Mittwoch, 17.02.2021

CEWE

Christian Friege, CEO von Cewe, macht sich von der Digitalisierung täglich ein Bild.

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Macher

Cewe-CEO Christian Friege: Emotional schlauer

Mit KI, Social Media und Heiratsanträgen kontert der Fotospezialist Cewe potenziellen Angreifern wie Google.

"Hand aufs Herz: Wann haben wir unserem Lieblingsmenschen zum letzten Mal gesagt, wie dankbar wir dafür sind, gemeinsam durchs Leben zu gehen und wie sehr wir ihn lieben?" Europas größter Fotodienstleister kann auch lyrisch. So bewirbt Cewe zum anstehenden Valentinstag seine "romantische Foto-Schokobox". Es war ein weiter Weg von den Papierabzügen bräunlicher Negative zur Schokobox, Kochbuch für Lieblingsrezepte oder im Coronajahr dem Fotobuch samt QR-Code für ein Video der Enkel. Cewe musste erleben, wie schnell ein Geschäftsmodell disruptiv geschreddert werden kann. Aber das Unternehmen reagierte schneller und erfolgreicher als Mitbewerber.

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Wie das geht? "Wir sind nicht groß genug für Grundlagenforschung. Aber groß genug, sie schnell anzuwenden", sagt CEO Christian Friege. Cewe, oder präziser die Cewe Stiftung & Co. KGaA, scheint über die nötigen Finanzen dafür zu verfügen. Umsatz 2019: 714 Millionen Euro mit Fototechnik und Druckartikeln. Die Marken Saxoprint, Laserline, viaprinto und der Highend-Anbieter Whitewall, den auch Profifotografen nutzen, gehören inzwischen zum Reich der Niedersachsen.

Herausforderungen

Breit aufgestellt zu sein reicht im europäischen Fotofinishing-Markt aber nicht. Denn erstens fordert der Kunde noch mehr digitalen, aber unauffälligen Support bei der Buch-Gestaltung. Zweitens ist sein Werk zwar individuell – aber bei mehr als sechs Millionen verkauften Cewe-Fotobüchern im Jahr doch ein Massenprodukt auf Basis von Daten. Also genau dem Rohstoff, den Google und Co. zwecks Erweiterung ihrer Geschäftsmodelle suchen. Denn sobald diese Profis Daten besser aufbereiten, kapern sie auch Kunden – egal in welcher Branche.

Apple mit seinem Fundus von Milliarden Kunden-Fotos in der unternehmenseigenen iCloud hat es in Cewes Revier schon versucht. Die Amerikaner integrierten in ihre Foto-App einen Foto-Druckdienst – und nahmen ihn 2018 unauffällig wieder vom Markt. Doch bei Google liege der Fall anders, glaubt Friege. Für Giganten wie Google oder Amazon bedeuteten Cewe-Produkte zwar bestenfalls die Größenordnung einer Rundungsdifferenz, hofft der 54-Jährige. "Problematisch könnte es aber werden, wenn Gatekeeper wie Google den Kundenzugang über Onlinewerbung aus ihrer Quasi-Monopolstellung heraus beschränken. Da müssen wir wachsam und wehrhaft sein". Er erwarte von der EU eine entsprechende Wettbewerbsregulierung und Einsatz gegen ein Monopol.

Warten auf Brüssel ist aber keine Option. Frieges Team setzt auf ein ausgefeiltes Inhouse-Ideenmanagement, die Kooperation mit der Universität direkt vor Ort und eine Kundenbindung durch ein maximal emotionalisiertes Produkt. Einmal im Jahr treffen sich dafür in Oldenburg 600 der 4200 Mitarbeiter aus ganz Europa zu den "Innovation Days". Sie filtern die besten Ideen aus den Vorschlägen, die alle Kollegen im Laufe des Jahres über das Intranet ins Rennen geworfen haben. Anschließend stimmen die Teilnehmer der Innovation Days via App über die Shortlist ab. Die Cewe-Spezialisten für Künstliche Intelligenz arbeiten unterdessen zusammen mit wechselnden Teams der Stammbelegschaft auf dem "Mobile and Artificial Intelligence Campus".

