschen attraktiver, sagt Barbara Wittmann, Country Managerin DACH bei LinkedIn. „Darin liegt gerade großes Potenzial, vor allem für kleine und mittelständische Arbeitgeber.“ Die soziale Anerkennung für praktische Berufe sei in den letzten fünf Jahren gestiegen. << 

Die Fakten in Kürze

  • Trendwende: Die duale Ausbildung gewinnt wieder an Bedeutung, weil viele Jugendliche ein Studium nicht mehr automatisch als sicheren Karriereweg ansehen. Angst vor Jobverlust durch künstliche Intelligenz spielt dabei eine zentrale Rolle.

  • Sicherheitsdenken: Für 75 Prozent der Auszubildenden ist Jobsicherheit heute das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Berufswahl – stärker als Selbstverwirklichung oder Prestige. Das zeigt der Azubi Report von Ausbildung.de.

  • Imagewandel: Rund ein Drittel der jungen Menschen bewertet eine Ausbildung inzwischen als ebenso wertvoll wie ein Studium. Besonders handwerkliche und technische Berufe gelten als „KI-sicher“.

  • Realitätscheck: Die Zahl der Auszubildenden sank von 1,4 Millionen im Jahr 2010 auf rund 1,1 Millionen 2024, wie Berechnungen von KfW Research zeigen – trotz Fachkräftemangels.

  • Arbeitgeberrolle: Unternehmen reagieren mit flexibleren Ausbildungsmodellen, etwa Teilzeitausbildungen, späteren Bewerbungsfristen und individueller Betreuung, um neue Zielgruppen zu erreichen.

  • Praxisfokus: Laut dem Karrierenetzwerk LinkedIn zieht inzwischen etwa die Hälfte der 18- bis 28-Jährigen einen praktischen Beruf einem klassischen Bürojob vor.

  • Generationsgefühl: Viele junge Menschen blicken pessimistischer in die Zukunft, fühlen sich politisch nicht vertreten und setzen bei der Berufswahl stärker auf Stabilität als auf Aufstiegsideale.

  • Familieneinfluss: Eltern bleiben die wichtigste Instanz bei der Berufsorientierung, während Schule und Arbeitsagentur an Bedeutung verlieren.

  • Kernbefund: Ausbildung wird nicht aus Idealismus attraktiver, sondern aus nüchterner Abwägung – Sicherheit schlägt Status, Praxis schlägt Prestige.

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