Mittwoch, 04.07.2018

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Weniger zu tippen: Manche Unternehmen verzichten auf das Bewerbungsanschreiben

Personal
Abbau von bürokratische Hürden

Das Anschreiben ist die Visitenkarte des Bewerbers – und wird es auch bleiben

Bei der Bahn können sich Azubis ab dem Herbst ohne Anschreiben bewerben. Als Vorbild für den Mittelstand taugt diese Praxis allerdings nicht. Die Unternehmen legen Wert darauf, dass sich der Bewerber – zumindest gefühlt – vorstellt, sagt Personalexperte Wolfgang Häfner.

In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Wirtschaftswoche“ erklärte der Bahn-Personalvorstand Martin Seiler unlängst, dass sich Azubis bei dem Staatskonzern nur mit Lebenslauf und Zeugnisse bewerben könnten – ein Anschreiben sei in Zukunft nicht mehr notwendig. Während einzelne Personalberater den Schritt als „längst überfällig“ bezeichneten, um den Bewerbungsprozess den veränderten Marktbedingungen anzupassen, sehen es die Arbeitgeber eher kritisch. Eine aktuelle repräsentative Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Yougov unter gut 1.000 Personen ergab indes, dass 70 Prozent der Befragten ein solches Bewerbungsprozedere befürworten.

Könnte diese Idee auch dem Mittelstand helfen, offene Stellen schneller zu besetzen? „Markt und Mittelstand“ hat mit dem Personalexperten Wolfgang Häfner von dem auf mittelständische Unternehmen spezialisierten Jobvermittler Becker + Partner gesprochen.

Wolfgang Häfner ist geschäftsführender Partner bei Becker + Partner Personalberatung und Managementberatung für den Mittelstand

Foto: Becker + Partner

Wolfgang Häfner ist geschäftsführender Partner bei Becker + Partner Personalberatung und Managementberatung für den Mittelstand

Herr Häfner, die Deutsche Bahn will in Zukunft bei Bewerbungen auf das Anschreiben verzichten. Halten Sie das generell für eine sinnvolle Idee?
Wir haben tatsächlich mit Kunden über dieses Thema gesprochen. Aber die übereinstimmende Meinung war, dass das keine sinnvolle Variante ist, um geeignete Fach- und Führungskräfte zu finden.

Wie sieht es bei Azubis oder gewerblichen Mitarbeitern aus?

Da sehe ich keinen Unterschied. Das Problem für den Arbeitgeber besteht darin, dass für ihn dann gefühlsmäßig das erste Kennenlernen fehlt. Mit dem Anschreiben kann der Bewerber aus seiner Perspektive Anknüpfungspunkte herstellen; daran kann man erkennen, ob sich jemand mit dem Unternehmen beschäftigt hat. Und außerdem zeigt er damit auch seine Wertschätzung für den Bewerbungsprozess.

 

Mehr Artikel zum Thema Fachkräftemangel finden sie auf unserer Themenseite.

Die Befürworter einer Bewerbung ohne Anschreiben argumentieren, dass eine Bewerbung ohne Anschreiben effizienter und billiger wäre und darüber hinaus eine bessere Vergleichbarkeit besteht.

Auf der anderen Seite macht das den Prozess aber auch noch anonymer. Schon jetzt ist er ja sehr strukturiert und teilweise unpersönlich.

Kann man die Motivation nicht auch später in einem persönlichen Gespräch abchecken?
Nein oder zumindest nicht komplett. Erst wenn die fachliche und die persönliche Eignung passen, wird der Kandidat ja zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Umgekehrt wäre es viel zu ineffizient. Das Anschreiben ist die Visitenkarte des Bewerbers, damit macht er auf sich aufmerksam – und zwar abseits der Fakten.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen Sie jemanden, der sich auf eine Stelle als CNC-Fräser bewirbt: Wenn der als Kind mit seinem Vater eine Dampfmaschine gebaut hat und das sein Interesse für Maschinen geweckt hat, dann erklärt das seine Leidenschaft. Im CV taucht das aber an keiner Stelle auf.

Nichtsdestotrotz haben Anschreiben oft eine haarsträubende Qualität

… mag sein, aber es kommt auch darauf an, für welchen Beruf man Leute sucht. Bei einem gewerblichen Beruf kann man da eher mal ein Auge zudrücken. Nur weil das Anschreiben nicht perfekt ist, muss das per se kein schlechter Bewerber sein. Das halte ich für den falscher Ansatz. Daneben kommt es natürlich auch auf den Leidensdruck an.

Inwiefern?
Wenn ein mittelständisches Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels nur schwer Bewerber findet, kann es über kleine Fehler auch mal hinwegsehen. Wird es hingegen mit Bewerbungen überschüttet, kann ein formal einwandfreies Anschreiben ein Kriterium sein. Hinzu kommt: Nicht geeignete Bewerber scheitern in der Regel nicht am Anschreiben, sondern an den fehlenden fachlichen Qualifikationen.

Ist ein Bewerbungsschreiben in Zeiten von Big Data noch zeitgemäß?
Derzeit ist sicherlich vieles im Wandel. Die Bekanntheit kann man durchaus über Recruitingplattformen wie Xing & Co. erreichen. Aber den Verlauf des Werdegangs, die Tiefe der praktischen Erfahrungen oder auch welche Werte jemand hat und wie er mit Menschen zusammenarbeitet, können automatisierte Lösungen nicht erfassen.

Was raten Sie Mittelständlern, die Probleme haben, gewerbliche Stellen nachzubesetzen?
Tatsächlich bekommen wir ganz viele Anfragen für Mechatroniker, Industriemechaniker oder Fräser. Diesen Unternehmen empfehlen wir, sich an regional gut verknüpft Institutionen zu wenden, also, das Arbeitsamt, Jobmessen oder Schulen.

Info

Zur Person

Wolfgang Häfner ist geschäftsführender Partner bei der Becker + Partner Personalberatung und Managementberatung für den Mittelstand mit Sitz in Mannheim.