Freitag, 05.04.2019
Hohes Interesse: Mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter der Isabellenhütte zahlen in die bAV ein.

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Hohes Interesse: Mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter der Isabellenhütte zahlen in die bAV ein.

Personal
Betriebliche Altersversorgung im Mittelstand

So hat ein Industriehersteller eine hohe Beteiligungsquote bei der bAV erreicht

Eine betriebliche Altersversorgung für ihre Mitarbeiter anzubieten ist vielen Mittelständlern zu aufwendig. Die Isabellenhütte zeigt, dass es trotzdem machbar ist. Mittlerweile zahlen mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter in die bAV ein.

Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz wollte der Gesetzgeber 2018 die betriebliche Altersversorgung (bAV) eigentlich attraktiver machen. Insbesondere für die Mitarbeiter kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) sollten Anreize geschaffen werden, um nach dem Arbeitsleben finanziell abgesichert zu sein. Was gut gemeint war, hat in der Umsetzung seine Tücken. Denn mit der ergänzenden Einführung des neuen Sozialpartnermodells wurde das ohnehin komplizierte bAV-System noch unübersichtlicher. Viele Mittelständler stehen der bAV deshalb auch weiterhin skeptisch gegenüber. Eine Ausnahme bildet die Isabellenhütte aus dem mittelhessischen Dillenburg.

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Der mittelständische Hersteller von Präzisions- und Leistungswiderständen, Sensormodulen sowie Widerstands- und Thermolegierungen bietet seinen Mitarbeitern bereits seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine bAV an. Neben der Entgeltumwandlung und Altersvorsorgewirksamen Leistungen (AVWL) konnten sich die Mitarbeiter auch schon für eine Direktversicherung entscheiden. An dem Modell beteiligten sich rund drei Viertel der Mitarbeiter. Über eine mangelnde Akzeptanz der bAV konnte sich das Unternehmen also nicht beklagen. Zusätzlich gab es eine Direktzusage für alle Mitarbeiter, die eine Einmalkapitalzahlung zum Renteneintritt garantierte. Diese wurde allerdings aufgrund der dafür zu bildenden Rückstellungen 2010 geschlossen und durch eine Direktversicherung abgelöst.

Neues Konzept für mehr Anreize

Vor gut zwei Jahren startete der Industriehersteller sein neues bAV-Konzept namens „Isacare“. Es basiert auf der beitragsorientierten Leistungszusage und ist in drei frei wählbare Stufen gestaffelt. Die erste sieht vor, einen arbeitgeberfinanzierten Basisbeitrag in Höhe von 600 Euro pro Jahr in die Betriebsrente einzuzahlen. Zusätzlich kann jeder Mitarbeiter einen Teil seines Arbeitsentgelts in die bAV einzahlen bzw. umwandeln. Um einen Anreiz dafür zu schaffen, stockt die Isabellenhütte diesen individuellen wählbaren Betrag pauschal um 30 Prozent oder maximal 150 Euro auf. „Ein Mitarbeiter, der im Jahr 500 Euro umwandelt, kann diesen Zuschuss komplett ausschöpfen“, rechnet Steffen Enseroth, Leiter Entgeltabrechnung bei der Isabellenhütte, vor. Wie attraktiv das Angebot ist, zeige sich darin, dass ein Mitarbeiter bei der Inanspruchnahme der Zuschüsse des Arbeitgebers aus Säule eins und zwei nur 25 Euro (netto) aufwenden müsse, um 100 Euro (brutto) in die bAV einzubezahlen

In einem weiteren Schritt können die Mitarbeiter zusätzlich ihre jährliche Erfolgsbeteiligung in die bAV umleiten, anstatt sie sich auszahlen zu lassen. Rund drei Prozent des Jahresüberschusses der Isabellenhütte wurden in den vergangenen Jahren an die Belegschaft ausgeschüttet. Der Betrag beläuft sich in der Regel auf 600 Euro bis 800 Euro pro Mitarbeiter und wird ebenfalls mit 30 Prozent bezuschusst. Allein dadurch füllt sich die private bAV-Kasse pro Mitarbeiter um rund 600 Euro – plus Zuschuss. 

