Mittwoch, 25.11.2020

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Corona stellt Unternehmer auf eine harte Probe - auch und nicht zuletzt psychisch.

Personal
Psychische Belastungen

Corona greift die Seele an

Die Pandemie hinterlässt nicht nur Spuren in der Bilanz, sondern auch in Psyche bei Unternehmern. Es gibt Hilfe.

Vor wenigen Wochen gab Elmar Degenhart bekannt, dass er sich vorzeitig aus seinem Amt zurückzieht. Als Grund nannte der Chef des angeschlagenen Automobilzulieferers Continental „die unverzüglich Vorsorge für meine Gesundheit“. Wer sich umhört, erfährt, dass der 61-Jährige einen schweren Gehörsturz erlitten haben soll. Bei einem solchen Ohrinfarkt ist die Durchblutung des Innenohres vermindert, Auslöser dafür kann Stress sein. Tatsächlich stand der Conti-CEO wegen des Konzernumbaus bereits im vergangenen Jahr massiv unter Druck – und als wäre das nicht schon genug, schlug im März auch noch die Corona-Pandemie zu.

 

Der prominente Fall lenkt den Blick darauf, dass ein Großteil der Verantwortung in Krisen letztendlich auf den Schultern von Wenigen lastet. Mittelständische Unternehmer müssen dafür gerade stehen, wenn Lieferanten ausfallen oder Kunden Aufträge stornieren – nicht selten mit ihrem Privatvermögen. „Selbständige stehen durch Corona vor einer unsicheren Zukunft“, sagt Ulrich Stangier, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Frankfurt. „Dadurch haben sie ein enormes Maß an Verantwortlichkeit für die Mitarbeiter.“

 

Es begann mit Schwindel

 

Wissenschaftliche Studien, wie viele Führungskräfte – generell und im speziellen durch Corona – unter Stress und Unsicherheit leiden, gibt es nicht, dafür weiß man aber umso mehr über die Auswirkungen und Symptome. „Ein hohes Stresslevel ohne soziale Ankerpunkte kann Aggressionen, Ängste oder Depressionen auslösen“, sagt Ulrich Stangier. Sein Kollege Andreas Barner, der viele Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe in einer privaten Akutklinik für Psychosomatik im Oberharz behandelt, kann das bestätigen: „Seit dem ersten Lockdown machen sich viele unserer Patienten Sorgen darüber, dass sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen können, Mitarbeiter entlassen müssen oder sogar den ganzen Betrieb verlieren.“ In den meisten Fällen würden diese Ängste zwar nicht zur Realität. Doch die Betroffenen seien so stark darauf fokussiert, dass sie ihren hohen beruflichen Anforderungen nicht mehr stand halten.

 

Bei Rüdiger Striemer hat alles mit harmlosen Schwindel begonnen. Einige Wochen später litt der ehemalige Vorstand des mittelständischen Softwareentwicklers Adesso unter ständiger Angst. Sie wurde so stark, dass er das Haus nicht mehr verlassen konnte. „Eines Nachts wachte ich zum Beispiel auf und habe am ganzen Körper gezittert. Dazu hatte ich Schweißausbrüche und Herzrasen – einfach Angst“, erzählt Striemer, der über seine Erfahrungen auch ein Buch geschrieben hat. Die Diagnose lautete damals: generalisierte Angststörung und mittelschwere Depression. Das war im Jahr 2011, aber die Auslöser von damals sind durch Corona zum aktuellen Massenphänomen geworden: Kontrollverlust und Überforderung.

 

Mediziner raten: Wer zunehmend gereizt reagiert, nicht mehr schlafen kann und die Gedanken nur noch um Probleme kreisen, sollte sich Hilfe suchen. Wenn es Betroffenen wochenlang schlecht gehe, sie sich zu nichts mehr aufraffen könnten, nicht belastbar und emotional gelähmt seien, müsse gehandelt werden, erklärt Ulrich Stangier. Die niedrigste Schwelle ist der Anruf bei einem anonymen Corona-Krisentelefon, wie es zum Beispiel das Institut, das Stangier leitet, seit März geschaltet hat. Am anderen Ende der Leitung sitzen ausgebildete Psychologen: „Wir fragen zunächst, was der Anlass für den Anruf ist, und helfen dem Betroffenen, Lösungen für die emotionalen Probleme zu finden“, sagt der Psychologe. Jeder Anrufer bekommt eine psychologische Beratung, die bis zu einer Stunde dauern kann. Ist weitere Hilfe notwendig, können Betroffene die Institutsambulanz aufsuchen.

