Freitag, 08.05.2020
Wer in der Jugend spart, muss im Alter nicht darben: Eine bAV kann dabei helfen.

Foto: AlexRaths/iStock/Getty Images

Wer in der Jugend spart, muss im Alter nicht darben: Eine bAV kann dabei helfen.

Personal
Neue Studie

Die bAV ist im Mittelstand noch nur mäßig verbreitet

Eine neue Studie zeigt: Nach einem schleppenden Start kommt der Markt für betriebliche Altersversorgung im Mittelstand langsam in Fahrt. Mit einer bAV können die Unternehmen ihre Arbeitgeberattraktivität erhöhen.

Mancher Geschäftsführer im Mittelstand hatte sich wohl mehr Initiative vom Markt erhofft. Doch das vergangene Jahr verlief für die betriebliche Altersversorgung (bAV) mit Blick auf das Betriebsrentenstärkungsgesetz und Sozialpartnermodelle (SPM) enttäuschend. Nur ein einziges Sozialpartnermodell wurde auf betrieblicher Ebene abgeschlossen. Sonst tat sich nichts. Stattdessen zeigten sich 2019 Finanzierungslücken und Reformbedarf vor allem bei Pensionskassen, etwa der Kölner Pensionskasse oder der Steuerberater-Pensionskasse. Der von der EZB nachgerade zementierte Niedrigzins als das „new normal“ gab zudem wenig Anlass, auf einen Run der Beschäftigten und der Arbeitgeber auf die bAV zu hoffen. Eine im Grunde genommen absurde Situation: Denn der Nachholbedarf an kapitalgedeckter Vorsorge ist für die Mitarbeiter im Mittelstand am größten.

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Immerhin tröstlich: Die bAV im Mittelstand ist in Bewegung, wie die Studie „Betriebliche Altersversorgung im Mittelstand 2020“ von F.A.Z.-Fachverlag und Generali Deutschland belegt. Die Berliner Marktforschungsgesellschaft Forsa interviewte im Januar 2020 insgesamt 201 Personalverantwortliche mit Zuständigkeit für die betriebliche Altersversorgung aus deutschen mittelständischen Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern zur aktuellen Entwicklung der bAV. Seit nunmehr neun Jahren bauen das F.A.Z.-Institut, der F.A.Z.-Fachverlag sowie das Versicherungsunternehmen Generali Deutschland mit den Ergebnissen dieser Befragung und der früheren Erhebungen Zeitreihen zur betrieblichen Altersversorgung im Mittelstand auf.

Marktdurchdringung steigt

Erste Erkenntnis: Die Marktdurchdringung der bAV ist laut der Studie im Vergleich zum Vorjahr auf allen Hierarchieebenen gestiegen: Das fängt bei den Mitarbeitern unterhalb der Führungskräfteebene an, von denen 45,7 Prozent an bAV-Programmen teilnehmen. Das sind mehr als in den vier vorangegangenen Jahren. Der Anteil der Mitarbeiter mit bAV ist in größeren Betrieben mit 250 bis 500 Mitarbeitern besonders hoch. Dort sorgt exakt jeder zweite Beschäftigte betrieblich für das Alter vor (50 Prozent). In den kleineren Betrieben ist der Nachholbedarf bei der bAV am größten – sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Führungskräften und Managern.

Kräftig gestiegen ist insbesondere die Marktdurchdringung der bAV im Topmanagement. Vor einem Jahr war sie noch überraschend rückläufig, obwohl eine Pension für die Spitzenentscheider in vielen Betrieben zum Vergütungspaket dazugehören muss. In dieser Personengruppe nehmen 58,6 Prozent an bAV-Programmen teil, ein Zuwachs um mehr als vier Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Im mittleren Management ist der Anteil im Vorjahresvergleich um gut zwei Prozentpunkte auf 49,2 Prozent gestiegen. Differenziert man nach Branchen, weisen Dienstleister auf allen Hierarchieebenen höhere Werte bei der Marktdurchdringung als Industrieunternehmen auf.

