Dienstag, 27.02.2018

Foto: Pflitsch

Jobrallye: Bei Pflitsch können sich die Schüler vor Ort über zehn verschiedene Ausbildungsberufe informieren.

Personal
Fachkräftemangel

Azubi-Suche: Der Weg in die Klasse macht Schule

Es wird immer schwieriger, Azubis zu finden. Das gilt besonders für kleine mittelständische Unternehmen. Um die offenen Stellen besetzen zu können, bietet es sich an, dorthin zu gehen, wo die Jugendlichen jeden Tag sind: in die Schule.

Aus Lehrstellen werden in Deutschland immer häufiger Leerstellen. 2016 blieben nach Angaben des Bundesbildungsberichts rund 43.500 Ausbildungsstellen unbesetzt – so viele wie noch nie. Darunter leiden vor allem kleine Unternehmen mit geringem Bekanntheitsgrad. In strukturschwachen Regionen war es schon immer schwer, Nachwuchs zu finden. Wenn dann auch noch in der Nähe angesiedelte Konzerne den Arbeitsmarkt abgrasen, wird es noch schwieriger, gerade jugendliche Mitarbeiter zu gewinnen.

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Die Folgen des demographischen Wandels und immer weniger Jugendliche, die eine Ausbildung anstreben, führen zu einer Umkehrung der bisherigen Verhältnisse. „Das Unternehmen muss sich heute beim Bewerber bewerben“, sagt Tobias Lohmann, Sprecher der Geschäftsführung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW).

Ein gutes Regionalmarketing als Basis

Foto: Pflitsch

Sabina Waßmuth ist Ausbildungsleiterin bei Pflitsch.

Trotzdem können KMU durchaus erfolgreich Azubis finden. Das verlangt aber dreierlei: Erstens schon früh an die Jugendlichen herantreten. Ein gutes Regionalmarketing ist die Basis für einen späteren Erfolg. „Die Zusammenarbeit mit Schulen in der Region ist ein einfacher und effizienter Weg für Betriebe, sich abzuheben“, rät die Ausbildungsberaterin Jutta Mohamed Ali. Zweitens sollten Betriebe
Jugendliche auf dem Weg in den Beruf aktiv begleiten. „Viele Schüler sind heute völlig orientierungslos“, sagt Oliver Arndt, Ausbildungskoordinator bei Wahl + Co. (Lesen Sie hier ein Interview mit Oliver Arndt) Und drittens: Die Ausbildung sollte die Jugendlichen in ihrer Wahl des Berufs und des Unternehmens bestätigen.

Warum Unternehmen mehr tun müssen, zeigt auch die dramatische Versorgungslücke mit jugendlichen Schulabgängern. Im Nordrhein-Westfalen besuchten im Schuljahr 1970/71 nach der Grundschule fast 60 Prozent der Schüler die Hauptschule. Im Schuljahr 2015/16 wählten noch 4 Prozent diesen Weg – das unterstreicht ein grundlegendes Problem: „Immer weniger junge Menschen wollen heute einen Blaumann anziehen“, sagt Sabina Waßmuth, Ausbildungsleiterin bei Pflitsch, einem Hersteller von Kabelkanälen und -verschraubungen. Besonders prekär ist die Lage in gewerblich-technischen Berufen.

Interessant werden Schüler für Unternehmen ab der achten Klasse, wenn die berufliche Orientierungsphase beginnt. Da viele mit 14 Jahren noch unsicher sind, was sie beruflich wollen, hat das mittelständische Unternehmen aus Hückeswagen mit der städtischen Realschule ein eigenes Rookie-Programm entwickelt. So können die Jugendlichen beispielsweise in einer eintägigen Jobrallye zehn verschiedene Ausbildungsberufe praxisnah kennenlernen. „Unsere Azubis, die den Schülern Auskunft geben, haben oft dieselbe Schule besucht, das schafft Vertrauen“, sagt die Ausbildungsleiterin. Interessierte Schüler sind als Praktikanten gern gesehen.

Danach erhält der Mittelständler mittels verschiedener Projekte die Verbindung zu der Schule aufrecht. In Physik errichten die Schüler etwa nach eigenen Plänen Brücken. Wie stabil die Konstruktionen sind, zeigt sich später im Materialprüflabor von Pflitsch. Die Kombination aus Wissenstransfer und „Action“ kommt gut an. Andere Projekte haben auch echten Nutzwert: In der neunten Klasse helfen Mitarbeiter von Pflitsch bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen und machen die Jugendlichen fit für die ersten Jobinterviews.