Je nach gewählter Stufe schließen die Mitarbeiter mit dem bAV-Versorgungswerk Metall Rente einen Vertrag ab, dessen Konsortialpartner unter anderem die Allianz ist. Die interne Beratung bei der Isabellenhütte in Form von Infoveranstaltungen, Kleingruppenworkshops und Einzelberatung übernahmen die bAV-Spezialisten von Pension Solutions. „Durch diese Auslagerung konnten wir eine überproportionale Mehrbelastung unserer Personalabteilung vermeiden“, hebt Steffen Enseroth einen Vorteil hervor. 

Hürden bei der Umsetzung

Bei der Umsetzung der bAV in KMU gibt vor es allem zwei Herausforderungen. Zum einen muss die Kommunikation umfassend sein und möglichst alle Mitarbeiter erreichen. „Wenn man das schlecht macht, schafft man vielleicht eine Durchdringung von 15 Prozent“, meint Enseroth. Die zweite und etwas schwierigere Herausforderung besteht darin, dass die Mitarbeiter oft unterschiedliche bAV-Anbieter mit individuell ausgehandelten Vertragskonditionen und Laufzeiten haben. Da verliert die Personalabteilung schnell den Überblick. Auch der Chef der Entgeltabrechnung bei der Isabellenhütte kennt dieses Problem, doch der 41-Jährige hat eine simple Lösung gefunden. „Bei uns gibt es nur eine einzige Versicherungslösung. Wenn jemand einen Vertrag mit einem anderen bAV-Anbieter hat als unserem, muss er diesen in einen Isacare-Vertrag umwandeln oder stilllegen und einen neuen Vertrag abschließen“, sagt Enseroth bestimmt. Denn: „Ein Chaos entsteht nur dann, wenn jeder macht, was er will.“

Mit einer klaren Kommunikationsstrategie und guter Beratung hat Isacare die Erwartungen übertroffen. Von den knapp 1.000 Mitarbeitern haben lediglich rund 50 noch keine Altersversorgung abgeschlossen. „Die Gesamtdurchdringung liegt jetzt bei mehr als 90 Prozent“, freut sich Enseroth. Der Erfolg ist aber keineswegs ein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Enseroths To-dos im Zusammenhang mit der bAV in den kommenden Jahren sind eine Absicherung von persönlichen Risiken, wie beispielsweise die Erwerbsminderung, sowie die Einführung einer betrieblichen Krankenversicherung.

Werbung nach außen

Das preisgekrönte Isacare-Modell nutzt die Isabellenhütte auch gezielt in der Außendarstellung, insbesondere für die Gewinnung von hochqualifizierten Experten und Führungskräften. „Diesen bieten wir, genauso wie bereits vorhandenen Führungskräften, ein Paket von verschiedenen Incentives an. Dazu gehört auch ein bAV-Zuschuss, der deutlich über dem für normale Mitarbeiter liegt“, sagt Enseroth.

Gerade wenn man als Arbeitnehmer früh anfange, in die betriebliche Altersversorgung einzuzahlen, handele es sich um ein wirkungsvolles Mittel, um nach der Rente nicht in Altersarmut zu verfallen. „Wenn man es richtig macht, kann man mit 40 Jahren schon einen Betriebsrentenanspruch haben, von dem andere nur träumen können“, sagt Enseroth. Die Isabellenhütte profitiert sicherlich auch davon, dass das Gehaltsniveau in der Branche relativ hoch ist und die vergangenen Tarifabschlüsse üppig ausfielen, aber das Unternehmen beweist vor allem auch, dass eine attraktive bAV im Mittelstand möglich ist.