Aktuelle Studie zur bAV im Mittelstand

 

Die Studie „Betriebliche Altersversorgung im Mittelstand 2020. Vorsorge und Personalplanung aus der Sicht von bAV-Verantwortlichen“ wird vom F.A.Z.-Fachverlag, dem F.A.Z.-Institut sowie Generali Deutschland herausgegeben. Die seit 2011 veröffentlichte Studienreihe basiert auf einer Umfrage unter 200 bAV-Verantwortlichen in deutschen mittelständischen Unternehmen. Die aktuelle Ausgabe der Studie kostet 75 Euro und kann hier bestellt werden.

Auf eine wachsende Nachfrage stoßen bei den Betrieben vor allem gemischt finanzierte Pläne. Ebenso bauen Versicherungsunternehmen ihre marktbeherrschende Stellung in der bAV im Mittelstand aus, während Pensionskassen und Kreditinstitute deutlich an Marktanteilen verlieren. Die Arbeitgeber wollen ihren Beschäftigten deutlich mehr Lösungen und Hilfen rund um die betriebliche Gesundheit anbieten, um die Folgen des Wandels in der Arbeitswelt abzufedern und um die Arbeitsgeberattraktivität zu erhöhen und damit den Fachkräftemangel zu lindern.

Boom zu Mischfinanzierung

Modelle der betrieblichen Altersversorgung, die auf einer gemischten Finanzierung aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen basieren, sind im Vergleich zum Vorjahr am Markt stärker verbreitet. Unter den angebotenen Finanzierungsformen erhöhte sich ihr Anteil binnen Jahresfrist um vier Prozentpunkte auf 76 Prozent. Demgegenüber ist die rein arbeitnehmerfinanzierte Entgeltumwandlung stabil bei einem Anteil von 44 Prozent. Die rein arbeitgeberfinanzierte Betriebsrente weist mit 29 Prozent erstmals seit drei Jahren wieder einen Zuwachs gegenüber dem Vorjahr auf (plus drei Prozentpunkte).

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Im Durchschnitt bieten die mittelständischen Betriebe ihren Mitarbeitern 2019 rund 1,5 unterschiedliche bAV-Modelle an. Gerade die größeren Betriebe mit 250 bis 500 Mitarbeitern weisen aktuell deutlich mehr gemischt finanzierte Modelle auf als vor einem Jahr. Ein anderes Bild zeigt sich in der rein arbeitnehmerfinanzierten Entgeltumwandlung. Diese bieten 52 Prozent der mittleren Betriebe an, womit sie vor den größeren (41 Prozent) und den kleineren Betrieben (38 Prozent) liegen. Rein arbeitgeberfinanzierte Betriebsrenten werden von rund einem Drittel der mittelgroßen Betriebe (37 Prozent) und größeren Betriebe (33 Prozent) angeboten. Damit liegen die Werte deutlich über denen der kleineren Betriebe (15 Prozent). Oft spendieren größere Betriebe diesen arbeitgeberfinanzierten Benefit, um Mitarbeiter lange zu halten. Das kann und will sich nicht jeder kleinere Arbeitgeber leisten. Was folgt daraus? Lohnt sich bAV für Kleinbetriebe nicht? Der Vorsorgebedarf der Beschäftigten ist gleich groß, doch offenbar fehlt es den Chefs immer noch an Motivation, Geld oder Nachfrage, um eine betriebliche Altersversorgung anzubieten.

Die bAV-Verantwortlichen im deutschen Mittelstand zeigen sich zunehmend ernüchtert darüber, was die Möglichkeiten des Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) für den eigenen Betrieb angeht. Zwar sieht fast jeder zweite Befragte in den Betrieben größere finanzielle Reserven der Arbeitnehmer für die Altersvorsorge – das sind vier Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr (48 Prozent versus 44 Prozent). Doch die positiven Wirkungen des BRSG auf die Vorsorgeaktivitäten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern werden heute durchweg zurückhaltender bewertet als vor einem Jahr. Die für die betriebliche Altersvorsorge Verantwortlichen erkennen zwar finanzielle Spielräume der Beschäftigten in der Vorsorge, aber auch ein rückläufiges Interesse der Mitarbeiter an selbstfinanzierter Altersvorsorge. Obwohl die Anreizwirkungen des BRSG auf Beschäftigte im Mittelstand unbestritten sind, bleibt die Nachfrage von Seiten der Mitarbeiter schwach. Offenbar braucht es Garantien und den Zuschuss vom Chef, damit die Beschäftigten Entgelt umwandeln lassen. Die Wohltaten des BRSG allein reichen offenbar nicht aus.