Kooperation mit Hintergedanken

Foto: Wahl + Co.

Oliver Arndt ist Ausbildungskoordinator bei Wahl + Co.

Zudem greift Pflitsch den Schülern immer wieder bei Schulfesten unter die Arme oder erarbeitet gemeinsame Ausstellungen. Die Schulleitung unterstützt die Kooperation nach Kräften: Sie weiß die Abgänger nach der zehnten Klasse gut versorgt, zudem sponsert der Mittelständler wichtige Anschaffungen, wie etwa neue IT. Natürlich ist diese Wundertüte an betrieblichen Mitmachgelegenheiten und Projekten nicht frei von Hintergedanken. „Wir schauen schon hin, wie sich die Jugendlichen machen. Diejenigen, die engagiert dabei sind, haben später gute Chancen, bei uns anzufangen“, sagt Ausbildungsleiterin Waßmuth.

Genaues Hinschauen würde auch den Schülern guttun, wenn es um ihre zukünftige Berufswahl geht. Doch viele tun es schlichtweg nicht. Oliver Arndt von Wahl + Co. weiß aus seiner Zeit als Berufsschullehrer, dass sich viele Jugendliche lieber an Klassenkameraden orientieren oder sich schlicht auf ein Unternehmen festlegen, das sie kennen. Deshalb muss das Elektrotechnik- und IT-Unternehmen mit seinen knapp 50 Millionen Euro Umsatz gegen Branchengrößen wie VW Nutzfahrzeuge oder Continental ankommen. Ausbildungsleiter Arndt hat für diesen ungleichen Kampf ein Ass im Ärmel: ehrliche Aufklärung. „Die Jugendlichen haben oft ganz falsche Vorstellungen von den Berufsbildern“, berichtet der 47-Jährige. Und darin sieht er eine Chance: Wenn er den Schülern erkläre, dass Elektroniker kein sauberer Beruf sei, weil die Hälfte der Zeit aus Montagearbeiten auf der Baustelle bestehe, seien viele überrascht. Diese Orientierungshilfe zu geben kostet Betriebe zunächst Zeit, aber diese ist meist gut investiert. Jutta Mohamed Ali erklärt: „Wenn ein Schüler erkennt, dass ein Beruf gar nicht zu ihm passt, kann er noch eine andere Wahl treffen. Den vermeintlichen Traumjob mit der Realität abzugleichen kann sogar eine gute Werbung für den Betrieb sein.“

Mehr als das Ausbildungs-Muss

Foto: Ars Azubi

Jutta Mohamed Ali von Ars Azubi

Das Programm, das Arndt in rund 30 Schulen anbietet, enthält viele Informationen, aber auch ein bisschen Entertainment – wenn er das „Best of “ der peinlichsten Bewerbungsanschreiben an die Wand beamt, sind ihm die Lacher sicher. „In der Ausbildung bekommt ihr ein Festgehalt statt nur Studentenfutter“, ist einer von Arndts Lieblingssprüchen. Der Ausbildungsleiter präsentiert seinem jungen Publikum auch gern die großen Vorteile kleiner Arbeitgeber. Stichwort: flexiblere Arbeitszeiten, familiäres Arbeitsklima oder Karriere. Das überzeugt: Die rund 200 eingehenden Bewerbungen reichen aus, um jedes Jahr die 15 Azubistellen von Wahl + Co. zu besetzen.

„Man muss aus seiner Ausbildung eine Marke machen“, sagt Jutta Mohamed Ali von Arsazubi. Dabei komme es gar nicht so sehr auf das Geld an; Jugendliche schätzten es noch viel mehr, wenn ein Unternehmen ihre Bedürfnisse verstehe. Als Beispiele nennt sie den Betrieb in einem Industriegebiet mit schlechter Busanbindung, der ein nahegelegenes Haus für seine Azubis anmietet. Oder den Pflegedienst, dessen volljährige Mitarbeiter die Dienstwagen auch privat nutzen dürfen. Ein solches Engagement sei „sehr wertvoll“.

