Freitag, 07.09.2012
Personal
Mitarbeiter

Bitte recht familienfreundlich

Unternehmen, die besonders familienfreundlich sind, gewinnen angesichts des Fachkräftemangels an Bedeutung. Doch was können Unternehmer konkret tun, um Mitarbeitern mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen unter die Arme zu greifen?

Gerade für Frauen ist die Frage, wie familienfreundlich ihr Arbeitgeber wirklich ist, von hoher Relevanz. Dies zeigte erst die jüngste Studie der Personalberatung Rochus Mummert unter 119 Managerinnen mittelständischer Betriebe. Demnach sprechen sich 81 Prozent der Frauen vor allem für flexiblere Arbeitszeiten aus. Jede zweite wünscht sich eine verbesserte betriebliche oder öffentliche Kinderbetreuung.

Doch auch für Unternehmen steht die Familienfreundlichkeit ganz oben auf der Agenda. Nicht selten schrecken kleinere Unternehmen vor den damit einhergehenden Kosten zurück. Doch zeigt eine Berechnung des Bundesfamilienministeriums, dass Unternehmen aus familienfreundlichen Maßnahmen sogar einen monetären Vorteil ziehen können. Die Modellrechnung zeigt, dass allein durch Maßnahmen wie Homeoffice und intensivere Elternberatung die Kosten der Elternzeit um fast die Hälfte sinken. Trotz der Ausgaben für die Belegplätze in Kindergärten kommen die Unternehmen auf einen Return on Invest (ROI) von 15 Prozent. Bei Unternehmen mit einem betriebseigenen Kindergarten beläuft sich der ROI laut der Berechnung sogar auf 25 Prozent.

Familienfreundlich 1: Kinderbetreuung

Gerade im Mittelstand wird die Verbundenheit zu Mitarbeitern und den Familien großgeschrieben. Die Personalpolitik ist daher meist sehr familienfreundlich ausgerichtet. Doch oft fehlen die Ressourcen, um wie Großunternehmen eigene Betriebskindergärten zu betreiben. Um dieses Problem anzugehen, haben sich in Stuttgart Anfang der 1990er Jahre mittelständische Unternehmen zusammengetan und gründeten den Kind e.V. Dieser gemeinnützige Verein tritt heute als Träger von rund 20 Kindergärten auf.

Die Friedrich Scharr KG war eines der ersten Mitglieder von Kind e.V. „Die Hauptmotivation bestand darin, auch als kleines Unternehmen unseren Mitarbeitern den Arbeitsalltag durch Kinderbetreuung zu erleichtern“, sagt Michael Schober, Personalleiter bei Scharr. Die Kindergärten des Vereins sind grundsätzlich öffentlich. Denn nur dann fließen ausreichend öffentliche Fördermittel zu Finanzierung in die Einrichtungen. Doch können sich die Unternehmen Belegplätze sichern. Aktuell sind drei Kinder von Mitarbeitern der Scharr KG in dem Kindergarten untergebracht.  Finanziell engagiert sich das Unternehmen durch einen Mitgliedsbeitrag für den Verein, der Kindergartenplatz wird durch einen Eigenbeitrag der Eltern und einen Beitrag des Unternehmens finanziert. Auch in den Ferien ist für die Kinder gesorgt. „Im Kindergarten gibt es in den Ferienzeiten ein spezielles Ferienprogramm. Die Kosten dafür teilen wir uns mit den Eltern 50:50“, berichtet Schober.

Familienfreundlich 2: Wiedereinstieg nach Elternzeit

Noch bevor das Thema der Kinderbetreuung offiziell auf der Agenda steht, müssen sich Eltern und Arbeitgeber über den Wiedereinstieg frisch gebackener Eltern Gedanken machen. Dieser fällt nach der Elternzeit nicht immer leicht. Teilweise liegen zwei bis drei Jahre zwischen der Auszeit und dem neuerlichen Einstieg. Um diesen zu erleichtern, versucht Mundipharma aus Hessen, auch während der Elternzeit den  Kontakt zu den Mitarbeitern zu halten – über Einladungen zu Firmenevents, Weiterbildungsmaßnahmen oder das Firmenmagazin, in dem über die neuen Erdenbürger, die „Mini-Mundis“, berichtet wird. „Wir wollen eine Unternehmenskultur leben, die familienfreundlich ist. Die Mini-Mundis sind ein Teil davon“, sagt Martin Schöne, Personalleiter des mittelständischen Pharmazieunternehmens.

Eva-Maria Hahn bekam 2010 ihre Tochter Emmi. Während ihrer Elternzeit wollte sie nicht den Anschluss verlieren und arbeitete kurzerhand einen halben Tag pro Woche. Fielen in einer Woche zehn Arbeitsstunden an, "bummelte" sie diese in den darauffolgenden Wochen ab. „Die geringfügige Beschäftigung war optimal, um in meinen Themen am Ball zu bleiben. Den Kontakt zu meinen Arbeitskollegen und dem Marktgeschehen habe ich so aufrecht erhalten können“, erzählt Hahn. Die Meetings fanden auch schon mal zu Hause statt, und die Kollegen besuchten sie, um ihr die Anreise zum Firmenstandort zu ersparen.

Ist der Tag des Wiedereinstiegs gekommen, helfen flexible Arbeitszeitmodelle, um den Schritt zurück in die Arbeitswelt familienfreundlich zu meistern. Mundipharma bietet seinen Mitarbeitern individuell angepasste Lösungen: „Wir haben mittlerweile rund 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle entwickelt, damit wir Flexibilität in Arbeitszeit- und Arbeitsort gewähren können“, sagt Personalleiter Schöne. Teilzeitmodelle, auch in Verbindung mit Homeoffice, findet bei dem hessischen Unternehmen in verschiedensten Kombinationen Anwendung. Diese Arbeitszeitmodelle werden nicht nur von Eltern in Anspruch genommen. Denn auch das Thema Demografie zieht nicht spurlos an dem Mittelständler vorbei.

Familienfreundlich 3: Beruf und Pflege unter einen Hut bringen

Die Reaktionszeit bei einem plötzlich eintretenden Pflegefall, z.B. einem Schlaganfall, ist wesentlich kürzer als bei werdenden Eltern. Neben der Möglichkeit, dann in Teilzeit zu wechseln, bietet Mundipharma seinen Mitarbeitern eine externe Sozialberatung, die in Notlage schnell hilft. „Dort können sich unsere Mitarbeiter über Leistungen und Pflegeangebote informieren“, erzählt Schöne.

Auch bei Mahr, einem Hersteller von Messtechnik, wird das Thema Beruf und Pflege seit gut einem Jahr fokussiert angegangen. „Das Thema gewinnt angesichts des demografischen Wandels zunehmend an Bedeutung“, erzählt Personalleiterin Barbara Fuisting. Doch zeigte sich die Belegschaft des Mittelständlers zunächst verschlossen. „Das Thema Pflege ist noch stark mit Ängsten belegt und wird von Betroffenen kaum kommuniziert, schon gar nicht dem Arbeitgeber gegenüber“, sagt Fuisting. Erst durch eine Reihe von Informationsveranstaltungen zu Themen wie Demenz und Patientenverfügung kamen die Mitarbeiter schließlich aus der Deckung. Eine Reihe von ihnen berichtete, dass sie bereits seit Jahren Angehörige pflegten. Seither wird mit dem Thema offensiv umgegangen. Mahr sieht sich dabei vor allem als Mittler. So gibt es einen Notfallordner für plötzliche Pflegefälle mit Informationen zu den ersten Schritten in der zunächst ungewohnten Situation.

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