Skepsis gegenüber Sondermodellen

Im Vergleich zum Vorjahr schätzen die Befragten das grundsätzliche Interesse der Arbeitgeber, eine bAV anzubieten, leicht geringer ein (32 Prozent versus 36 Prozent). Etwas optimistischer sind sie in ihrer Erwartung, in absehbarer Zeit erste Sozialpartnermodelle der Tarifparteien in einzelnen Branchen auf dem Markt zu sehen (17 Prozent versus 14 Prozent). Geringe Chancen räumen sie einer stärkeren Verbreitung von Opting-out-Regelungen ein (8 Prozent versus 12 Prozent). Insgesamt sehen größere Betriebe sowie Dienstleistungsgesellschaften im Betriebsrentenstärkungsgesetz mehr Potential als andere Unternehmen. Zugleich sagen lediglich 14 Prozent der Befragten ausdrücklich, dass das Gesetz auf die bAV im eigenen Betrieb keine positive Wirkung hat (2018: 9 Prozent).

Besonders gering jedoch schätzen die bAV-Verantwortlichen im Mittelstand die Bereitschaft der Arbeitnehmer ein, in den nächsten fünf Jahren eine betriebliche Alterversorgung ohne Garantien abzuschließen. Vor allem kleinere Betriebe äußern sich zu dieser Frage zurückhaltend. Gerade mal drei Prozent aller mittelständischen bAV-Verantwortlichen gehen davon aus, dass mehr als 50 Prozent der eigenen Belegschaft bAV-Produkte ohne Garantie nachfragen werden. 58 Prozent der Befragten schätzen, dass lediglich maximal zehn Prozent der Beschäftigten im eigenen Haus bAV-Produkte ohne Garantien kaufen wollen.

Assekuranz wächst

Die Versicherungsbranche untermauert ihre Führungsrolle als größter bAV-Anbieter für den Mittelstand. 83 Prozent der bAV-Verantwortlichen geben an, dass ihr Unternehmen mit der Versicherungsbranche zusammenarbeite t– zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Dabei profitiert die Assekuranz offensichtlich auch von der Schwäche anderer Durchführungswege. So verlieren Pensionskassen Marktanteile und erzielen mit 41 Prozent ihren bislang schwächsten Wert seit 2011. Trotzdem können sie ihren zweiten Platz unter den bAV-Dienstleistern behaupten. An dritter Stelle liegen die Versicherungsmakler. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das ebenfalls eine leichte Verschlechterung.

Dieser Artikel stammt aus der April-Ausgabe von „Markt und Mittelstand“. Sie möchten den Zugang zu unserem gesamten digitalen Printarchiv erhalten? Dann registrieren Sie sich kostenlos für unser Magazin-Archiv.

Die branchen- oder tarifvertraglichen Versorgungswerke folgen mit weitem Abstand auf dem vierten Platz. Sie haben sich gegenüber den beiden zurückliegenden Jahren verbessert und sind vor allem bei größeren Betrieben häufiger zu finden. Auffallend: die negative Entwicklung der Kreditinstitute. Nach 15 Prozent vor einem Jahr sind sie jetzt auf 9 Prozent abgerutscht. Banken und Kreditinstitute befinden sich immer noch in einem Strukturwandel, der auch angestammtes Nebengeschäft umpflügt. Zugleich vertrauen die mittelständischen Betriebe bei Neuabschlüssen anderen Anbietern als ihren Banken. Hinter den Kreditinstituten folgen Beratungsgesellschaften, Versorgungswerke anderer Unternehmen und sonstige Finanzdienstleister.