 

Immer mehr Mittelständler bieten auch eine externe Beratung für Führungskräfte und Mitarbeiter an. „Darin geht es um Themen aus dem privaten Umfeld sowie um Fragen des Arbeitsplatzes. Müssen wir annehmen, dass eine psychische Erkrankung vorliegt, vermitteln wir einen Therapeuten oder eine Spezialklinik“, sagt Susanne Tiedemann vom Fürstenberg Institut. 

 

Für Betroffene, die schon längerfristig mit Angst- und Panikattacken kämpfen, ist ein Psychotherapeut die beste Anlaufstelle. Alle Krankenkassen – auch die gesetzlichen – übernehmen die Kosten für eine Akuttherapie, die zwölf Therapiesitzungen umfasst. Sollte der Bedarf höher sein, kann der Therapeut eine Psychotherapie mit bis zu 60 Sitzungen beantragen. In Gesprächen identifiziert der Therapeut Störungen des Denkens, Handelns und Erlebens. Im weiteren Verlauf kann zum Beispiel ein Stärkenprofil erarbeitet oder die Vorteile von Veränderungen besprochen werden. Das steigert das Selbstwertgefühl und wirkt stabilisierend.

 

Achtsamkeitsübungen und Kunsttherapie

 

Wer eine ambulante therapeutische Behandlung zu lange hinauszögert, kann an den Punkt kommen, an dem er die Angst nicht mehr kontrollieren kann. Die Panik kann sich dann im schlimmsten Fall bis zur Todesangst steigern oder Suizidgedanken auslösen. Ganz so schlimm war es bei Ex-Manager Rüdiger Striemer nicht. Aber seine nächtliche Panikattacke führte dem damals 43-Jährigen klar vor Augen, dass er dringend Hilfe benötigte. Er entschied sich für eine psychosomatische Klinik in Brandenburg, die rund eine Stunde von seinem Wohnort Berlin entfernt liegt.

 

Die Aufenthaltsdauer in einer solchen Klinik beträgt mindestens drei Wochen. Bis es den Patienten wieder möglich ist, in ihren Alltag zurück zu kehren, kann es aber auch länger als drei Monate dauern. In dieser Zeit versuchen Therapeuten und Ärzte Gemüt, Geist und Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Im Rahmen einer individuell abgestimmten Behandlung gibt es eine große Bandbreite an Verfahren. Das Angebot in der Privatklinik Dr. Barner reicht von psychotherapeutischen Einzel- und Gruppengesprächen über Achtsamkeits- und Entspannungsübungen bis zu körperorientierten Verfahren wie der tiergestützten Therapie und Kunsttherapie. „Die körperorientierten Therapien ermöglichen den Patienten einen völlig neuen nicht-sprachlichen Zugang zu ihrer Thematik zu erleben“, erklärt der leitende Arzt Andreas Barner.

 

Was am besten hilft, ist bei jedem Patienten anders. „Die Gruppengespräche haben mir am meisten geholfen“, sagt Rüdiger Striemer. Nach seinem Aufenthalt in der Klinik kehrte der IT-Experte zunächst nochmal in seinen alten Beruf zurück. Doch drei Jahre später entschied er sich, seinen Vorstands-Job endgültig an den Nagel zu hängen. Er habe sich überlegt, ob er sich vorstellen kann, diese Position noch bis zum Ruhestand auszufüllen. Die Antwort sei „Nein“ gewesen, sagt Striemer rückblickend. Er wechselte in eine weniger aufreibende Funktion bei Adesso und nahm zusätzlich einen Lehrauftrag an einer Hochschule an. 

 

Nicht selten machen Betroffene nach einer psychischen Erkrankung einen Cut. Auch im Umfeld des Continental-Vorstands rechnet keiner damit, dass Elmar Degenhart wieder auf seinen alten Posten als CEO zurückkehren wird. Im Rahmen einer aktiven Gesundheitsfürsorge kann das sogar eine sinnvolle Lösung sein. 

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