Ihre wichtigste Frage: Wie kann Cewe von neuen Smartphone-Anwendungen und der nächsten Stufe künstlicher Intelligenz möglichst schnell profitieren? "Für uns ist beim Thema KI aber nicht das Silicon Valley, sondern die Kooperation mit der Universität Oldenburg das entscheidende Erfolgskriterium", beschreibt Friege seine Strategie. Forschung und Anwendung arbeiteten dort Hand in Hand, um den Cewe-Kunden die Arbeit am Fotobuch zu erleichtern. So identifiziert KI beispielsweise nicht nur Ereignisse am gleichen Ort oder in zeitlicher Nähe. "Aus 500 Fotos 150 zu wählen, ist trivial", beschreibt es Friege. "Aber erst KI erkennt besser als ein Algorithmus, welches die wichtigen Fotos sind und auf welchen alle Menschen die Augen geöffnet haben."

Cewe profitiert davon, dass Friege – CEO seit 2017 – früher in so unterschiedlichen Branchen wie Energie, Medien und Telekommunikation unterwegs war. "Ich schaue mir querbeet an, wie sich Services, Onlinehandel und neue Einsatzmöglichkeiten von Smartphones in anderen Branchen entwickeln", skizziert der Vertriebsprofi sein internationales Netzwerk samt Dozententätigkeit an verschiedenen Hochschulen.

Zugleich macht Friege aus dem schwierigen Thema Datenschutz ein Asset im Kampf gegen ausländische Mitbewerber mit laxeren nationalen Vorschriften. Laut Cewe können nur die Kunden den Zugriff auf ihre mehr als 2,4 Milliarden Fotos pro Jahr in der cewe-eigenen Cloud autorisieren. Acht Wochen lang können sie ihre persönlichen Fotobücher, Tassen, Taschen, Kalender oder Handyhüllen nochmal nachproduzieren lassen. Danach würden alle Daten gelöscht. "Das ist Teil unseres Markenversprechens", betont Friege. Und verführt seine Kunden über ein neues Angebot, doch generell die Cewe-Cloud zur Speicherung ihrer Fotos zu nutzen: "Wir schenken Ihnen dauerhaft 10 GB Speicher – Platz für ca. 3000 Bilder".

Emotionale Verbundenheit

Die Oldenburger spielen zudem die Klaviatur der Social Media-Nutzung in der Unternehmenskommunikation aus. Im Zentrum steht das Fotobuch als hoch emotionalisiertes Produkt. Ein Beispiel: Längst gehören die TV-Spots, in denen glückliche Cewe-Kunden das Storytelling zu ihrem neuen Fotobuch gleich selbst übernehmen, zum deutschen Werbe-Allgemeingut. Und ja, es sind wirklich Amateure und nicht Schauspieler, die selig durchs digitale Album blättern.

Die Oldenburger finden ihre Testimonials zum Beispiel über ihren Instagram-Account mit knapp 20 000 Followern. Den späteren Filmdreh stellen sie als Making-Of auf ihrem YouTube-Kanal ein und berichten darüber auf ihrer Facebook-Fanpage, abonniert von mehr als 570 000 Personen. Große Reichweite und hohe Kundenbindung mit relativ wenig Aufwand. Und es funktioniert. Im TV-Spot und auf YouTube erklärt derzeit Kundin Julia ihrem Verlobten, dem Landwirt Phillip aus Lübeck, ihre Liebe. Nicht mit roten Rosen. Sondern mit dem Cewe-Fotobuch 2020 voller herzerwärmender Momente von Heiratsantrag bis Fohlengeburt. So geht Bindung.

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