Die frühere Personalreferentin der Telekom empfiehlt, das Thema wie ein Produktmanager anzugehen: „Produkteigenschaften sind in diesem Fall die Schwerpunkte in der Ausbildung und die Umsetzung in Theorie und Praxis. Hier geht es um Qualität und Innovation“, so Mohamed Ali weiter. Das versucht der schwäbische Mittelständler Handtmann umzusetzen. Das Unternehmen will keine Roboter züchten, sondern bringt seinen Auszubildenden bei, Probleme kreativ anzugehen. „Im ersten Jahr bauen die Azubis selbst eine Maschine“, berichtet Ausbildungsleiter Patrick Schirmer. Dabei dürfen sie auch Fehler machen – sie sollen es sogar. „Diese müssen die Jugendlichen dann im Team selbst lösen; richtig und falsch gibt es dabei nicht“, erklärt Schirmer.

Während die Grundlagenkurse für alle gleich aussehen, kann jeder Handtmann-Azubi darüber hinaus Angebote aus dem hauseigenen Seminarprogramm für sich in Anspruch nehmen und beispielsweise Fremdsprachen erlernen. Das Ausbildungsrahmenprogramm ergänzt der Industriebetrieb für Metallverarbeitung und Anlagentechnik um eigenes Know-how aus den Bereichen 3-D-Druck oder digitale Messmethoden. „Fortbildungen oder Zusatzangebote spielen eine immer wichtigere Rolle“, sagt Bildungsexperte Lohmann.

Bei einem größeren Mittelständler aus der Fotobranche sieht Ausbildung 4.0 seit einigen Jahren so aus: Die älteren Azubis bilden die Neulinge aus, zudem können sie ihre Lehrinhalte zu einem großen Teil selbst bestimmen und bekommen früh Verantwortung. Solchen Ideen bescheinigt Bildungswerkler Lohmann einen enormen „Klebefaktor“.

Kleinere Mittelständler können solch ausgefeilte Konzepte nicht bieten. Bei Wahl + Co. legt Oliver Arndt deshalb großen Wert auf Zusammenhalt und Vertrauen. Die Ausbilder sehen ihre Schützlinge nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Menschen. Das klingt zunächst altmodisch und naiv. „Die Azubis können zu uns kommen, selbst wenn sie Drogenprobleme oder Schulden bei ihrem Telefonanbieter haben“, erklärt Arndt seinen Ansatz. Die Logik dahinter ist bestechend simpel: „Wir haben uns bewusst für diese Jugendlichen entschieden, und sie sollen sich nach der Ausbildung auch weiter für uns entscheiden“, so der Ausbildungsleiter. Und: „Wir lösen lieber die Probleme unserer Azubis, als sie deshalb zu verlieren. Wir sehen uns als Familie.“

Info

Das macht Unternehmen „sexy“ für Azubis

Bei der Azubi-Suche

  • Kooperationen mit Schulen und Bildungswerken aufbauen und pflegen
  • Klassenbesuche mit Azubis aus der gleichen Schule
  • Präsenz auf Ausbildungsmessen und Jobforen
  • Tage der offenen Tür, Praktika oder Schnuppertage für Schüler
  • kontinuierliche Begleitung in der beruflichen Orientierungsphase
  • Ehrlichkeit hinsichtlich der Jobanforderungen und -voraussetzungen
  • Bewerbungsberatung und -training (Stärkenprofile erstellen)
  • Unterrichtsprojekte, Ausstellungen etc. organisieren
  • Kontaktpflege via Instagram, Snap & Co.
  • Fortbildungs- und Weiterbildungsangebote frühzeitig aufzeigen
  • auf relevante Besonderheiten und Services hinweisen
  • transparentes und schnelles Bewerbungsverfahren

Während der Ausbildung

  • hohe Priorität aufzeigen (Ausbildungscenter, Geschäftsführer kennt Namen der Azubis, etc.)
  • Azubis auf Augenhöhe begegnen
  • Ausbildungskonzept mit durchdachten Theorie- und Praxisteilen
  • alle Abteilungen durchlaufen lassen
  • Zusammenhalt durch gemeinsame Aktivitäten fördern
  • Events anbieten (Workcamps, Messebesuche, Ausflüge, Planspiele etc.)
  • auf Bedürfnisse eingehen (Mietzuschuss, Fahrservice, etc.)
  • offenes Ohr für Probleme und Verbesserungsvorschläge haben
  • fordern und fördern: Flexibilität zulassen und Verantwortung zutrauen
  • Weiterbildungskurse anbieten
  • Kooperationen mit anderen Bildungsträgern und Bildungswerken
  • regelmäßige lockere kleine Feedbackrunden
  • Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung und Wiederholung des Lernstoffs

Quellen: Bildungswerk der Niedersächsichischen Wirtschaft, Ars Azubi


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 02/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.