Wandel verlangt Vorsorge

Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt und die digitale Transformation in den Unternehmen verändern die Arbeitssituation für jeden einzelnen Beschäftigten – und zwar unabhängig von seiner Hierarchiestufe. Der Wandel und die davon beeinflusste Erwartungshaltung der Belegschaft zwingen die Arbeitgeber dazu, sich mehr Gedanken über die Gesunderhaltung ihrer Beschäftigten zu machen. Damit gewinnt die betriebliche Gesundheit auch für den Mittelstand an Relevanz. Fast neun von zehn bAV Verantwortlichen stimmen der These zu, Arbeitgeber seien angesichts sich ändernder Arbeitsbedingungen gezwungen, mehr gesundheitsfördernde Maßnahmen anzubieten, um die Arbeitsfähigkeit der Belegschaft zu erhalten. Dahinter steckt der Umstand, dass insbesondere der – produzierende – Mittelstand oft eine alternde Belegschaft hat. Da der Arbeitsmarkt derzeit (noch) in manchen Branchen leergefegt ist, tun sich die Arbeitgeber schwer damit, neue Mitarbeiter in ausreichender Zahl und Qualifikation zu rekrutieren. Deshalb investiert so mancher Arbeitgeber verstärkt in die Gesunderhaltung seiner Beschäftigten.

Auch die bAV befindet sich in einem digitalen Wandel. Drei Viertel der bAV-Verantwortlichen stimmen der These zu, Anbieter sollten ganzheitliche digitale Lösungen bereitstellen, die die gesamten Prozesse rund um das bAV-Produkt digital gestalten, um der Komplexität der bAV und den Kundenwünschen auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite gerecht zu werden. Somit wächst das Interesse des Mittelstands an digitalen Lösungen, obwohl ihm gemeinhin der Vorwurf gemacht wird, die digitale Transformation zu verschlafen oder zumindest zu langsam umzusetzen.

Um sich im Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte besser zu positionieren, wollen mittelständische Arbeitgeber die bAV um Gesundheitszusatzleistungen ergänzen: Die überwiegende Zahl der bAV-Verantwortlichen kann sich vorstellen, die Kosten bei Gesundheitskursen und für Fitnessanlagen zumindest zu einem gewissen Teil zu übernehmen. Auch die Ausstattung des Arbeitsplatzes nach ergonomischen Gesichtspunkten steht hoch im Kurs, ebenso wie die Einführung eines betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM).

Den Handlungsbedarf des Mittelstandes in Sachen Gesundheit verrät der Blick auf die Zufriedenheit mit dem eigenen betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM): Lediglich jeder fünfte bAV-Verantwortliche ist mit dem eigenen BGM sehr zufrieden. Offenbar sind gesundheitsfördernde Maßnahmen in den Augen der Beschäftigten ein weicher Faktor, der die Bindung des einzelnen Mitarbeiters an sein Unternehmen nicht im selben Maße erhöht wie etwa die Faktoren Gehalt, Weiterbildung oder Altersvorsorge.

Resümee

Als Fazit bleibt: Der Mittelstand hält Kurs auf die bAV. Auch wenn die Skepsis des Mittelstandes gegenüber dem Betriebsrentenstärkungsgesetz wächst, steigt die Marktdurchdringung im Vergleich zum Vorjahr auf allen Hierarchieebenen. Vor allem gemischt finanzierte Pläne stoßen bei den Betrieben auf wachsende Nachfrage. Die Versicherungsunternehmen bauen ihre marktbeherrschende Stellung im Mittelstand aus, während Pensionskassen und Kreditinstitute an Marktanteilen verlieren. Arbeitgeber wollen ihren Beschäftigten mehr Hilfen rund um die betriebliche Gesundheit anbieten, um die Folgen des Wandels in der Arbeitswelt abzufedern und die Mitarbeiterbindung zu erhöhen. Die Kernergebnisse der Studie im Überblick:

 

  • Die bAV-Marktdurchdringung legt bei Mitarbeitern und Führungskräften zu.
  • Es herrscht Skepsis gegenüber positiven Wirkungen des BRSG und der Nachfrage der Beschäftigten nach einer bAV ohne Garantien.
  • Gemischt finanzierte bAV-Pläne stoßen weiterhin auf eine rege Nachfrage.
  • Der Anteil der Assekuranz auf dem bAV-Markt wächst weiter.
  • Der Mittelstand will angesichts des Wandels der Arbeitswelt mehr Gesundheitsvorsorge anbieten.
  • Kostenübernahme für Kurse und Fitness sowie Ergonomie am Arbeitsplatz und BEM stoßen auf großes Interesse.